Der Leipziger Intelligenzforscher Volkmar Weiss spinnt in seinem Buch Das Reich Artam einen schon oft vernähten Faden weiter: Wie sähen Gegenwart und Zukunft aus, wenn der Zweite Weltkrieg in einem deutschen Sieg gegipfelt hätte? Hier stirbt Hitler bei einem Flugzeugabsturz 1941, das Reich verbrüdert sich mit den USA und hat auf diese Weise freie Hand gegen Rußland.
Nachdem sich aber Ost- und Westteil Deutschlands innerlich irreversibel entzweit haben, kommt es zur Aufteilung in das Altreich Deutschland und Artam. Während ersteres grob die tatsächliche historische Entwicklung durchlebt, wie beispielsweise eine Studentenbewegung (genannt „88iger“), Demokratisierung und Immigrationswellen, konserviert Artam die charakteristischen Merkmale des Dritten Reiches: Rassenlehre und Führerprinzip.
Indes werden Erwartungen des Lesers, hier eine futuristisch-fiktive Metamorphose Nazi-Deutschlands zu finden, auf ganzer Linie enttäuscht: Das Reich Artam brüstet sich sogar mit seinen guten Beziehungen sowohl zu „Groß-Israel“ als auch zur eigenen muslimischen Bevölkerung. Der Protagonist Adrian Schwarz selbst behauptet von sich, kein Antisemit zu sein. Dennoch relativiert Weiss dieses etwas paradox anmutende Bekenntnis des standhaften Obersturmbannführers durch eine zynische Anspielung auf die auch in Artam vonstatten gehende Islamisierung, denn „(es) ziemte (...) sich nicht, in Artam als Judenfreund zu gelten, allein schon wegen der wachsenden Bedeutung der [islamischen, Anm. d. Verf.] Handschar.“
Weiss schreibt seiner Fantasiewelt im wesentlichen die Merkmale einer übertechnisierten DDR mit orwellschem „Big Brother“-System zu, wie absolute und zeitlose Überwachung verbunden mit einer straff durchmilitarisierten Gesellschaftsform inklusive staatlicher Allmacht. Jene ist es auch, die schließlich die Beziehung des Protagonisten zu der muslimischen Ludmila aufdeckt und seine Karriere im Reichssicherheitshauptamt auf ungeahnte Bahnen leitet. Er wird zu Himmelfahrtskommandos gezwungen, kann auf diese Weise jedoch auch etwas von der Welt sehen, was eine innere Kettenreaktion auslöst, die am Ende in Adrians Opposition zum System Artam kulminieren wird. Dennoch stellt sich letztlich eine Frage, die weit über alle individuellen Schicksale erhaben ist: Kann sich Artam der auf einen Militärputsch sinnenden Handschar erwehren?
Volkmar Weiss’ Werk kann als nüchterner, jedoch teilweise auch erfrischend zynischer, Zukunftsentwurf gelesen werden, dessen dystopische Faktoren auf parallelen Ursprüngen in unserer Gegenwart fußen: Die als dialektisches Gegenteil von Artam zu verstehende BRD beispielsweise zeigt sich ebenso befallen von Kinderarmut, Bildungsverfall, Hedonismus und Islamisierung wie ihr reales Gegenstück. Auch die derzeit in aller Munde vertretenen 68er finden hier ihre Entsprechung, nur um 20 Jahre nach hinten verschoben. Auf diese Weise wird die Erzählung mit einer ironischen Prise Doppelbödigkeit gewürzt, die es geistreich versteht, den aktuellen Zeitgeist ins Lächerliche zu ziehen und dem Leser das eine oder andere Lächeln zu entlocken. So sind es denn auch nicht Spannung oder Handlung, die den Wert des Buches ausmachen, sondern vielmehr sein dezidiert politischer Nerv, der fernab von Belletristik und Romanschnörkelei verläuft. Das Reich Artam muß als eine Art soziopolitische Zukunftsprognose gelesen werden, die uns einen Blick in die Glaskugel linksliberaler Zukunft werfen läßt. Erst unter dieser Maßgabe erschließt sich die Qualität des Buches: Denn ist es wirklich so fern, die Zustände der von Weiss erdachten Bundesrepublik mit den real existierenden in Beziehung zu setzen?
Dieser Artikel erschien zuerst in Blaue Narzisse, #9, September 2008. |