| Europa im Schlepptau der USA: Slavko Lebans „Utopie oder Chance“ |
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| Geschrieben von: Prof. Dr. Paul Gottfried (Gastautor) |
| Dienstag, den 21. Juli 2009 um 09:10 Uhr |
In seiner 2009 beim Verlag novum erschienenen, 412 Seiten starken Kritik der Spätmoderne gibt der kroatischstämmige und in Deutschland lange praktizierende Arzt Slavko Leban der jüngeren Generation Ratschläge für den Weg in die Zukunft. Weltanschaulicher Ausgangspunkt des Buches ist die Idee der Rückkehr zur mittelalterlichen Scholastik und einer ihr entsprechenden Werteordnung. Leban versucht nun, sein daraus abgeleitetes Gedankengut auf die Gegenwart zu beziehen.
Die Amerikaner als Vorbild Das Werk ist in einer Metaphysik und Sittenlehre verankert, die ein dauerhaftes menschliches Dasein und unveränderliche Moral voraussetzen. Mit dieser Position steht eine nach Beliebigkeit zu bastelnde und immer vorläufige Lebenswelt in klarem Widerspruch. Etwas störend bleibt das Buch für Durchschnittskonservative, die zumindest in den USA aller Wahrscheinlichkeit nach bekennende Protestanten sind. Leban aber hält an einem streng katholischen Geschichtsbild fest. Eine schwerwiegende Verantwortung für die Zersetzung der einstigen europäischen Glaubensgemeinschaft schiebt er damit der Reformation und dem Aufstieg einer auf den Einzelwillen gestützten Religion zu. Leban beklagt nicht nur den protestantischen Verfall der Frühmoderne. Er ist sogar noch mehr besorgt über die unwiderstehliche Einflussnahme der amerikanischen Vormacht auf eine zunehmend entortete europäische Bevölkerung. Seit Anfang des letzten Jahrhunderts, als sich eine massendemokratische Verwaltungsregierung in den USA etablierte, haben amerikanische Staatsbeamte und öffentliche Erzieher sich mit dem nie zu vollendenden Auftrag abgegeben, die immer mehr zugezogenen Immigranten in eine bunte Gesellschaft einzubinden. Im Wandel der Zeit wurde die nunmehr vorherrschende Ideologie der Vielfältigkeit zu einem Instrument politischer Verdammung. Die USA ist Europa dabei vorausgeeilt. „Lechts und Rinks“ in den USA Dabei steht der linke Kampfruf „Diversity“ im Mittelpunkt. Denn entgegen dem ungleich älteren pluralistischen Begriff setzen die Verfechter des „Multikulti“ darauf, eine schon von jedem Volkssinn losgelöste Verwaltung für sich zu vereinnahmen und alles, was der amerikanischen Gründernation eigen war, zu verdrängen. Leban zitiert dabei auch meine Feststellungen über das gravierende Verhältnis zwischen der bei uns in Amerika entstandenen und immerzu wachsenden Politik der Schuld und dem bei uns ebenso tonangebenden aber auch entstellten Protestantismus, der zu einer selbstbewussten westlichen Identität Abstand nimmt. Ich verbinde jedoch keineswegs den jetzigen Kampf gegen alle geschlechtlichen und ethnischen Identitäten mit den Urformen des amerikanischen Protestantismus. Bei den weniger links stehenden religiösen Rechten besteht jedoch ebenso wenig eine Anbindung an die augustinische Denkwelt der Gründerväter der Reformation. Vielmehr wird die Sündhaftigkeit des abgefallenen menschlichen Geschöpfes durch andere, zeitgemäßere Sorgen ersetzt. Die tragende Weltanschauung der so gearteten „religiösen Gegenrevolution“ setzt sich aus bestürzenden Bauelementen zusammen: einer eigenartigen „Jüngstes Gericht“-Erzählung, einem auf die Amerika-Israel-Lobby abgestimmten christlichen Zionismus und einer steten Fixierung darauf, „amerikanische, demokratische Werte“ weltweit durchzusetzen. Leban: ein prophetischer Autodidakt Lebans Zeitkritik ist gewaltig gefasst und geschüttelt voller tiefgreifender Einsichten über die Unzulänglichkeiten unserer Zeitepoche. Alles, was die Rechte betrübt, hält bei diesem wertenden Werk Einzug. Dazu zählen der zum Aussterben führende Geburtenmangel der einheimischen Europäer, die fortschreitende Auflösung von Familien- und Sippenbanden, der von Staats wegen angesagte Krieg gegen traditionelle Strukturen und das Abschaffen von vererbten unterschiedlichen Geschlechtsrollen. Keines dieser Reizthemen sollte in einer gut zurechtgelegten Kritik von rechts fehlen und in Lebans Anklageschrift finden all diese Topoi eine sachgemäße Behandlung. Was im Buch am meisten auffällt, ist die gründliche, saubere Argumentation. Etliche Jahre vor den Auswirkungen der laufenden Krise wies Leban auf das Zerplatzen der schon damals aufgeblähten Kreditblase und die irreführenden Versuche, die versackte Wirtschaft mit ungedeckten Staatszuwendungen aufzukurbeln, hin. Zudem gab er durchdachte und wohlfundierte Indizien ab, warum die Vorzeichen so geartet waren und warum sie zu dem vorbestimmten Verhängnis führen mussten. Mit Leichtigkeit bewegt er sich über eine atemberaubende Tragweite von Sachgebieten hinweg, ohne den Bogen zu überspannen. Und alles, was er berührt, untersucht er kenntnisreich – ein unerschütterliches Charakteristikum des begabten Autodidakten. Deutschland: das erstgeborene Kind der Umerziehung Und nicht zuletzt sei zu bedenken, dass Leban keine Scheu besitzt, kontroverse Quellen und Sachverständige herbeizuholen. Neben mir nennt er auch den französischen neuheidnischen Vordenker Alain de Benoist. Denn vor allem zielt Benoists Kritik auf die europäische Führungsschicht, welche die USA als einen moralischen Leitstern ihren Mitbürgern aufzwingen wollen. Europäische Eliten, so Benoist, kopieren die USA stets aufs Neue. Und sie beeilen sich kopfüber, der amerikanischen Regierung beiseite zu stehen. Wenngleich Leban genug Maß zeigt, um sich nicht dem überspitzten Antiamerikanismus seiner französischen Leitfigur hinzugeben, streut er doch in seine Analyse Mahnrufe ein, dem amerikanischen Beispiel eben nicht hinterherzulaufen. Und er greift meine Grundthese auf, dass die Diversity-Erkrankung, die in der Altwelt überhandnahm, schon bei den Amerikanern vorgeführt wurde und fortgepflanzt wird. Bekanntlich schlug das importierte amerikanische Strickmuster am besten bei den Deutschen ein. Wie Caspar von Schrenk-Notzing in seinem Prachtwerk zur deutschen Umerziehung unterstreicht, haben die zielstrebigen, von Sachverständigen umstellten Besatzer den Anlass zum Umformen nicht verfliegen lassen. In seiner Studie über Italien zur Zeit der Renaissance erhob Jacob Burckhardt sein Subjekt zum „erstgeborenen Kind der modernen Welt“. Ebenso berechtigt wäre es, das heutige Deutschland als Erstling einer von Amerika aus planmäßig gestalteten postnationalen Gesellschaft zu betrachten. Slavko Leban: Utopie oder Chance. Utopie oder Chance - Eine Abhandlung über den modernen politischen Konservatismus in Europa: Ein Anstoß zum Nachdenken. Novum 2009, 412 S., Taschenbuch, 21,30 Euro. |