Startseite Rezension The Decemberists bleiben ihrem einzigartigem Stil treu

Alternative Flash-Inhalte

Sie müssen aktualisieren sie ihren Flash Player

Get Adobe Flash player

The Decemberists bleiben ihrem einzigartigem Stil treu PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Mittwoch, den 01. Oktober 2008 um 02:00 Uhr

The Crane WifeDie US-Band The Decemberists legten 2006 mit „The Crane Wife“ bereits ihr viertes Album vor, was in Anbetracht ihrer erst siebenjährigen Laufbahn durchaus bemerkenswert ist. Sie reihen sich schlüssig in die Liste der bislang von uns besprochenen, aktuellen Musikprojekte ein – auch sie zeichnen sich durch herausragende künstlerische Qualität und eine absolut authentische und typische Handschrift aus. Ihre zumeist zart-melancholischen und stimmungsvollen Stücke passen gerade richtig zu einem goldgelben Herbstnachmittag.

Colin Meloys Wundertruppe

Alles begann mit dem Umzug des Lieddichters und heutigen Frontmanns Colin Meloy von seiner Geburtsstadt Helena/ Montana nach Portland. In einer musisch geprägten Familie aufgewachsen, beginnt ihn die ländliche Isolation seiner Heimat zu bedrücken, er will es in der Großstadt fortan als Musiker versuchen. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten formiert sich aus seinem neu gewonnenen musikalischen Freundeskreis heraus rasch die Band The Decemberists, welche abgesehen von kleinen Ausnahmen, bis heute in der Anfangsformation zusammengeblieben ist.

Die musikalische Arbeit geht indes gut vorn, die Gedanken befruchten sich gegenseitig und man nimmt noch im gleichen Jahr (2001) die erste Kurzspielplatte „Five Songs EP“ auf. In rascher Folge erscheinen die Studioalben „Castaway and Cutouts“ (2002), „Her Majesty“ (2003) und „Picaresque“ (2005) sowie im gleichen Jahr die zweite EP „The Tain“.

Bereits in den frühesten dieser Veröffentlichungen ist deutlich hörbar, dass die Decemberists in der obersten Liga der derzeitigen Musikkultur spielen. Man kann sie nicht ohne weiteres einer musikalischen Kategorie zuordnen. Bei der Recherche stößt man auf die unterschiedlichsten Genre-Bezeichnungen, angefangen von der schlichten Pop-Musik, über Folk-Rock und Folk-Pop (welch ein unsinniger Begriff!) bis hin zum Gummibegriff Indy-Rock, welcher mittlerweile mehr ausschließt als zusammenfasst.

Es fällt also selbst den Kritikern schwer, eine umfassende Kategorie zu finden, welche die künstlerische Arbeit der Decemberists auf einen Nenner bringen könnte – die beste und treffendste Aussage ist darum wohl: Die Decemberists blieben ihrem einzigartigen Stil stets treu.

Dieser fundiert sich in der ungewöhnlich reichen Sprache der von Meloy gedichteten Texte, welche mehr an kleine Erzählungen, Kurzgeschichten, Sagen oder vertonte Gedichte erinnern. Diese intelligente Wortgewalt, welche weder aus stumpfsinnigen Wiederholungen im Refrain noch aus platten Reimen und hölzernen Metaphern besteht, wird vom ganzen Können talentierter und reifer Musiker umrahmt, welche vor allem mit dem stilvollen Einsatz von Klavier-, Geigen, Akkordeon- und Bläserparts leuchtende Colorationen setzen. Den sprichwörtlichen I-Punkt setzt Meloys markante und dennoch sanft-facettenreiche und zu Herzen gehende Stimme.

Winterliche Melancholie und künstlerische Rückbesinnung

Indes herrscht auch über die Bedeutung des Bandnamens unter den Kritikern und Fachleuten Uneinigkeit. Die meistzitierteste Annahme ist die von den russischen Dezemberisten abgeleitete Namensgebung. Diese politische Gruppe hatten dem designierten russischen Zaren Nikolaus I. im Dezember 1825 den geforderten Treueschwur verweigert und somit revolutionäre Handlungen entfacht. Jedoch passt der Ansatz der laut-leuchtenden Revolution so gar nicht zu den leisen und durchdachten künstlerischen Ansätzen der Decemberists und so liegt die zweite Deutung, welche vor allem neuerdings (und wahrscheinlich als nachträglicher Kommentar der Band selbst zu verstehen ist) den Monat Dezember mit seiner winterlichen Melancholie im Mittelpunkt des Schaffens sieht, nahe.

