Startseite Gesichtet Über Patriotismus und Nationalismus: Und warum eine erfolgreiche Republik beides braucht

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Über Patriotismus und Nationalismus: Und warum eine erfolgreiche Republik beides braucht PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Robin Classen   
Donnerstag, den 13. August 2009 um 09:19 Uhr

Dem deutschen VolkePatriotismus und Nationalismus – wenn man in einer Umfrage im Bundestag nach der Bedeutung der heutzutage gerne als negativ und veraltet stigmatisierten Begriffe fragte, man erhielte wohl nur falsche Antworten. Doch selbst innerhalb der deutschen Rechten würde man oft nur peinliches Schweigen als Antwort ernten. Umso lieber werden jedoch die beiden Begriffe gegeneinander ausgespielt, auf- oder abgewertet und dienen nicht selten den Spaltern im nationalen Lager als Vorwand, um ihre parteipolitische Abgrenzungspolitik zu legitimieren.

Der Patriot ist dem Staat gegenüber loyal

Der Begriff „Patriotismus“ ist an sich untrennbar mit der politischen Theorie des klassischen Republikanismus verbunden, der eine Regierungsform anstrebt, in der die Bürger größtmögliche Freiheit haben, indem sie nicht von Menschen, Königen und Diktatoren regiert werden, sondern von Gesetzen und einer Verfassung. Zudem sollen sie an der Regierungsbildung beteiligt werden und politischen Einfluss ausüben können. Um das zu ermöglichen, sprach man bereits in der Antike von der Notwendigkeit der Bürgertugend, sprich, der Aufopferungsbereitschaft, dem Fleiß und moralischem Verhalten sowohl im Dienste am gemeinschaftlichen Staat als auch an der Familie. Der Antrieb dieser Tugend wurde schon früh im Patriotismus entdeckt, aber erst im 18. Jahrhundert ausführlich unter anderem von Jean-Jacques Rousseau behandelt.

Man muss wissen, dass die Republik in ihrer ursprünglichen Theorie in erster Linie als politische Gemeinschaft auf einem bestimmten Boden lebender Menschen angesehen wurde und mit Patriotismus deshalb keinesfalls die Liebe zur kulturellen, völkischen oder geographischen Gemeinschaft gemeint war, sondern die Liebe zur freien Republik, ihren Gesetzen und ihrer Verfassung. Dieser Grundsatz wird in der zeitgenössischen Encyclopédie hervorragend dargestellt: „Patrie bedeutet nicht der Ort, wo wir geboren sind […], sondern Freistaat (état libre), dem wir angehören und dessen Gesetze unsere Freiheiten und unser Glück (nos libertés & notre bonheur) schützen“ (Encyclopedie, 1765, Band XII, S. 178). Auch der republikanische Theoretiker Giuseppe Mazzini schrieb in seinem Werk „Scritti politici“: „Das Vaterland ist kein Territorium, das Territorium ist lediglich dessen Grundlage“.

Als Vaterlandsliebe wurde der Patriotismus auch deswegen bezeichnet, weil die republikanischen Theoretiker meinten, nur eine Republik könne vom Bürger geliebt werden, da alle anderen Staatsformen die Freiheit der Menschen unterdrückten und sie sich deshalb nicht mit ihnen identifizieren könnten. Rousseau glaubte sogar, das Vaterland würde sich auflösen, wenn die Republik verschwindet: „Das Vaterland besteht aus den Beziehungen des Staates mit seinen Gliedern. Verändern sich oder verschwinden diese Beziehungen, so verschwindet auch das Vaterland“ (Abhandlung über die Politische Ökonomie, 1755). Die Interpretation des Vaterlandes als vergängliches und an den Staat gekoppeltes Gefühl der Freiheit, als künstliche Leidenschaft, wird sich auch im Vergleich mit dem Nationalismus als interessant erweisen. Die frühen Republikaner kannten übrigens sehr wohl den Begriff der Nation, nur sahen sie die Bindungen durch und an die Nation (natio) nicht so wichtig an, wie diejenigen an das Vaterland (patria), sprich, Staat.

