Startseite Rezension „Kritik der arabischen Vernunft“: Warum der Westen vorne sein soll

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„Kritik der arabischen Vernunft“: Warum der Westen vorne sein soll PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Johann Schacht   
Freitag, den 07. August 2009 um 13:43 Uhr

Kritik der arabischen VernunftDie Strahlkraft des westlichen „Way of Life“ fußt auf den Erfolgen, die seine Nationen zu globaler Dominanz hat aufsteigen lassen. Aber wo Licht ist, findet sich notwendigerweise auch Schatten. Diesen – spezifisch arabischen Schatten – erhellt der emeritierte marokkanische Philosophieprofessor Mohammed Abed Al-Jabri in seiner dieses Jahr erschienenen Lageanalyse „Kritik der arabischen Vernunft“.

Die dritte Widerstandsbewegung gegen die Moderne

Zu den Widerstandsbewegungen gegen die Moderne zählen nach Ernst Nolte nicht nur Faschismus und Kommunismus, sondern auch der Islamismus. Dabei revoltiere dieser mittels einer kulturellen Statik gegen die Verführungen des dekadenten Westens. Und genau dieses Spannungsfeld aus festgefahrener Tradition und verlockendem „Way of Life“ hat sich Al-Jabri in seiner vierteiligen „Kritik der arabischen Vernunft“ zur Aufgabe gemacht. Deren Einleitung liegt nun auf Deutsch vor.

Al-Jabri, Emeritus für Philosophie und islamisches Denken an der Universität Mohammed V. in Rabat/ Marokko, zählt in der europäischen Welt zu den unbekannten Größen. In der islamischen Sphäre allerdings schlug seine Anlehnung an Kants „Kritik der reinen Vernunft“ taifunartige Wellen. Schließlich will „der letzte arabische Linke, der noch nicht zum politischen Islam übergelaufen ist“ (Bassam Tibi) nicht weniger, als den Niedergang der arabischen Machtstellung begreiflich machen und das philosophische Instrumentarium zur Genesung bieten.

Dazu bedient er sich einer für ideengeschichtliche Werke angenehm lesbaren Sprache, die auf Kanonaden von Fremd- und Fachwörtern verzichtet. Diese leichte Verdaulichkeit sollte aber keinesfalls mit Seichtheit in der Materie verwechselt werden, denn Al-Jabri bereitet die Entwicklung der arabisch-islamischen Philosophie von ihren Ursprüngen an konsistent und auch für Laien gut lesbar auf. Obwohl es teilweise den Anschein hat, als hetze der Autor dem europäischen Kontinent und dessen Geisteswelt hinterher, wird deutlich, dass es ihm eben nicht um billige „Importartikel“ geht. Vielmehr lautet das Credo, an die eigene Tradition des Liberalismus anzuknüpfen, die für Al-Jabri mit der ersten arabischen Aufklärung im 12. Jahrhundert begann. Nur so könne sich ein genuin arabischer Rationalismus entwickeln, dem er die schwierige Synthese von Tradition und Moderne zutraut und die durch eine regressive „arabische Vernunft“ noch verstellt sei.

Die starre „arabische Vernunft“

Der Kern dieser „arabischen Vernunft“, so Al-Jabri, ist eine rückwärtsgewandte Denkungsart, die es durch „Objektivität“ und eine „historische Perspektive“ aufzubrechen gilt. Beispielhaft für die monolithische Verkrustung des arabisch-islamischen Denkens ist der statische Charakter der arabischen Sprache, die sich seit über 14 Jahrhunderten nicht verändert hat und den einzigen Zugang zu kognitiven Begriffen wie etwa „Idee“ und „Vorstellung“ biete. Diese Anknüpfung an Nietzsches Vorstellung von der Sprache als Gefängnis bietet dabei nur die Ouvertüre zum Kern des Buches:

„Warum haben die Erkenntnisgebäude, die in der arabischen-islamischen Kultur zur Zeit ihres Aufschwunges im Laufe des Mittelalters errichten wurden, nicht die Entwicklung erlebt, die diese Kultur in die Lage versetzt hätte, eine intellektuelle und wissenschaftliche Renaissance zu vollziehen, die den Garant für einen andauernden Fortschritt gewesen wäre, so wie er in Europa seit dem 15. Jahrhundert stattgefunden hat?“

