Startseite Rezension BONAPARTE: dada royal

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BONAPARTE: dada royal PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Samstag, den 15. August 2009 um 12:02 Uhr

BONAPARTEMan kann die Gegenwart scheiße finden und darüber in Depressionen und Selbsthaß verfallen. Man kann ein Widersacher der Gesellschaft sein und trotzdem an die Wand fahren, vielleicht mit dem pathetischem Abgangsgeheul am Ende. Oder man kann es wie „BONAPARTE“ halten und sich über alles lustig machen – aber mit Niveau, versteht sich.

Am Arsch lecken, bitte

Der Schweizer Musiker Tobias Jundt steht einer personalstarken Band mit eben diesem Namen vor und sorgt für Debatten und lustige Fachkritikeinordnungen seiner Arbeit wie „Visual Trashpunk“. Klar bleibt: keine Schublade ist groß genug für „BONAPARTE“. 2008 erschien das erste Album „Too Much“ beim deutschen Label „Staatsakt“. Das Motto dieser Produktion könnte kurz und schmerzlos heißen: „Wir hassen euch nicht, ihr seid uns egal, leckt uns trotzdem am Arsch“. Und so verkleidet sich Jundts Kapelle und fegt politisch korrekte Tabus sowie das hanebüchene Allround-Bühnenshowkonzept vieler deutscher Teenie-Converse-Langhaar-Bands von der Bildfläche und mit ihnen Stilbegriffe wie „Punk“ und „Pop“.

„You know Sophie Scholl, I love Rock’n’Roll“

„BONAPARTE“ hat einiges zu bieten. Da sind Shows, die an fatalistische Weltuntergangsfeste erinnern. Wer das einmal live erlebt hat, weiß, daß das Rad tatsächlich noch neu erfunden werden kann. Das Wort Bühnenshow wird bei ihnen seinem Wortsinn mal wieder gerecht. Da sind nicht einfach nur die zuckenden Bewegungen des Bassisten, das obligatorische Kopfwippen des Schlagzeugers und das im Drehbuch festgelegte Ausrasten des Sängers. Die Band schafft es, das Publikum in ihre eigene, authentische Welt mitzunehmen, die nicht nur auf der reinen Wirkung der Musik beruht.

Da ist weiterhin das Album selbst. Mit dem Titelstück „Too Much“ manifestiert Jungt sein Weltbild. Nichts ist ihm heilig, keine Tabuhürde zu hoch: „You know Sophie Scholl, I love Rock’n’Roll“. Die gekonnte „Placebo“-Verarsche „Ego“ hört sich an wie eine Abrechnung mit der übersensitiven „Emo“-Subkultur. Die Stücke „Anti Anti“ und „No, I’m against it!“ könnten als die Widerlegung blutleeren Jugendkultur-Mode-Widerstands gegen alles und jeden verstanden werden.

„BONAPARTE“ machen Dada auf hohem Niveau, und das Beste dabei ist: Sie können sogar Musik machen! Mit Schrecken erinnere man sich da an Ausfälle wie „Knorkator“ die inhaltlich in etwa dasselbe taten, man sich dabei aber lieber die Ohren zuhielt.

Hedonismus?

Man kann Jundt, seiner Band und ihrer Musik aber keine tiefgründige philosophische Grundlage andichten, es wäre auf kokette Art übertrieben. Wenngleich die Selbstdefinition der Band in eine Richtung wie „Hedonismus statt Aufregen“ führt, wirkt sie glücklicherweise am ehesten über die musikalische Wahrnehmung als reine Kunst. Es geht hier nicht um plakatives Tabu-Brechen und auch nicht um gespielte Geschmacklosigkeit; ein gesellschaftskritischer Ansatz erscheint doch unrealistisch. Und das ist genau das Sympathische. „BONAPARTE“ beweisen ein feinsinniges Gespür für Kunst im wahren Wortsinn: Fragen in den Raum stellen wie unüberwindliche Hindernisse, doch niemals den Fehler begehen, sie beantworten zu wollen. In diesem Sinne kann man mitjubeln: Hoch lebe Dada!

 
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