Startseite Rezension Die sexy Welt der „Generation Casting“. Zwei neue Ratgeber für Abiturienten

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Die sexy Welt der „Generation Casting“. Zwei neue Ratgeber für Abiturienten PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Alexander Röhlig   
Dienstag, den 01. Dezember 2009 um 09:25 Uhr

AbiDieses Jahr sind zwei Bücher für Abiturienten erschienen. Das Interessante: auf den ersten Blick sind sie grundverschieden. Doch schließlich ist offenbar, dass beide Bücher auf ihre Weise ein ähnliches Psychogramm einer Generation zeichnen. Franziska und Nikola Richter haben „Das Abibuch. Wie man das Abitur und andere Endspiele gewinnt“ herausgegeben, Lara Fritzsche schrieb „Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten“.

„Das Abibuch“: Ein Ratgeber gegen das Erwachsenwerden

„Das Abibuch“ will ein Ratgeber sein. Der erste Gedanke ist daher ernüchternd, meint man doch, dass wir heute geradezu von Ratgebern für alle Lebenslagen überflutet werden. Doch „Das Abibuch“ fällt aus dem üblichen Rahmen. Und das nicht gerade positiv. Ein Vorwort gibt es nicht, lediglich den Umschlagtext: „Besser Lernen, besser Wirken […] Ist Sex vor der Prüfung ratsam?“

Platons unermüdlicher Kampf gegen die Sophistik, die Lehre, die die schwache Argumentation zur starken machen wollte – er ist bis heute nicht zu Gunsten der Wahrheit ausgegangen. Josef Pieper beklagte 1956 in seiner Vorlesung „Die Figur des Sophisten in den platonischen Dialogen“, dass die Sophisterei rehabilitiert werde. Der Philologe Werner Jaeger ist nur einer von vielen, der in den Sophisten die ersten Humanisten gesehen hat. Dass Platon ihnen gut begründet Täuschung vorwarf, scheint vergessen. Warum der Exkurs? Nun, „Das Abibuch“ bietet mehr Schein als Sein. Es ist ein Bilderbuch. Jede Seite weist Kritzeleien, Fotos und dergleichen auf. Der Text gerät in den Hintergrund. Vielleicht wissen die Autoren selbst, dass ihre Texte kaum Gehalt bieten. Ein paar Beispiele: „Konsequenz ist was für Masochisten“, „Ist Strebertum an sich fies?“, und Erwachsenwerden sei doof, weil man ja Verantwortung übernehmen müsse.

„Das Abibuch“ wirkt albern. Es ist nicht ernst zu nehmen, will wahrscheinlich auch nicht ernst genommen werden. Hier kommt auf seine Kosten, wer hören will, dass das Abi und alles danach einfach superdoof sind. Im Schülervz-Ton empfiehlt „Das Abibuch“ darum: habt so viel Spaß wie möglich.

Die Abiturienten: „Generation Casting“ ...

Lara Fritzsche, Autorin des Buches „Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten“, nimmt ihre Sache dagegen ernst. Abiturienten kenne man gewöhnlich nur aus kurzen Berichten im Fernsehen oder der Zeitung: „Aber was wissen wir eigentlich über das ganz normale Leben all der Hunderttausenden, die jedes Jahr ins Leben starten?“ Die 25-jährige Journalistin Fritzsche begleitete ein Jahr lang eine Klasse.

Fritzsche will aber nicht nur über das Abitur schreiben. Es dient lediglich dem thematischen Rahmen. Der Leser erfährt, wie die Jugendlichen ticken, was sie außerhalb der Schule machen und wie sie die Zeit vor dem Abitur prägt.

Die Abiturienten charakterisiert sie als „Digital Natives“. „Ohne Internet fühlt man sich halbtot“, meint eine Schülerin. Wissen holen sie sich heute schnell aus dem Internet. Die schulischen Erwartungen werden als starker Druck empfunden. Ohne gute Noten keine Zukunft – das Leben ist halt kein Ponyhof. Immer müsse man sich präsentieren und gut auf andere wirken: „Generation Casting“.

... oder einfach „Generation Zaghaft“?

Zwischendrin erfahren wir etwas über den hohen Stellenwert der Liebe, die nervige Forderung, die Jugend möge doch bitte rebellieren und die große Sehnsucht nach Sicherheit. All dies umschreibt das, was Felix Menzel auf BlaueNarzisse.de einmal als „Generation Zaghaft“ bezeichnet hat. AbiOhnmacht und Ernüchterung macht diese Generation aus. Kaum einer hat genügend Selbstvertrauen, um auszubrechen: „Ausbrechen ist nicht gefragt. Keiner zettelt eine Diskussion an, keiner stellt kritische Nachfragen, keiner regt an, noch einen weiteren Text zu lesen. Wieso engagieren?“, schreibt Fritzsche.

Zwar mag der Großteil dessen, was sie skizziert, richtig sein, doch ist es eben auch schon seit einiger Zeit bekannt. Darin liegt die Schwäche ihres Buches. Es deckt kaum neue Sachverhalte auf.

Zwei nette Plauderbücher

Beide Bücher geben auf ihre Weise ein grobes Bild der jungen Generation wieder. Erschreckend ist jedoch das Ergebnis. Ist „Das Abibuch“ vielleicht am Ende gar ironisch zu sehen? Beide Bücher wollen zeigen, dass sich die Abiturienten zurückziehen. Sie wirken starr vor Schreck und flüchten. „Eskapismus anstatt Zukunftsplanung!“, steht im „Abibuch“. Ist die junge Generation generell so negativ zu sehen oder ist die Kritik an ihr ein alter Hut?

„Das Abibuch“ hilft einem sicherlich nicht, durch das Abitur zu kommen und „Das Leben ist kein Ponyhof“ bietet wenig neue Informationen. Beide Bücher nehmen aber wichtige Probleme ins Visier. Lösungsansätze bieten sie freilich nicht.

Lara Fritzsche: Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2009. 224 Seiten. 17,95 Euro.

Franziska Richter und Nikola Richter (Herausgeber): Das Abibuch. Wie man das Abitur und andere Endspiele gewinnt. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2009. 191 Seiten. 7,95 Euro.

 
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