Startseite Rezension Die Frage nach der Freiheit: „Clockwork Orange“

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Die Frage nach der Freiheit: „Clockwork Orange“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dmitrij Panov   
Samstag, den 06. Februar 2010 um 08:28 Uhr

ClockworkDer Mensch soll frei sein. Doch alle Gesetze scheinen diese Freiheit beschränken zu wollen. Ein Dilemma, welches 1962 auf die bestmögliche Art und Weise in dem Buch „A Clockwork Orange“ des Briten Anthony Burgess beschrieben wurde – und 1971 in der Verfilmung von Stanley Kubrick ein würdiges audiovisuelles Gewand erhalten hat: abgedreht, stilisiert, verstörend und kontrovers.

Individuelle und gesellschaftliche Gewalt

Film als auch Buch thematisieren die Gewaltausübung, sowohl auf persönlicher als auch auf politischer Ebene. Alex ist ein junger Bursche, der noch in die Schule geht, seine Zeit jedoch viel lieber zusammen mit seinen Freunden verbringt. Die bevorzugten Beschäftigungen sind Drogen, Schlägereien und Vergewaltigungen. Als er jedoch versehentlich eine alte Frau tot schlägt, kommt er ins Gefängnis.

Die Zeit der Freiheit endet, doch die Zeit der Gewalt geht weiter. Auch im Gefängnis stehen Schlägereien an der Tagesordnung und selbst die Assistenz des Gefängnispfarrers bietet Alex keine Läuterung. Doch die Regierung hat schon einen „Masterplan“ gegen Leute wie ihn entwickelt. Und er soll auch gleich das erste Versuchsobjekt sein. Eine Antigewalttherapie sorgt bei ihm schon in den Gedanken an Sex oder Gewalt für Übelkeitsanfälle.

Alle applaudieren, als die Therapeuten seine Wehrlosigkeit einem Publikum vorführen. Alex ist geheilt, nach Meinung der Mediziner stellt er nun einen perfekten, unschuldigen Bürger dar. Also entlassen ihn die Therapeuten in die Freiheit. Doch dort erwartet Alex nichts Gutes. Seine Eltern haben keinen Platz mehr für ihn, auf der Straße schlagen ihn alte Freunde zusammen. Hilflos ist er der Rachsucht seiner Umwelt ausgeliefert.

Alex ist ein normaler Bürger und kaputt

Die dargestellte Zukunft ist gewiss nicht irreal: technisch projiziert sie den Stand der 1960er Jahre, Kunst wie Alltag wirken stark erotisiert, die Umgebungen stilisiert. Doch hier regiert mehr die Gewalt der Straßengangs, gegen deren Wildheit es keine Verteidigung zu geben scheint – bis zum „Masterplan“, dessen Opfer Alex wird. Und hier tut der Staat um der Sicherheit willen das, was man eigentlich am meisten fürchtet: Er nimmt dem Menschen seine Freiheit, vor allem seine innere.

Dadurch bleibt er sozusagen im Reinen: nichts ist wirklich verboten, doch der Mensch macht nichts Schlechtes mehr, weil er gar nicht erst daran denken kann. Das System hat sich noch nicht durchgesetzt, es versucht sich zunächst an dem anschaulichen Beispiel Alex´. Und wir sehen: ihm wird alles genommen, was ihn zuvor ausgemacht hat – selbst wenn es selten etwas Gutes gewesen ist. Alex ist plötzlich nicht mehr Alex, er ist schwach und hilflos, er kann nicht einmal mehr seine Lieblingsmusik hören. Er ist kaputt und wird nochmal von seiner Umgebung kaputtgemacht. Und er kann sich nicht wehren. Ist er jetzt überhaupt noch ein Mensch?

Das Dilemma aller Therapeuten: Positives braucht Negatives

In Burgess' Buch fragt der Gefängnispfarrer, als Alex ihm von dem Experiment erzählt, an welchem er bald teilnehmen soll: „Will Gott den guten Menschen, oder will er den Menschen, der das Gute wählt? Ist ein Mensch, der das Böse wählt, womöglich gar besser als einer, dem das Gute aufgezwungen wird?“ Dementsprechend zeichnen Buch und Film den Konflikt zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichen Prinzipien nach.

Im besten Falle herrscht ein Gleichgewicht, in „Clockwork Orange“ überwiegt jedoch die Gesellschaft ­– mit verheerenden Folgen für das Individuum. Alex raubt man seine Menschlichkeit. Denn das Menschsein ist in seinem Umfang gewiss nicht nur positiv besetzt, dazu gehören auch negative Eigenschaften. Den Menschen dermaßen innerlich zu manipulieren, wie hier beschrieben, ist ein Eingriff in dessen Seele, der ihm die Möglichkeit zur freien Entscheidung nimmt, sogar die Möglichkeit zum freien Denken. Das Gute existiert nur zusammen mit dem Schlechten – wenn dieses „entfernt“ wird, erscheint das Gute wertlos.

Buch und Film: brutale Trips zwischen Faszination und Abscheu

Anthony Burgess' Buch „Clockwork Orange“ gehört eindeutig zu den eindrucksvollsten Werken der Social Fiction und reiht sich mühelos neben Werken anderer Autoren wie „1984“ und „Fahrenheit 451“ ein. Die streng subjektive Sichtweise Alex' auf die Geschichte ist ein abgedrehter, brutaler Trip auf dem schmalen Grat zwischen Faszination und Abscheu. Doch auch Kubricks Verfilmung überzeugt auf ganzer Linie, wenn man von dem etwas verfälschten Ende absieht.

Die Gewalt wirkt trotz ihrer im Vergleich zum Buch milden Darstellung schockierend. Die Bilder sind perfekt, der Soundtrack definiert die Wirkung von klassischer Musik neu und Malcolm McDowell stellt Alex mit einer beängstigenden Intensität dar. Die sehr skurrile Inszenierung ist heute wie damals sicherlich Geschmackssache. Doch der Inhalt ist über jeden Zweifel erhaben und kann für viel Denk- und Gesprächsstoff sorgen. Vorausgesetzt, man will sich auf einen Konflikt einlassen.

 

 
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