Überhaupt wird die Nation eher geringschätzig betrachtet. So stellt der Machiavelli-Forscher und überzeugte Republikaner der Neuzeit Maurizio Viroli fest, dass die republikanische Theorie keinen besonderen Wert auf Geburtsort, Ethnie, Lebensgewohnheit oder Sprache legt, sondern ausschließlich auf die Bürgerschaft in der Republik (Die Idee der republikanischen Freiheit, Zürich 2002, S.110f.). Auch soll die Loyalität nicht dem Land und der Heimat, sondern lediglich dem Staat gelten. Überspitzt könnte man sagen: Egal ob in deutschen Großstädten türkische Viertel entstehen, egal ob Moscheen wie Pilze aus dem Boden wachsen und Türkisch und Arabisch an Bedeutung gewinnen, der Patriot stört sich nicht daran, solange das künstliche und vergängliche Gebilde namens Staat weiter besteht. Patriot zu sein, bedeutet also nicht unbedingt, das deutsche Volk, deutsche Leitkultur, Werte und Kulturlandschaft erhalten zu wollen, sondern lediglich die Liebe und Treue zu unserem Staat, zur Bundesrepublik Deutschland.

Der Nationalist denkt primär an sein Volk und seine Kultur

Der Nationalismus ist im Gegensatz zum Patriotismus nicht an eine bestimmte Zeit oder politische Theorie gebunden, sondern er hat sich in jedem Volk frei und von selbst gebildet. Er ist somit keine künstliche Leidenschaft, keine vergängliche Zuneigung, sondern eine natürliche Liebe, die dem Menschen in den schlimmsten Stunden und dunkelsten Systemen Kraft spendet. Sie lässt ihn in Krisenzeiten nicht im Stich wie der vergängliche Patriotismus, sondern bleibt genauso präsent wie der Glaube an Gott und an die Erlösung nach dem Tode.

Im Blickfeld des Nationalismus steht also nicht die Staatsform und die Freiheit, sondern in erster Linie das jeweilige homogene Volk, der Heimatboden, die eigene Kultur, Sprache und die eigenen Bräuche. Welche ungeheure Kraft aus dieser natürlichen Liebe hervorgehen kann, musste der internationalistische Kommunismus Ende der 80er Jahre in Europa erfahren – insbesondere als die baltischen Völker gemeinsam auf die Straße gingen und aus dem Singen ihrer alten Lieder in der von den Internationalisten verbotenen eigenen Sprache die Kraft für eine friedliche Revolution hin zur Unabhängigkeit fanden.

Auch wenn es zunächst so scheint, als sei der Nationalismus in Hinblick auf den Staat, der sich auf Grundlage der Nationalität bildet, genauso anspruchslos wie der Patriotismus, so trügt dieses Bild. Aus der Liebe zur kulturellen und ethnischen Einzigartigkeit der jeweiligen Nation erwächst nämlich der brennende Wunsch eines jeden Nationalisten, einen Staat zu bilden, in dem diese Einzigartigkeit geschützt wird und sich frei herausbilden kann. Ein solcher Staat muss also ein Staat für den Ausgangspunkt der Kultur und der Nation sein, sprich, ein Staat für das Volk und damit eine Demokratie. In ihr steht jedoch die Freiheit der Gemeinschaft und der Nation, sich frei zu entwickeln und ihre kulturelle Kraft zu entfalten, vor der Freiheit des Einzelnen.

In diesem Punkt stimmen Nationalismus und Patriotismus also überein, denn beide stellen das Wohl des höchsten Gutes, sprich Nation oder Staat, vor das Wohl des Einzelnen. Halten wir also fest, dass der Nationalismus aus Gründen der Logik den Anspruch an den Staat stellt, dass das Volk in die Entscheidungsfindung miteinbezogen wird, die Freiheit des Einzelnen und vor allem die Freiheit der Gemeinschaft zur gesunden Entwicklung der Kultur Schutz erfahren und der Staat effizient und kraftvoll geleitet werden muss. Unter diesen Gesichtspunkten ist das ideale Staatssystem für den Nationalismus nicht der Faschismus oder Nationalsozialismus, wie es ihm unterstellt wird, sondern eine effiziente Variante der Republik, möglicherweise die präsidentielle Republik mit einem starken, vom Volk gewählten Präsidenten an der Spitze.

