Startseite Rezension Kampfzonen der Biotechnik und des Pornos: Houellebecq entdecken!
Kampfzonen der Biotechnik und des Pornos: Houellebecq entdecken! PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Felix Menzel   
Freitag, den 11. September 2009 um 08:19 Uhr

KampfzoneDer französische Skandalautor Michel Houellebecq inszeniert sich gerne so, wie seine Romanfiguren sind: als mittelmäßiger Verlierer. Dabei ist er mittlerweile ein Literaturstar, dessen Bücher verfilmt werden und der international ein großes Publikum anspricht. Die Themen, die der zurückgezogen in Irland lebende Schriftsteller behandelt, legen dabei zunächst nahe, ihn in die rechte Schmuddelecke abzuschieben. Er beschreibt teilweise geradezu klinisch Sexszenen, haßt den Islam und fantasiert von einem biotechnischen Übermenschen. Sein Erfolgsrezept: die Häßlichkeit der modernen Welt genau einfangen. Allein deshalb ist Houellebecq die Lektüre wert!

Poetisch gebündelter Weltekel

Schaut man etwas weiter zurück, so mutet es verwunderlich an, daß der ausgebildete Informatiker Michel Houellebecq überhaupt mit dem Schreiben von Romanen begonnen hat. Vor seinem Durchbruch als Schriftsteller betonte er 1991 in einem Essay über den Horrorautor Howard Philipps Lovecraft, den er „Gegen die Welt, gegen das Leben“ nannte, die Nutzlosigkeit von realistischen Romanen: „Das Leben ist schmerzhaft und enttäuschend. Folglich ist es nutzlos, neue realistische Romane zu schreiben. Was die Realität im Allgemeinen betrifft, so wissen wir bereits, woran wir sind; und wir haben keine Lust, noch mehr darüber zu erfahren. Die Menschheit, so wie sie ist, erregt in uns nur mäßige Neugier.“

Vielleicht wird man durch so eine Zustandsbeschreibung ein guter Fantasyautor, der sich von der Welt abwendet und in Träume flüchtet – oder ein reaktionärer Aphoristiker wie der Kolumbianer Nicolás Gómez Dávila. Vielleicht aber auch ein Dichter, der seine Welteinsicht in kurzen Versen bündelt. Gottfried Benn und Georg Trakl stehen dafür beispielgebend. Und tatsächlich hat Houellebecq zuerst diesen Weg der Lyrik gewählt und mit „Suche nach Glück“, „Der Sinn des Kampfes“ und „Wiedergeburt“ inzwischen schon drei Gedichtsammlungen vorgelegt.

Unter pornographischer Kruste …

Berühmt geworden ist er aber vor fünfzehn Jahren mit seinem ersten Roman „Ausweitung der Kampfzone“. Hier ist bereits alles angelegt, was die Werke des Franzosen besonders machen. Ein mittel-mäßiger, mittel-alterlicher, mittel-schöner bis häßlicher Ich-Erzähler, also sozusagen ein Mensch aus dem Bierbauch der Gesellschaft, wenn denn die Franzosen einen hätten, berichtet von seinem traurigen Privatleben. Die Oberfläche aller seiner Romane hat Houellebecq mit einer dicken Schicht von Sexphantasien, Swingerclub- und Puffbesuchen sowie ausführlichen Berichten gescheiterter Intimleben überzogen. „Er will sein Buch flach, grob und häßlich machen, so daß es sich zum großen Roman verhält wie die schmutzigen Graffiti auf einem Brückenpfeiler an der Autobahn zu den bedeutenden Werken der bildenden Kunst“, findet der Journalist Thomas Steinfeld, der eine Aufsatzsammlung über „Das Phänomen Houellebecq“ herausgegeben hat.

Kratzt man diese dicke Schicht an bisweilen klinischer Pornographie ab, gelangt man zum Kern seines Werkes. Hinter all den Schmuddeleien taucht eine phantastische Legierung aus Bildungs- und Thesenroman auf. Der 53jährige interessiert sich für den Durchschnittsbürger und beantwortet die Frage, was die Postmoderne dem Menschen mit ihrer Wertebeliebigkeit, der Zerstörung von „Normal-Biographien“ und ihrer sexuellen Befreiung antut. Kurz: Die Postmoderne habe das Ende des Menschen eingeläutet und dem Durchschnitt bleibe jetzt nur noch eine erbärmliche Existenz.