Als dunkelster und kältester Monat des Jahres reizte er nicht nur viele Dichter und Musiker früherer Epochen zu nachdenklichen und wunderschönen Dichtungen, sondern wird wohl auch in Colin Meloys Seele den ein oder anderen Moll-Akkord produziert haben. Welche Deutung nun auch immer zutreffen mag, die Band selbst hält sich zumindest offiziell mit Hinweisen zurück.

Den ganzen Umfang ihrer künstlerischen Arbeit kann man ferner in den stets kunstvoll gestalteten Booklets und nicht zuletzt in den Bühneninszenierungen erfahren. Es wäre nämlich falsch, die Live-Auftritte der Band als bloße Shows oder Konzerte zu bezeichnen, die „Inszenierung“ trifft daher den wahren Kern: Diese besteht seit einigen Jahren immer aus einem der aktuellen Albumgestaltung entlehnten Bühnenbild, den dazu passenden Kostümen, sowie aus über das eigentlich Musikalische hinaus gehenden schauspielerischen Einlagen. Eine erfrischende Neuerung, die letztlich eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Bühnenkunst darstellt und in so erfreulichem Kontrast zu den laschen „Bühnenshows“ der vielen Eintagsfliegen-Teenie-Bands steht, welche sich mit T-Shirt, zerschlissenen Jeans und Converse-Schuhen bekleiden, dem Rock-Rausch aus der Konserve hingeben und damit allerhöchstens das ungebildete Publikum verzaubern können.

„The Crane Wife“ – das sensationelle vierte Album

„The Crane Wife“ steht sinnbildlich für die ständige künstlerische Weiterentwicklung und Vervollkommnung der Decemberists. Vielleicht kann man es jetzt schon als ihr Meisterstück bezeichnen, da fraglich ist, ob ein derartiger Facettenreichtum noch zu übertreffen ist.  Da ist zunächst das Titelthema „The Crane Wife“, welches eine lyrische Adaption auf ein japanisches Volksmärchen darstellt. Das Album beginnt gewissermaßen mit dem Schluss dieser Erzählung, später folgen die Teile 1 und 2. Diese drei Teile bilden zusammen mit dem darauffolgenden Stück „The Island“, welches sich über 13 Minuten erstreckt, in drei Kapitel gegliedert ist und die Geschichte eines wüsten Verbrechens schildert, den Kern des Albums.

Während „The Crane Wife“ weitgehend zurückhaltend instrumentiert ist und in stillerer Gangart daherkommt, bildet das reich und in Fugenform gestaltete Stück „The Island“ dazu einen angenehmen Kontrast. Weitere Titel des Albums lehnen sich inhaltlich an diese Hauptstücke an, entwickeln aber stets eine zusätzliche Dynamik und Sinnrichtung. So ist bei den Stücken „Summersong“ oder „The Perfect Crime 2“ ein durchaus verbindender Querverweis sowohl zu „The Crane Wife“, als auch „The Island“ herzustellen. Über dies behandelt das Album auch eigenständige Themen wie eine historische Episode des Irlandkonfliktes („The Shankhill Butchers“), des amerikanischen Bürgerkrieges („Yankee Bayonet“) und die vertonte Geschichte zweier verfeindeter spanischer Familien („O Valencia!“).

Die Decemberists spielen nicht einfach melodische Stücke über das Abstraktum der Liebe, des Todes oder die Vergänglichkeit des Lebens, wie das so viele tun. Auf ihre einzigartige Art finden sie immer einen besonderen Zugang zu diesen allgemeingültigen Begrifflichkeiten und dieser führt immer über das Feld des Konkreten. Nicht umsonst werden sie als Nachkommen von Jethro Tull oder Pink Floyd genannt, denn sie verstehen es wie nur wenige aktuelle Bands (The Eels, Midlake, Beirut) oder Musiker (Joanna Newsom, Peter Morén, Sam Beam) der Gegenwart sowohl textlich als auch musikalisch auf höchstem Niveau zu arbeiten, ohne dabei unhörbar zu werden.

 
ANZEIGE

Aufgepasst!

Banner

Umfrage

Das größte Problem in Deutschland ist ...
 
Wie würdest du dich politisch selbst beschreiben?