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Turandot in Berlin – ganz ohne Telekom PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Hasselhorn   
Sonntag, den 21. September 2008 um 02:00 Uhr

Paul PottsEs gibt wohl so gut wie keinen Deutschen mehr, der Puccinis Musik nicht kennt. Das liegt weniger daran, daß etwa der Opernbesuch in Deutschland zunähme, sondern an der neuen Telekom-Werbung. Diese zeigt ein vor einem Jahr bei der britischen Casting-Show „Britain’s got talent“ entstandenes Video, auf dem der Handyverkäufer Paul Potts sich der Jury stellt, um das zu tun, wofür er seiner Meinung nach geboren wurde: „to sing Opera“. Die Jury und das Studiopublikum können das Potts nicht ganz abnehmen, zumal er mit seinem verkniffenen Gesicht und den schiefen Zähnen nicht gerade wie ein Opernsänger aussieht. Doch als er die ersten Töne aus der Puccini-Arie „Nessun Dorma“ singt, ändert sich die Stimmung im Studio schlagartig, Potts’ Gesang rührt die einen zu Tränen, die anderen werden zu Beifallsstürmen hingerissen, und manche auch beides zugleich.

Dabei ist es natürlich nicht in erster Linie die Potts´sche Gesangsleistung, die zu diesen Reaktionen führt. Potts singt ordentlich, aber nicht überragend, nicht vergleichbar beispielsweise mit Pavarottis Darbietung der Arie auf dem Pariskonzert der drei Tenöre. Bei Potts spielt natürlich eine große Rolle, daß man ihm niemals auch nur einen ordentlichen Gesang zugetraut hätte, aber das eigentlich Bewegende an der Szene ist doch Puccinis Musik. Die, so die Telekom-Werbung, ist in der Lage, Menschen zu verbinden – sofern die Telekom die Verbindung ermöglicht.

Im Grunde hat die Telekom damit Recht, denn das moderne Regietheater in der Oper hat dafür gesorgt, daß man um Opernhäuser meistens einen großen Bogen macht. Wenn man sich doch traut und eine Aufführung besucht, kann man Pech haben und zusehen, wie das Werk durch die Inszenierung „verhöhnt, angepinkelt, destruiert und letztlich abgeräumt“ (Michael Klonovsky) wird. Man kann aber auch Glück haben und einen der seltenen Fälle erleben, in denen Opernregisseure mit ihrer Inszenierung nicht sich selbst profilieren wollen, sondern der Musik adäquate Bilder zu geben versuchen. Das ist schwierig genug, da Oper immer pathetisch ist, immer überlebensgroß und immer an der Grenze zum Kitsch. Aber wenn es gelingt, und wenn dazu noch die Musik hervorragend ist, dann gehört so ein Opernabend eigentlich zum besten, was man mit seiner Zeit anfangen kann. So einen gelungenen Abend kann man derzeit bei der Turandot-Inszenierung in der Deutschen Oper Berlin erleben.

Die Handlung der Oper übernahm Puccini von dem gleichnamigen Theaterstück Carlo Gozzis. Es geht um die chinesische Prinzessin Turandot, die jedem ihrer Freier drei Rätsel aufgibt und ihn köpfen läßt, wenn ihm die Lösung nicht gelingt. Der Tatarenprinz Kalaf stellt sich der Aufgabe und meistert sie, doch er bietet der verzweifelten Turandot an, sich trotzdem dem Henker zu stellen, wenn sie bis zum nächsten Morgen seinen Namen herausfindet. Als ihr das nicht gelingt, nennt Kalaf ihr seinen Namen kurz vor Morgengrauen und legt damit sein Leben in ihre Hände; doch Turandot hat sich inzwischen in Kalaf verliebt.

Puccini hat die Oper nicht vollendet, wohl vor allem deshalb, weil er es nicht vermochte, der Geschichte so ein plötzliches Happy-End zu geben. So schrieb Franco Alfano die Oper nach Puccinis Aufzeichnungen zu Ende, und die etwas abrupte Wendung der Geschichte wirkt tatsächlich ein wenig irritierend. Das schmälert aber weder die Großartigkeit der Musik noch die Dramatik der Handlung, und beides zusammen läßt den Zuschauer buchstäblich über die ganzen drei Akte hinweg mitfiebern. Wenn wie jetzt im Falle der Deutschen Oper in Berlin eine natürlich „moderne“, aber wirklich gute Inszenierung, ein sehr gutes Orchester und durch die Bank hervorragende Sänger hinzukommen, dann sollte man nicht zögern, sich einmal der Musik Puccinis auszusetzen – ganz ohne die Telekom.

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