| Radiohead: Immer neue Räume im musikalischen Kosmos |
|
|
|
| Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke |
| Montag, den 15. Dezember 2008 um 02:00 Uhr |
|
Einzigartige künstlerische „Kontinuität in der Veränderung“ Bereits seit dem Jahr 1986 produzieren die fünf Musiker um Frontmann Thom Yorke künstlerische Einzigartigkeiten. 1989 hob man schließlich „Radiohead“ aus der Taufe und arbeitete gut drei Jahre am ersten Album. Das erste aus „Pablo Honey“ ausgekoppelte Stück, „Creep“, wird bis heute auch noch in der kleinsten Dorfdisko gespielt. Doch schon zwei Jahre später verabschiedeten sich die fünf Engländer von ihrem anfangs noch sehr vom „Britpop“ á la „Oasis“ und „Blur“ beeinflussten Stil. Das zweite Studio-Album „The Bends“ erschien und wurde ein ungeahnter künstlerischer und kommerzieller Erfolg. Und dieser reifte auf einer Mischung aus knackigen Rockgitarren und elektronischen Raum- und Rauschklängen basierenden Stil bis 1997 in „OK Computer“ zur ernstzunehmenden Größe heran. Die elektronischen, oftmals aus reinen Geräuschen hervorgehenden Klangwelten wurden immer deutlicher, dennoch verzichtete die Band nie ganz auf „analoges“ Instrumentarium. Yorkes unverwechselbarer Gesang intonierte die typisch bizarre Poesie und kann ab da als drittes wichtiges Klangmuster aufgefasst werden. In den darauffolgenden sechs Jahren erschienen weitere drei Alben, welchen diese episch-musikalische Fluktuation weiter variierten. „Kid A“, „Amnesiac“ und „Hail to the Thief“ übertrafen sich gegenseitig in punkto Verkaufszahlen und kreativem Anspruch. Bis Mitte 2007 wurde es sehr still um die Band. Der Veröffentlichungstermin der Platte „In Rainbows“ wurde immer wieder verschoben. Schließlich erschien das Album Anfang diesen Jahres und sorgte erwartungsgemäß für Schlagzeilen. Der große Aufwand an Klangmitteln der vorangegangenen Alben wurde wesentlich reduziert - doch jedes der zehn Stücke vermag den Hörer zu fesseln. Immer wieder öffnen sich beim Hören neue Räume im musikalischen Kosmos Thom Yorkes. Yorke und Richard Wagner Es ist ein typisches Merkmal für Erkunder künstlerischen Neulands, ihr Publikum generell zu polarisieren. Der Vergleich zu Richard Wagner drängt sich auf. Zu Anfang seiner Karriere, zunächst ob seiner wuchtigen und neuartigen Kompositionstechnik eher noch belächelt, wurde dem zeitgenössischen Publikum sehr bald deutlich, welches ungeheute Potential hinter diesem Komponisten steckte. Der auf dem Höhepunkt seines Schaffens unverwechselbar geformte Stil, duldete keine mittelmäßige Anteilnahme durch ein Publikum. Entweder war man durch und durch gefangen von seiner Musik – oder fand schlicht keinen Zugang. Wagner und Yorke kann man nicht nur ein „bisschen mögen“ und mal eben zur morgendlichen Tasse Kaffee hören. Man muss sich ihnen ganz hingeben, muss sich auf sie einlassen wollen. Niemand wird heute bestreiten, dass Wagner ein herausragender Komponist war. Er polarisiert nach wie vor, nur steht die künstlerische Qualität seiner Arbeit indes nicht mehr zur Disposition. Auch jene, welche seine Kompositionen als „zu düster, zu schwer und zu heroisch“ einschätzen, werden nie seinen musikalischen Genius in Frage stellen können. Spätestens mit dem letzten Album, „In Rainbows“, dürften Radiohead nunmehr denselben Status erreicht haben. Es findet sich auch hier ein Pol der absoluten Liebhaber und ein Gegenpol derer, denen besagter musikalischer Kosmos stets verschlossen