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Zeitschriftenkritik: Burschenschaftliche Blätter PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Markus Unger   
Mittwoch, den 04. Juni 2008 um 02:00 Uhr
Hambacher Fest 1932Der konservative Verleger Götz Kubitschek beschrieb am 21. Januar 2006 in seinem „politischen Tagebuch“ eine düstere Wirklichkeit: Eine sich im „kollektiven konservativen Rausch“ befindliche Subkultur von jungen, sich selbst als „konservativ“ bezeichnenden, Männern sitzt auf einem mitteldeutschen Verbindungshaus und zecht. Man versucht sich mit Worten statt Taten zugleich als Helden und Opfer unserer Zeit zu feiern. Am späten Abend setzt dann Lethargie ein und andere Vergnügungen lenken die jungdepressiven Herren diesmal ausnahmsweise von der konservativen Revolution ab. Entgegen dieser beschriebenen traurigen Szene aus dem Jahr 2006 mausert sich das Verbandsblatt der Deutschen Burschenschaft zu einem wirklich ansprechenden politischen Magazin mit rechtem Profil.

Die ein wenig überspitzte einleitende Darstellung beschreibt treffend die Situation einiger deutscher Verbindungen und so war das entsprechende Echo von voll wütenden Protesten und Anschuldigungen gegen Kubitschek ein Beweis dafür, dass er die faulende Frucht an der madigsten Stelle anstach.

Seither sind nun zweieinhalb Jahre vergangen und es scheint, dass die Burschenschaft, die sich auf die ehemaligen Revolutionäre von 1815 beruft, nach langer Dürreperiode nun einen nicht unwichtigen (Selbst-) Entwicklungsschritt eingeleitet hat, der sich nicht zuletzt in den gelungenen letzten Nummern der Verbandszeitschrift „Burschenschaftliche Blätter“ widerspiegelt.

Neue Tradition in der Alten

Die Deutsche Burschenschaft zählt zu einem der ältesten konservativen Verbände der sich bis in die Gegenwart zahlenmäßig gut halten konnte. Die Gründung der ersten Burschenschaften erfolgte ab dem Jahr 1815. Das damalige Ziel dieser im heutigen Sinne als „politische Aktionsgruppen“ zu bezeichnenden Vereinigungen junger, intellektueller Männer war, die Reichseinigung des vom Partikularismus des frühen 19. Jahrhunderts zersetzten „deutschen Vaterlandes“ herbeizuführen. Mit dem Erreichen dieses Zieles im Jahr 1871 fand eine notwenige neue Sinnsuche der deutschen Burschenschaftsbewegung statt. Man entwickelte sich vom „linken“ revolutionären Standpunkt hin zu einem das neue Reich stärkenden Standpunkt. Das revolutionäre Moment entwickelte sich zum Bewahrenden. Man befand sich in der Institutionalisierung, im Sesshaftwerden und hatte dennoch immerfort Einfluß auf die deutsche Politik.

In diese Zeit der politischen Standortbestimmung fällt auch die Gründung der Burschenschaftlichen Blätter, die erstmals 1887 verlegt wurden. Mit Unterbrechungen werden diese bis heute nach einem durchgängigen Prinzip erstellt: Verbandsinterne Informationen über Veranstaltungen und Tagungen, Berichte von Burschentagen und großen Ereignissen, Vorstellung einzelner Verbindungen und ebenso politische Standpunktbestimmungen wechseln einander ab.

Der Erneuerer

Waren die Ausgaben der Burschenschaftlichen Blätter der Wendezeit voll von Berichten über die Teileinigung Deutschlands, voll von Euphorie und Tatendrang, flaute dieser Aktionsgeist Mitte der 90er-Jahre zusehens ab und wich einem sich in Vereinsmeierei suhlenden, geistigen Nicht-Vorankommen.

Dieser Trend setzte sich bis 2005 fort und wurde erst mit dem neuen Schriftleiter, Herwig Nachtmann (B! Brixia Innsbruck) durchbrochen, der das vor sich hindümpelnde Vereinsblatt wieder zu einem politisch rechten Magazin machte. Und so lassen sich die Themen der letzten Ausgaben wieder mehr im Kontext der politischen Wirkmächtigkeit eines derart großen und einflussreichen Verbandes lesen: „Europäische Union und Türkei“ (4/2005), „Ostpreußens Zukunft“ (1/2006), „Der 68er Nachlass“ (3/2006), „Burschenschaft und Heute“ (4/2006). Das Magazin der Burschenschafter wurde so wieder zum Vorreiter eines unumgänglichen Auslotungsprozesses des eigenen Standpunktes.

