PeterLicht hat kein Gesicht. Ganz abgesehen vom ungewollten Reim dieser Aussage, trifft sie doch schon sein Konzept: Kunst ja, Künstler nein. Und dabei hat er auf dem Gebiet der Kunst allerhand zu bieten. Bislang erschienen ganze fünf Tonträger und zwei Bücher, außerdem ist er fleißig am Zeichnen. Keine schlechte Bilanz für die letzten neun Jahre, seit denen PeterLicht sein Unwesen treibt. Dass der Name ein Pseudonym ist, versteht sich wohl von selbst.
Inkognito „auf dem Sonnendeck“
Nur wenige Leute wissen, wie PeterLicht aussieht. Sicherlich jene, welche ihn auf seinen Konzerten besuchen. Und dabei ist er bei weitem nicht der Einzige, der sich konsequent dem Medienrummel entzieht. Maskenträger gibt es viele. „Sido“ zum Beispiel, obwohl dieser sich umringt von Fotographen und Kamerateams wohlfühlt. Doch PeterLicht ist kein Maskenträger mit Pubertätsfantasien, der das Milchbubigesicht hinter der Monstermaske versteckt, um beim Erschrecken und Ärgern auch mal auf der anderen Seite zu stehen. Er macht sich einfach nur rar. Legendär sein Auftritt bei Harald Schmidt, bei welchem sein Gesicht keine Sekunde zu sehen war.
Und dabei ist die Wirkmächtigkeit seiner Kunst um so beeindruckender. In erster Linie profilierte er sich ab 2000 als Musiker. Der EP „Sechs Lieder“ folgte 2001 das Album „Vierzehn Lieder“, auf welchem sich das morbide Lied „Sonnendeck“ befindet, welches prompt eine Art Sommerhit wurde. 2003 schließlich „Stratosphärenlieder“.
Von der Kapitalismuskritik …
Alle diese Werke sind ebenso von großer musikalischer Fertigkeit und einem Händchen für die Melodie geprägt, sowie reichlich mit narrativen und poetischen Köstlichkeiten besetzt. Die Platte „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ läutete dann eine zweite PeterLicht-Phase ein, nämlich die der aktiven künstlerischen Gesellschaftskritik. Satte Epik und Poesie verschwanden zu Ungunsten eindeutig und beinahe zu klar ausgesprochener Gegenwartsprobleme in Liedform. Das Urteil über diese Platte war sicherlich nur deshalb so gut, da das alles irgendwie sehr deckungsgleich zum Mainstream verlief.
… zur Melancholie
2008 erschien „Melancholie und Gesellschaft“. PeterLicht hat dabei wohl aus dem Vorgänger gelernt und ist zwar immer noch bissig und kritisch, jedoch lässt die musikalisch-textliche Rückbesinnung die Stimmung der Anfangsjahre aufkommen. PeterLicht zeichnet und schreibt leidenschaftlich. Oft entstehen seine Plattencover in eigener Regie. In Ergänzung zu „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ erschien 2006 sein schriftstellerischer Erstling: „Wir werden siegen“.
PeterLichts Prinzip geht auf: Kein Kritiker versucht seinen Texten und Liedern persönliche Deutungen aufzuzwingen, keine Interviews, in denen er über sein Intimleben plaudert. Keine autobiographischen Offenbarungen in Schriftform. Wenn er sich zu Wort meldet, dann künstlerisch beziehungsweise kommentierend. Das hat Stil!
Stichwort „Melancholie und Gesellschaft“
Das aktuelle Album berührt ebenso wie sein Vorgänger heftig brodelnde Problemfelder der Gegenwartskultur. Während die vorangegangene naive und nicht selten dennoch lustige Kapitalismuskritik „Vorbei, vorbei, jetzt ist er endlich vorbei!“ eher plakativ wirkte, sind im aktuellen Album „Melancholie und Gesellschaft“ klare Tendenzen ablesbar. In einem Interview mit der FAZ vom 30. August 2008 reißt Licht die zwei großen Themenfelder an: Existentialismus in Reinkultur und zweitens Melancholie: „Die Melancholie als dauerndes Wetterleuchten, vor deren Hintergrund die Gesellschaft ihre unfassbare Existenz durchführt“, nennt Licht selbst das Ganze.
Die existentialistischen Fragen sind die intellektuelle „Basis“ für den „Überbau“ von Lichts Beobachtungen zu den Folgen des Individualismus: „Melancholie ist das Ich, der Einsame, das abgespaltene Atom der Gesellschaft.“ Melancholie, Selbstverwirklichung und Depression sind für ihn de facto ein und dasselbe, wenn er feststellt: „Ich frage mich, ob Selbstverwirklichung am Ende nicht ein anderes Wort ist für Depression.“ PeterLichts kausale Kette könnte in etwa so heißen: Selbstverwirklichung führt zur Ablösung vom Wir, führt zum Ich, führt in die Einsamkeit und Einsamkeit gebiert Melancholie.
