Startseite Rezension Martin Geck: „33 Variationen über die Wunder der klassischen Musik“

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Martin Geck: „33 Variationen über die Wunder der klassischen Musik“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Sonntag, den 29. März 2009 um 01:00 Uhr

NotenDer Dortmunder Musikprofessor Martin Geck schreitet in seinem gerade bei Siedler erschienenen Werk „Wenn der Buckelwal in die Oper geht“ einen maximalen Radius an Grundfragen der Tonkunst ab. Sein Prinzip ist dabei nicht das vertikal-chronologische Nachzeichnen geschichtlicher Entwicklungsstufen, sondern das horizontal-abstrahierende Verbinden von Themenschwerpunkten unterschiedlicher Epochen. Die Vermittlung in „Variationen“, also in luftig geschriebenen Kurzessays, lässt dieses Werk zu einer hochgradig bildenden, jedoch niemals schulmeisterlich belehrenden Lektüre werden.

Vom Ursprung der Musik in der Natur

Martin Geck weiß, wovon er spricht. Sofort merkt man, auf seinem Spezialgebiet, der deutschen Musikhistorie zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert, ist er eine ernstzunehmende Größe. Seit Mitte der 90er Jahre veröffentlichte er nunmehr sieben Grundlagenwerke. Darunter vier werkbiographische Abhandlungen über Beethoven, Bach, Wagner und Mozart.

Der für den Kunstinteressierten zunächst etwas abstoßende Titel „Wenn der Buckelwal in die Oper geht“, wird von Geck schon zu Anfang als reine Metapher entschärft. Er geht zunächst den natürlichen Ursprüngen der Lautverständigung nach und nennt dabei als prähistorisches Beispiel den Urgesang der Buckelwale. Jene produzieren „Musik“ seit Urzeiten genauso selbstverständlich und gedankenlos, wie ein gutgelaunt singender Großstädter unter der Dusche.

Der Autor steht einem von Anfang an beratend zur Seite. In keiner Sequenz könnte man den Eindruck gewinnen, hier erkläre ein hochmütiger Gelehrter den Unwissenden etwas vom Katheder hinab. Martin Geck legt dem Sucher die Hand auf die Schulter und sagt gleichsam, „Siehst du, so funktioniert das“. Besonders in sehr theoretischen Abschnitten, wie zum Beispiel dem Abriss über die Entwicklung der Sonatenform und der Bedeutung der Durchführung, hat der Leser niemals das Gefühl im theoretischen Dschungel zu versumpfen. Vielmehr gelingt es Geck durch ein gekonntes Hinzuziehen allgemein verständlicher Vergleiche aus dem Leben oder durch erklärende Querverweise zur Literatur und Malerei, auch noch so komplizierte Zusammenhänge transparent darzustellen.

Docere, movere, delectare.

Gleich den Gelehrten und Künstlern, die es sich über die Jahrhunderte nicht haben nehmen lassen, „Sinn und Zweck ihrer Kompositionen, Bilder, Bücher und Reden in schönem Latein zu beschreiben“, nennt Geck das Motto seiner Arbeit „docere, movere, delectare“, also lehren, bewegen, erfreuen. Er unterstreicht damit den didaktischen Dreiklang hin zu wahrem Stilgefühl und Kunstverstand. Nur wer sich bildet, ist imstande zu verstehen. Nur wer verstehen kann, wird imstande sein können, Kunst als solche wirklich zu erleben, sie als etwas Höheres zu begreifen.

Dem eifrigen Leser der Werke Thomas Manns wird hier schnell eine interessante Parallele auffallen. In seinem Alterswerk „Doktor Faustus“ (1947) beschreibt dieser die Grundvoraussetzungen für die Entwicklung des Künstlertums. Anhand seiner Romanfigur, dem Tonsetzer Adrian Leverkühn, entwickelt Mann einen Modus vivendi für einen Zugang zum universellen Kunstverständnis. Dabei ist nicht nur das Werk selbst ausschlaggebend, sondern auch die gesellschaftlichen Umstände seiner Entstehung und nicht zuletzt, in subtilerem Maße, die Biographie des Schöpfers selbst.

Und noch eine zweite Parallele zu „Doktor Faustus“ tut sich auf. Der geniale Komponist Leverkühn besitzt einen Lehrer namens Wendel Kretzschmar. Dessen einzigartig fortschrittliche Lehrmethoden vermögen es nicht nur dem jungen Leverkühn den Kosmos der Musik von seiten der Kreativität und des Genies her zu erschließen, sondern ebenso dem Leser einen umfassenden und unorthodoxen Überblick über das Wesen der Musik zu verschaffen. Man sieht Kretzschmar bei einem seiner Vorträge typischerweise am Klavier sitzen und ein Klavierstück von Beethoven spielen, während er mit lauter Stimme sinngemäß in den Klagkörper hineinruft: „Sehen sie, dies ist die bemerkenswerte Stelle! Ist dies ausdenkbar? Verstehen sie nun, warum nach diesem Satz kein Dritter folgen kann ...?“ Es scheint, Martin Geck habe sich diesen Gelehrten zum Vorbild genommen und folgt dem Mann-Kretzschmarschen Modell.

Dennoch bleibt die ungewisse Frage nach dem Zielpublikum

Innerhalb seiner „Rundfahrt zu originellen Stätten klassischer Musik“ greift der Autor immer wieder auf Vergleichsgrößen zurück: Beethoven, Bach, Wagner und Mozart. Von diesen Felsen aus lässt er feinsinnig gesponnene Vergleiche entstehen. Doch beginnt man sich spätestens nach gut zwei Dritteln des Buchs zu fragen, an wen sich Geck nun eigentlich wendet. Zwar benennt er in seiner Einleitung die Intension, mit seinem Werk im Nachgang zu einprägsamen Musikgenüssen, zum Beispiel einem Abend in der Oper, das Verstehen des Ganzen zu fördern und somit nicht bloß im allgemein Erklärenden zu verharren. Das ist an sich lobenswert. Dennoch bleibt die ungewisse Frage nach dem Zielpublikum. Für reine Hobbyhörer, welche vielleicht selbst nicht einmal musikalisch sind, sondern nur vor Zeit zu Zeit Wagner hören und das halt „gut“ finden, ist dieses Buch mit seinen Fachbegriffen und Notenbeispielen zu anspruchsvoll.

Für Spezialisten hingegen gibt es hier wenig Neues zu erfahren. Dieser Aspekt wird es diesem klug und verständlich geschriebenen Buch leider sehr schwer machen. Und dennoch gelingt es Martin Geck in seiner umfassenden Vernetzung von Musik, Literatur, Philosophie und Leben einen wichtigen Bildungsbeitrag zu leisten. Zum einen unterstreicht er die genreübergreifende Universalität der Kunst an sich und andererseits regt er besonders die „Hobbyhörer“ dazu an, die Bildungslücken als persönlichen Bildungsauftrag zu verstehen.

 
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