Die Republik auf der anderen Seite ist, wenn man sie in der ursprünglichen Rohform betrachtet, ein kaltes und künstliches Gebilde ohne moralischen oder kulturellen Unterbau. Die Behauptung, die auf egoistische Interessen der einzelnen Bürger gebaute Zweckgemeinschaft könnte durch eine künstliche Liebe am Leben gehalten werden und die unterschiedlichen Interessen, Ethnien und Kulturen einigen, wirkt doch stark an den Haaren herbeigezogen und ist historisch von Rom über die sich in ihre ethnischen Bestandteile zersetzenden postjugoslawischen Republiken bis hin zur antidemokratischen und ungeliebten Europäischen Union gescheitert. Um die bürgerliche Tugend, von der die republikanischen Theoretiker sprachen, zu wecken und das Mitgefühl als Staatsbürger zu stärken, braucht die Republik also einen starken Unterbau und eine Daseinsberechtigung und was würde sich dazu besser eignen als die Nation?

Ein Staat ohne nationalen Bezug ist nur ein totes Gebilde

Für das erfolgreiche Zusammenleben und eine kräftige, souveräne und demokratische Republik ist also sowohl Nationalismus als auch Patriotismus unverzichtbar. Das muss auch endlich die politische Führung Deutschlands anerkennen, denn in der Bundesrepublik ergänzen sich Patriotismus und Nationalismus überhaupt nicht. Wer Nationalist ist, also die eigentliche Ausgangsbasis unserer Republik, sprich unser Volk und unsere Kultur liebt, der kann heutzutage kein Patriot sein, denn unser Staat hat sich gegen die eigene Nation gewandt, indem unsere Vorfahren als Verbrecher, unsere Kultur als nicht besonders schützenswert und unser Volk als niederträchtig und böse dargestellt wird.

Zudem umfasst dieser Staat nicht das komplette deutsche Kulturgebiet – in Südtirol lebt eine deutsche Mehrheit, in Schlesien und Ostpreußen beispielsweise noch immer deutsche Minderheiten. Die Bundesrepublik schafft es derzeit nicht, an alle Deutschen zu denken. Sie betreibt einen Politikmurks für die Bevölkerung innerhalb der eigenen Grenzen. Doch ihre Verfassung ist nicht einmal von dem in seinen Gebieten lebenden Teil der Deutschen in einem demokratischen Verfassungskonvent erarbeitet und danach dem Volk zur Abstimmung gestellt worden, sondern sie wurde den Ost- und Westdeutschen von den Besatzern und Siegermächten übergestülpt. Einen solchen Staat kann kein Nationalist lieben, weswegen man sich in Deutschland entscheiden muss: Entweder man liebt diesen Staat und ist Patriot oder man liebt sein Land und ist Nationalist. Beides ist momentan nicht möglich.

Der untragbare Zustand der nationalen Selbstkasteiung und des Selbsthasses bringt die Republik samt der Demokratie ins Wanken und schafft Platz für autoritäre Demagogien, deren Ziel die Volksknechtung durch die Herrschaftserhebung einzelner Klassen, Kasten und Stände ist. Wenn diese Republik und ihre Vertreter sich wünschen, dass dieser Staat auch seinen 70. und 80. Geburtstag in Frieden feiern kann, dann müssen sie endlich zu den Grundfesten eines jeden demokratischen Staates zurückfinden: Nationalismus und Patriotismus. Eine solche Rückbesinnung auf das Wesentliche wäre deutlich sinnvoller als das peinliche Applaudieren der Politikerkaste am 60. Geburtstag einer herzlosen Staatsleiche, deren Überreste sich langsam in einem noch größeren historischen Fehler, einem diktatorischen und kulturvernichtenden EU-Superstaat auflösen.

 
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