… beginnt die universale Kampfzone …

In jedem seiner Romane läßt Houellebecq ähnliche Personen und Themen auftreten. Dadurch hat er von Buch zu Buch qualitativ einen immer höheren Gipfel erklommen. In seinem Erstling „Ausweitung der Kampfzone“ behandelt er hauptsächlich die sexuelle Pauperisierung. Die Handlung flankierend, schimmern immer wieder soziologische Analysen hindurch. Neben vielen eingängigen Szenen wird es also auch mal kompliziert: „Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist (…) In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersklassen und Gesellschaftsklassen.“

… der Neo-Menschheit

In seinem zweiten Roman „Elementarteilchen“ (1998) betont Houellebecq hingegen die Verheißungen und Gefahren der Wissenschaft – insbesondere die der Biotechnologie. Einer der Protagonisten, Michel Djerzinski, forscht an den genetischen Grundlagen der Überwindung des Todes und legt den Baustein für eine asexuelle Menschheit, die nicht mehr auf übliche Fortpflanzung angewiesen ist. Houellebecq wird hier zum apokalyptischen Futuristen. Lange spannte er seine Leser auf die Folter, ob er diese Vision einer biotechnisch erzeugten Neo-Menschheit für wünschenswert hält.

Eine Antwort auf diese Frage erhält man im letzten Kapitel seines bislang letzten Romans „Die Möglichkeit einer Insel“, der 2005 herauskam. Dieses Buch ist das beste von ihm. Hier kommen alle Elemente, die er über die Jahre hinweg eingeübt hat, zur perfekten Entfaltung. Wer diesen Roman liest, erkennt, daß alles zuvor nur Übung für dieses Kunstwerk war. „Plattform“ aus dem Jahr 2001 dürfte zum Beispiel eine Schreibübung für das zweite Kapitel von „Die Möglichkeit einer Insel“ gewesen sein. In diesem Roman hat sich Houellebecq erstmals an erfüllte Liebe unter den Bedingungen der Postmoderne herangewagt, die letztendlich jedoch durch einen islamistischen Terroranschlag zerstört wird. Vier Jahre nach dieser Fingerübung ist die Komposition dann perfekt und in unübertreffbaren Szenen schildert er die Liebesgeschichte des gealterten „Daniel1“ und der Sexgöttin Esther.

Das Finale: neue Liebe oder Untergang

„Irgend etwas in mir wußte also und hatte schon immer gewußt, daß ich eines Tages die Liebe kennenlernen würde – ich meine eine gegenseitige, erwiderte Liebe, die einzige, die wirklich zählt, die einzige, die uns zu einer anderen Form der Wahrnehmung bringt, in der der Individualismus einen Knacks bekommt, die Lebensbedingungen verändert wirken und das Weiterleben gerechtfertigt erscheint“, läßt Houellebecq „Daniel1“ einen inneren Monolog führen. Und weiter: „Mir ging auf, daß ich Esther lieben würde, daß ich sie heftig lieben würde, ohne die geringste Rückendeckung und ohne Hoffnung auf Erwiderung. Ich begriff, daß diese Geschichte so überwältigend sein würde, daß sie mich umbringen konnte und mich vermutlich sogar umbringen würde, sobald Esther mich nicht mehr liebte, schließlich gibt es Grenzen, auch wenn jeder von uns eine gewisse Widerstandskraft besitzt, sterben wir letztlich alle an der Liebe oder besser gesagt an mangelnder Liebe, die Sache endet jedenfalls unausweichlich mit dem Tod.“

Mit „Die Möglichkeit einer Insel“ protokolliert Michel Houellebecq auf beeindruckende Weise, wie der Mensch am Ende und nach dem Ende der Menschheit leben könnte. Seinem Urteil folgend, sind wir von diesem Untergang nicht mehr weit entfernt. Wenn wahrhaftige Liebe auf verlorenem Posten steht und nur noch ein Aufeinanderprallen von Leibern ist, versetzt dies der Menschheit den Todesstoß. In bindungslosen und gleichgültigen Endzeiten schwinden die Gründe, das Zusammenleben nicht vielleicht doch mit wissenschaftlichen Methoden rationaler und wirtschaftlicher zu gestalten und dafür an der Erbsubstanz herumzuspielen. Diesen Gedanken spinnt Houellebecq vor und tatsächlich ist es so unwahrscheinlich nicht, daß die Biotechnologie in absehbarer Zeit bisherige Utopien in die Wirklichkeit umsetzt. Wenn wir bis dann unsere Körper nicht aus der von Houellebecq benannten Kampfzone befreien, war´s das mit dem Menschengeschlecht.

 
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