Bradford Cox, 27jähriger Kopf der Band „Deerhunter“, hat mit LOGOS ein viel beachtetes Soloalbum unter dem Pseudonym „Atlas Sound“ vorgelegt. Obwohl ein Hacker die Demoversion bereits 2008 von Cox’ Rechner klaute und ins Netz stellte, ließ er sich nicht davon abbringen, es in veränderter Form ein Jahr später dennoch zu veröffentlichen. Cox ist von Geburt an schwer krank – die Vermutung liegt nahe, daß es sich bei seiner Musik um wesentlich mehr als nur Unterhaltung handelt.
Der Künstler als Einzelgänger
Es ist die Grundfrage der Kunst überhaupt: Was ist der Antrieb für künstlerisches Schaffen? Die Existenz eines Konfliktes, soviel ist klar. Eines Konfliktes, an dessen Reibungsflächen im besten Falle kreative Energien freiwerden, teils aus Selbstanalyse, teils aus bloßem Mitteilungswillen. Oft stößt man auf den Ansatz, wahre Kunst entstehe erst aus der Krankheit. Erst sie zieht eine Trennlinie zwischen dem Individuum, das durch seine Krankheit anders und einsam ist, und der gesunden Masse. Der Graben vertieft sich kontinuierlich, der Künstler wird so meist zum sensitiven Einzelgänger. Gerade bei Autoren wie Thomas und Klaus Mann, aber auch bei Marcel Proust findet sich dieses wenig lebensbejahende Kunstverständnis.
Bradford Cox leidet von Geburt an am Marfan-Syndrom, einer genetisch bedingten Schwächung des Herzens. Das beängstigende Cover zeigt ihn mit 14 Jahren, entstellt von einer großen Vertiefung in seiner Brust. Cox ist anders als viele seiner Kollegen: Er ist krank und seine Musik ist ein „Trotz alledem“, das er höchst selbstbewußt formuliert.
Existenzielle Fragen ohne Nihilismus
Die Vermutung liegt nahe, daß Cox mit LOGOS auf die antike Philosophie anspielt, auf den inneren Sinn hinter den Dingen. Und richtig, im Titelstück heißt es: „logos is the king of life/ .../ everything knows its way/ everything makes since when you look at it from another way.“
Bei aller Themenschwere ist LOGOS kein melancholisches oder depressives Album. Cox’ „Trotz alledem“ ist ein Ruf nicht aufzugeben. Nie stellt er die Frage nach der Theodizee und dem Grund für sein Leiden. Vielmehr scheint sein Credo zu lauten, daß man die Stelle, an die man gesetzt wurde, bestmöglich auszufüllen hat. Das Album enthält mit „Walkabout“ und „Shelia“ zwei regelrecht hitverdächtige Stücke, die das unterstreichen. In ersterem heißt es: „to go ahead and change your life/ .../ forget the things you left behind/ for looking back you may go blind.” In „Shelia“ formuliert Cox seinen Anspruch auf Teilhabe am Leben, sein Recht auf Liebe: “cause no one wants to die alone.”
Tiefgründige Populärmusik mit Elektro- und Gitarreneinlagen
Eine musikalische Einordnung fällt schwer. Bradford Cox ist Multiinstrumentalist und nutzt alles, was spielbar ist. Es gibt verbindende Elemente wie sphärische Elektro-Klänge und kurze Samples, welche die vielfach von Gitarren und Beatelementen getragenen Kompositionen untermalen. LOGOS ist kein einfaches Album, aber ein Beweis dafür, daß Pop keineswegs Flachheit bedeuten muß.