Es ist erstaunlich, daß eine Band mit dem Namen The National in Deutschland derart erfolgreich sein kann. Auf ihrer aktuellen Welttournee sind viele Konzerte bereits im Vorfeld restlos ausverkauft. Die Wahl-New-Yorker steigern ihren unverwechselbaren Stil auf dem fünften Album HIGH VIOLET zum perfekten Kunstwerk. Auch diesmal bedienen sie sich der Intensität von Joy Division und der großen Gefühlsgeste von Coldplay, ohne je Pop sein zu wollen. Ein Faden äußerster Melancholie durchzieht ihr neulich erschienenes Werk– fast sollte man Trauer dazu sagen.
Stücke wie musikalische Damaszener
Viel wurde in den letzten Tagen und Wochen seit der Veröffentlichung von HIGH VIOLET von der Presse wiedergekäut. Von der wichtigsten Indie-Band der Gegenwart war die Rede, sowie vom ewigen Geheimtip The National. Fakt ist, daß man die Bands derzeit an einer Hand abzählen kann, die länger als zehn Jahre aktiv sind, nunmehr fünf herausragende Alben veröffentlicht haben und dabei weder Allüren noch künstlerischen Hütchenspielen anheim gefallen sind.
Jeglicher Starkult perlt an The National ab, ihr künstlerisches Niveau ist unerreicht. Mit jedem Album komprimierten sie die zahlreichen Texturen und Schichten ihrer Stücke mehr und mehr zu wahren Diamanten – facettenreich und kostbar. Seinen vorläufigen Höhepunkt findet diese Arbeit in HIGH VIOLET: Die elf Stücke sind alles andere als Skizzen. Es sind musikalische Damaszener: Hundertfach verdichtete Miniaturkunstwerke, klar, solide und im wahrsten Sinne einschneidende Erlebnisse.
Das erfolgreiche Fehlen der Kategorie
Das große Mysterium von HIGH VIOLET ist, wie es den oft von Trauer und Melancholie gesättigten Stücken gelingt, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das zum Beispiel für Coldplay so typische, haltlose Versinken im Treibsand des Gefühls tritt bei The National nur in Versatzstücken auf. Ihre vielfach gebrochenen Expressionen führen nicht klassisch von A nach B, sondern sind gleichsam polyphon geordnet, wie ein in Einzelteile zerschnittenes Gemälde, das neu zusammengesetzt wurde.
Trotz eindeutiger Stilelemente sind sie keine Geschichtenerzähler, auch wenn die erste Single „Bloodbuzz Ohio“ anderes erwarten läßt. Musikalisch wie inhaltlich interessiert sie das große Ganze und die Systeme dahinter, die Allegorie. Daß der aktuelle Indie-Begriff für The National viel zu kurz greift, wird spätestens hier deutlich. Glücklicherweise verhinderte das Fehlen der Kategorie bislang erfolgreich eine flächendeckende Kommerzialisierung der Band.