bleiben wird. Während noch 1997 heftig über das betretene Neuland des Stückes „Fitter Happier“ debattiert wurde, in welchem beinahe keine Instrumentalbegleitung zu hören ist, sondern nur eine algorithmisch postulierende Computerstimme, hat sich nun bewahrheitet, dass vieles was heute auf musikalischem Wege Usus ist, von „Radiohead“ ins Leben gerufen wurde. Das Gesamtkunstwerk: voller seltener, poetischer Tiefe Thom Yorke ist nicht nur ein begnadeter Musiker und Sänger, sondern auch ein ausgezeichneter Lieddichter und Poet. Seine herausragendste aktuelle Arbeit in diesem Genre ist ohne Frage das Stück „Faust ARP“ auf der aktuellen Platte „In Rainbows“: Wakey wakey 2006 erschien von Yorke zusätzlich seine erste Soloplatte unter dem Titel „The Eraser“. Die vorwiegend elektronisch konzipierte Produktion fasst den gesamten „Radiohead“-Kosmos innerhalb von nur neun Stücken in absoluter Komprimierung zusammen. Wie schon in einigen früheren Alben besetzt Yorke den Begriff der „Elektronischen Musik“ mit neuen Inhalten. Wer bei diesem Begriff an die üblichen „Club-Sounds“ denkt, ist in diesem Falle schlecht beraten, denn Yorkes Prinzip könnte besser als „Elektronischer Folk“ bezeichnet werden. In dicht übereinander collagierten und schier unendlich verschachtelten Kompositionen lässt der Künstler den Hörer tief in seine und des Musikers Gedankenwelten blicken. Ferner erstrecken sich Yorkes künstlerischen Ambitionen auch auf das Gebiet der Malerei und Graphik. Beinahe alle Album-Cover der letzten gut 22 Jahre entstanden unter seinem Einfluss. So entwickelte er ab dem Album „OK Computer“ eine eigene feste Bildsprache, welche er in der Gestaltung aller folgenden Alben bis zu „Hail to the Thief“ (2003) kontinuierlich weiterentwickelte. Sein klares Ziel war dabei die Vertiefung der emotionalen Wirkung seiner Musik durch eine zusätzliche Verbildlichung. Neue Ansätze im Musikmarkt Der nach sechs Alben auslaufende Plattenvertrag mit dem Major-Label „EMI“ diente als Anlass zur zunehmenden Vertriebsanarchie. Man schloss keinen neuen Vertrag ab und versuchte den kommerziellen Absatz des letzten erschienen Albums „In Rainbows“ selbst in die Hand zu nehmen, was sicherlich zum mehrmaligen Verschieben des Veröffentlichungstermins beitrug. Schließlich wurde das Album Ende letzten Jahres im Internet veröffentlicht. Der neue Ansatz dabei: Der nur über die Netzseite der Band erreichbare Selbstvertrieb bot eine CD-/Vinyl-Box zum Festpreis und eine Downloadmöglichkeit des kompletten Albums an, bei welcher der Kunde den Preis selbst festsetzen sollte. Der anfänglich vom Management vertretene Ansatz, die Fans würden für gute Musik auch entsprechend bezahlen, erwies sich als belächelnswert. Ganze 62 Prozent der Kunden luden sich das Album gratis herunter und ein weiterer, nicht unwesentlicher Anteil zu einem Minimalpreis, der tief unter dem späteren Albumpreis lag. Im Januar diesen Jahres erschien dann die reguläre CD-/Vinyl-Version, welche es dennoch vermochte, in nur einem Monat 122.000 mal über die weltweiten Ladentische zu gehen. Im Nachgang verneinte das Management die allseits vermutete These, die Download-Möglichkeit sollte dem generellen Abwärtstrend der Musikbranche entgegenwirken. Nicht selten titelte man „,Radiohead’ verschenkt sein neues Album“. Diese Variante habe der Gruppe zufolge jedoch Werbezwecken gedient. „Radiohead“ will also nicht allein im musikalischen Bereich einen Vorstoß wagen. |