Kein Gott mehr, kein kosmisches Zentrum – nur noch Menschen, Individuen
Ohne Zweifel hat auch PeterLicht die Zeichen der Zeit erkannt. Jeder moderne Mensch strebt nach seinen Zielen und nur nach diesen. Heute gibt es kein kosmisches Zentrum mehr, keinen Zielpunkt also, keinen Gott, sondern so viele Zielpunkte, wie es Menschen gibt. Somit ist jeder irgendwie allein. Auch wenn gelegentlich versucht wird, den Konsumkapitalismus als neue Religion zu installieren.
Jeder vernünftige Mensch sollte also dem Ich ein Wir entgegenstellen. Und so konstatiert Licht: „Die Sehnsucht nach dem Wir wird um so größer, je weniger das Wir real stattfindet. Ich habe starke Zweifel am Konzept des Individualismus.“
„ICH HATTE MITTEL GELD“
Sein bislang größter Wurf ist das letztlich erschienene Büchlein mit dem umständlichen Namen „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“. Auf 64 Seiten befinden sich gerade 30 Seiten Text. Ein großes Kapitel. Die anderen Seiten sind entweder leer oder mit ganz wunderbar zarten Zeichnungen versehen, welche den eigenartigen Duktus des Werkes noch einmal verdeutlichen. Schon die erste Seite zeigt, in welche Richtung Licht den ungeahnten Leser da schippern lässt:
„Es ging mir gut. Ich war gesund, und ich hatte Geld. Nicht gerade unglaublich viel Geld, aber ich hatte. Ich konnte mir leisten, was ich mir leisten können wollte, und ich konnte auch mal einen Schlag drauf legen. Zwar war der Schlag so groß jetzt nicht. Aber immerhin. Ein mittelgroßer Schlag. Ok sagen wir eher mal an der unteren Grenze von mittel, oder vielleicht am obersten Rand von unten, also auch nicht ganz oben am oberen Rand. Oder vielleicht mit einer leichten Tendenz zu >mittel<. Sprich: ICH HATTE MITTEL GELD. Mittel Geld im Bereich von >unten<. Obwohl ich müßte nochmal genauer fassen. Die natürliche Fruchtfolge vom Geld ist ja das Auf und Ab, und die Natur meines Geldes war wohl doch nicht >mittel<, sondern vielleicht einen Tacken in Richtung: ein wenig unterhalb von mittel von unten. Das klingt jetzt ein wenig kompliziert.“
Das Prinzip der ganzen Geschichte ist die Relativierung. Und so wird innerhalb der nächsten Seiten aus dem „mittel Geld“ ein „unten Geld“ und schließlich ein „Minusgeld“. Und immer beschreibt er ein und dieselbe Gegenwart, denn sein Monolog ist ein Fluss, in der Geschichte von nichts unterbrochen.
Diese bloßgelegte Relativierung ist dann wohl auch der große kritische und somit typische PeterLicht-Aspekt dieses Buches, denn im Plot, kann er wohl nicht liegen. Dieser lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ein Mann ist glücklich, also beinahe, lebt mit seiner Frau und sitzt auf seinem Sofa, welchem ein Bein fehlt und wartet auf die nahende Apokalypse. Um das auszudrücken, hätte nicht einmal Thomas Mann 30 Seiten gebraucht. Licht weißt vielmehr auf etwas anders hin: Nämlich erneut auf eine gesellschaftliche Wahrheit. Unsere Gesellschaft relativiert gezielt Wahrheiten.
Da wird die Geschichte scheibchenweise neu geschrieben: Mit jeder Reihe Guido Knopp werden die Bösen immer deutscher und die Guten immer antideutscher. Da werden unumstößliche Aussagen der Politik mit jedem Jahr ein wenig relativer: „Keine deutschen Truppen im Irak!“ Da werden Zusagen immer mehr Lüge: „Keine Energiekostenerhöhung in den nächsten sechs Monaten – garantiert!“ und „Keine Konservierungsstoffe: laut Gesetz“. Bei genauerem Hinschauen entlarven sich alle diese Aussagen dann doch als Lügen.
Gleichnishaft enttarnt Licht dieses so normal gewordene Prinzip der Prinzipienlosigkeit. Einzigartig dabei die Kombination von leichtfüßiger Wortgewandtheit und kritischem Ansatz. Vielleicht ist dieser humoristische und dennoch analytische PeterLicht genau der, der am meisten PeterLicht ist. Kunst besteht, auch oder gerade, wenn sie kritisch sein will, im Andeuten und Ummänteln, nicht im Schlaglichtscheinwerfer.
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