„Der Tag, an dem die Erde still stand“ hat wohl einen ganz guten Klang – oder hatte es zumindest im gleichnamigen Spielfilm von 1951. Heutzutage, mehr als 57 Jahre nach der Ufomania, ist bereits der Titel einschläfernd. Dieses Bild vermittelt zumindest der 2008 von Regisseur Scott Derrickson und Drehbuchautor David Scarpa auf die Kinos losgelassene Science-Fiction-Film „The Day the Earth Stood still“.
1951: Die Kinowelt steht still
1951, als ein gleichnamiger Film auf den historischen Leinwänden flackerte, konnte man die vergleichsweise leicht beeindruckbaren Kinogänger mit dem 60 Zentimeter großen Pappmodell einer Untertasse und einem Roboter aus Konservenbüchsen noch schocken. Ja, Regisseur Robert Wise hatte es damals in der guten sepiafarbenen Kinozeit wirklich einfach. Doch damals war der Film ein Vorreiter, ein noch nie da gewesenes filmisches Glanzstück, welches unsere Eltern und Großeltern begeistern konnte.
Aber wie konnte jemand auf den Gedanken kommen diesen Klassiker über fünfzig Jahre später nicht nur erneut durchzukauen, sondern auch noch mit computeranimierten Specialeffekts aufwerten zu können? Scott Derrickson dachte sich vermutlich nichts Böses dabei. Er dachte vermutlich gar nicht. Und er schaffte es auf beeindruckende Weise aus einem technikarmen aber sensibel dargestellten Film, der gezielte Botschaften in der Zeit des Kalten Krieges und der Koreakrise an das Volk brachte,eine actiontriefende, klischeeschwere, verlogen weltverbessernde Bibelgeschichte zu machen.
2008: Die Kinowelt schläft ein
2008 gibt es denselben Plot wie 1951. Anstatt Plastikufos landen allerdings riesige schimmernde Kristallkugeln, im Film als Sphären bezeichnet, auf der ganzen Welt. Die größte schlägt bei der gutmütigsten und tolerantesten Nation der Erde auf – den Amerikanern. Das Alien, das aus der Sphäre steigt, wird natürlich angeschossen, ein riesiger Roboter will daraufhin die Soldaten vernichten und nur der schwächliche, kaum sichtbare Fingerzeig des Aliens kann ihn stoppen.
Das Alien, das sich ebenso wie 1951 schnell erholt, wird in einer Militärbasis festgehalten und stellt sich als Klaatu (Keanu Reeves) vor. Hier erinnert eben dieser Keanu Reeves aber viel zu sehr an Neo aus Matrix. Er erklärt einer Frau des Verteidigungsschutzes (Kathy Bates),dass er ein Freund der Menschen sei und diese vor ihrer eigenen Zerstörung bewahren wolle. Zugleich bringen die Sphären überall auf der Welt Chaos und Schrecken über die wie Hühner umher torkelnden Menschen.
Eine Astrobiologin (Jennifer Connoly) verhilft Klaatu schließlich zur Flucht, der nach und nach offenbart, dass er zwar die Menschen nicht hasst, aber es sein Auftrag ist diese böse, böse Rasse im Auftrag einer außerirdischen Macht zu vernichten, weil sie gefährlich für Umwelt und Weltall ist – ungefähr so gefährlich wie etwa Abflussreiniger für gesundes Grundwasser. Auch der Nobelpreisträger Barnhardt (John Cleese) schaltet sich in die Diskussion ein. Wenigstens hat Keanu Reeves aber eine Rolle bekommen, die wie für ihn geschaffen erscheint. Er, der Mann mit weniger als drei Gesichtsausdrücken, passt perfekt zu dem gefühlsamputierten Alien Klaatu.
Die Moral: seid nett zu den Mitmenschen, kauft Biofood
Eine Frage bleibt: Wie konnte Derrickson aus dieser Story so wenig herausholen? Er übernahm alles vom Klassiker von 1951. Und genau deshalb ist aus dem Film nichts geworden. Es liegen Hunderte von unentdeckten, guten und besseren Science-Fiction-Geschichten in Hollywood herum, aber Derrickson zerkaut das Thema nur. Er hat eine der wichtigsten Gesetzmäßigkeiten der Filmgeschichte vergessen: nur weil ein Machwerk vor Jahren ein Erfolg gewesen ist, muss es das gleiche Thema mit den dem jetzigen Standard entsprechenden Specialeffekte nicht auch sein. Auf den Kontext kommt es an. Und den hat „Der Tag, an dem die Welt still stand“ von 2008 nun mal nicht. Die historische Folie eines Kalten Krieges und eines heraufziehenden Atomkrieges ist nicht mehr vorhanden. Somit hat der Film eben keine Reflektionsfläche mehr.
Genau deshalb ist der Film ein Flop. 1951 hatte er noch eine klare Botschaft, er war ein Appell an eineWelt, die sich in mehreren existenziellen Krisen befand. In der Fassung von 2008 beschränkt sich die Moral des Films auf den Appell an die Massen, mehr Biofood zu kaufen und sich möglichst oft zu recyceln und nett zu Pflanzen, Tieren und Mitmenschen zu sein, bevor wir von einem gigantischen außerirdischen Daumen wie Ameisen zerquetscht werden. Dieser Film ist ohne die Botschaft der Vergangenheit lieblos, herzlos und keine noch so großen Böller, die vor den verwirrt durch den Film gondelnden Hauptdarstellern explodieren, können das ändern. So fantastisch der Trailer auch war – und so große Erwartungen Keanu Reeves auch aufgebaut hat –umso enttäuschender fällt der Film eben aus. Man vermisst eine schlüssige Moral ebenso wie den roten Faden.
Nominierung für die „Goldene Himbeere“
Deutlich wird dies bei den „Auszeichnungen“, die der Film erhalten hat: zwei Nominierungen des Sattelite Award in den Kategorien bester Tonschnitt und beste visuelle Effekte. Dass „Der Tag, an dem die Erde still stand“ noch näher an der Goldenen Himbeere für das schlechteste Remake oder Kinogänger-Abzocke dran war, erscheint nach dem Kinobesuch umso plausibler. Ein Großteil der Film-Millionen investierte Derrickson offenbar in Spezialeffekte. Wollen wir wenigstens hoffen, dass sich diese Entwicklung nicht fortsetzt. Ansonsten könnten vor lauter Wut wirklich Aliens auf der Erde landen.
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