Zentral für den Autor bleibt, wie vielerorts in der islamischen Welt, ein dialektisches Verhältnis zum Westen als einer Art von Maßstab und fester Bezugsgröße. Europa, das ist für Al-Jabri oft gleichbedeutend mit Moderne und Fortschritt. Dem Islam komme hier nur die Rolle des grimmigen Traditionswächters zu, da er sich den Weg zu größerem Rationalismus durch eine sperrige Denkungsart verbaut habe. Diese „arabische Vernunft“ bestehe im Wesentlichen aus einem logischen MoscheeRigorismus, der nur ein Morgen im Verhältnis zu einem Gestern kennt, was im Buch etwas untertrieben „Analogieschluss“ genannt wird. Mit unbekannten Problemen konfrontiert, suche der arabische Geist deswegen ausschließlich in der Vergangenheit nach Lösungen. Al-Jabri spielt hier wohl auf den Koran an. Und genau das kostete die Vormachtstellung, mahnt er, denn „die Ausübung des Denkens ist unter diesen Bedingungen wohl eher ein Erinnerungsspiel.“

Auch die Moderne kennt Schattenseiten

Hieraus leite sich jedoch keinesfalls die Notwendigkeit der simplen Kopie, man möchte fast sagen des Imitationslernens westlicher Vorstellungen ab, sondern ein eigener, ein dritter Weg. Al-Jabris Auffassung von Moderne bleibt allerdings eindimensional, denn sein Begriff der Moderne kennt nur Rationalismus und Demokratie. Auf die Schattenseiten des ausufernden Rationalismus, nämlich bindungslosen Individualismus, Sittenverfall und Totalitarismus geht Al-Jabri nur nebenbei ein, was das Gesamtbild merklich trübt. Vernunft und Demokratie alleine machen noch keinen Staat. Dies hat die Französische Revolution im europäischen Rahmen blutig bewiesen. Und genau hier hätte Al-Jabri sich etwas eingehender mit seinem Vorbild Immanuel Kant befassen sollen, der vor solcher Idealisierung warnte: „Es ist demütigend für die menschliche Vernunft, dass sie in ihrem reinen Gebrauch nichts ausrichtet, und sogar noch einer Disziplin bedarf, um ihre Ausschweifungen zu bändigen, und die Blendwerke, die ihr daherkommen, zu verhüten.“

Allerdings muss dem Autor die Einsicht um die Nicht-Existenz einer „universalen Moderne“ zugute gehalten werden, denn „die Moderne ist ein historisches Phänomen und als solches von den Umständen geprägt, in denen sie sich äußert“. Mit dieser Erkenntnis allein überspringt der linke Philosoph seine europäischen Pendants, die sich faktenresistent in One-World-Träumereien flüchten.

Der neue Gott der ratio

So wie Al-Jabri den wolkigen Begriff einer europäischen Aufklärung nach dem Mensa-Prinzip der Selbstbedienung ausstaffiert, so hart wettert er gegen Tradition. Arabische Tradition, so wie sie heute gelebt wird, bedeute eine Einimpfung von althergebrachten, jedoch überholten Werten. Spöttisch heißt es, mittlerweile lese der Koran die Menschen und nicht andersherum. Und genau gegen diese Vermengung von Subjekt und Objekt will Al-Jabri vorgehen, gegen einen Zwang, „die Tradition als eine absolute, die Geschichte transzendierende Realität zu denken […]“, um „sie in ihrer Relativität und ihrer Historizität wahrzunehmen“. Er fordert ein „sapere aude!“ bei allem Althergebrachten, eine „trennende und zugleich rückbindende Lektüre“, die den Grundstein zur Emanzipation legen soll.

Allerdings wird von Al-Jabri der Islam selbst im „Zeitalter der Neuformulierung“ nicht angetastet. Moderne soll mehr als neuartige Sichtweise der Tradition denn als tatsächlicher Neubeginn verstanden werden, weswegen auch von dem säkularen Autor lediglich die „Aktualisierung der Religion“ angemahnt wird. Der geforderte Bruch mit der Tradition entpuppt sich bei genauem Nachsehen dann auch nur als arabische Lesart der für Progressivismus typischen „kritischen Infragestellung“ und behutsamem Religionskritik, die aber letztendlich eben im Rationalismus der europäischen Neuzeit ihren Gott gefunden hat. Al-Jabris rhetorische Frage nach dem „Wille[n], ein Reich der Vernunft und der Gerechtigkeit zu errichten, um ein freies arabisches, demokratisches und sozialistisches [sic!] Gemeinwesen aufzubauen“ hat bereits die Geschichte verneint.

Mohammed Abed Al-Jabri: Kritik der arabischen Vernunft. Die Einführung. Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky und Sarah Dornhof. Perlen Verlag, Berlin 2009. Gebunden, 232 Seiten, 19,80 Euro.

 
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