Das aktuelle Heft

Dieser Trend fand seinen Höhepunkt in der aktuellen Ausgabe 2/2008, leider der letzten von Schriftleiter Nachtmann, der sein Amt aus „persönlichen Gründen“ jüngst abgab. Auf knapp 50 Seiten der wie üblich durchgehend bunt bebilderten Ausgabe manifestierte sich eben dieser Auslotungsprozess unter dem Themenschwerpunkt „Parallelgesellschaften oder deutsche Leitkultur?“.

Vordergründig bepflügten die Autoren der drei umfassenden Hauptartikel mit ihren Texten „’Multikulturelle Gesellschaft’: Erfindung einer Ideologie, Spaltpilz jeder politischen Gemeinschaft“, „Dialog mit dem Islam: Realität und Utopie“ und „Zwischen Abwehr und Einbeziehung – Für einen Ansatz im Umgang mit muslimischen Zuwanderern“, das Feld europäischer und deutscher Problemstellungen mit Zuwanderung und dem Umgang mit Fremdkulturen und stellten diese vor den Hintergrund abendländischen Denkens – immer jedoch unter der Berücksichtigung der eigenen (auch burschenschaftlichen) Identität.

Auf den weiteren Seiten der Ausgabe wird das Nachsinnen über die eigene Identität als Deutscher (Burschenschafter) groß geschrieben: Ein Bericht über die Verbandstagung der Deutschen Burschenschaft in Berlin illustriert das interne Ringen um eine geschlossene Wertebasis, um ein standfestes politisches Profil. Unter dem Titel „Pluralistischer Verband mit gemeinsamer Wertebasis“ kommt man zum Schluss, das gemeinsame burschenschaftliche Erbe auf den Leitsatz „Ehre – Freiheit – Vaterland“ festzulegen – angesichts einer in den letzten Jahren spürbaren Aufweichung nach links, fast ein mutiger Schritt.

Die Deutsche Burschenschaft hat erkannt, dass liberales Öffnen und Tolerieren nach allen Seiten hin keine lebensfähige Alternative für die Zukunft bieten kann. Stattdessen werden die Stimmen immer lauter, die zu Recht eine Besinnung auf kleine Eliten statt auf große „bunte“ Aktivitas Burschenschafterdenkmal in Jenalegen und lieber mit einem Profil standhaft voranschreiten, als sich dem Konsumnihilismus der heutigen Zeit anzupassen und so jegliches burschenschaftliche Erbe vor die Hunde gehen zu lassen.

Ein besonders gutes Beispiel gibt dafür die Burschenschaft „Thessalia Prag zu Bayreuth“, die auf den hinteren Seiten des Heftes vorgestellt wird. Eine kleine, aber ordentlich organisierte Aktivitas geht dort voran: man betont die schon immer straffe Organisation des Bundes, die klare politische Ausrichtung; also das Bekenntnis zur Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) und weiterhin das durch die Vertreibung aus dem heute tschechischen Prag erwachsene Verantwortungsgefühl für die 1945 abgetrennten ostdeutschen Gebiete. Das Bekenntnis zur eigenen Tradition wiegt also schwerer als alle Versuche, sich der politisch uninteressierten Post-68er-Generation um jeden Preis zu öffnen. Die positive Vorreiterstellung dieses Bundes dürfte unbestritten sein.

In einem letzten großen Themenkomplex des Heftes widmet man sich der im nächsten Jahr anstehenden 600-Jahr-Feier der Leipziger Universität und geht in einem zusammenfassenden Überblick auf die ehemals so reichhaltige korporierte Geschichte der Messestadt ein. Von den ehemals gut 50 studentischen Verbindungen haben bis heute wohl gerade fünf überlebt.

Anerkennung von der eigenen Leserschaft

Es lohnt sich wieder die Burschenschaftlichen Blätter zu lesen. Egal, ob Burschenschafter oder nicht; für jeden Jungkonservativen kann die Lektüre mehr als nur ein Zeitvertreib sein, solange den Worten dann auch Taten folgen. Und so lesen sich die am Ende der aktuellen Ausgabe abgedruckten Leserbriefe wie eine Zusammenfassung der neuen Tiefgründigkeit: „Bravo, die letzten BBL sind Ihnen hervorragend gelungen. Schon die vergangenen Ausgaben habe ich mit zunehmendem Interesse gelesen und, ich glaube, jetzt erstmals ein ganzes Heft. Inhaltlich ausgezeichnet, wird diese Arbeit für die deutsche Burschenschaft Früchte tragen, wenn sie so fortgesetzt wird.“

 
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