Startseite Rezension Moderne Mannsbilder: unsexy und pflegeleicht
Moderne Mannsbilder: unsexy und pflegeleicht PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Carlo Clemens   
Freitag, den 21. August 2009 um 08:05 Uhr

Anleitung zum MännlichseinHeute sehnen sich viele nach einem starken „Kapitän“. Jemand, der durch die Fluten von Dekadenz und Sinnkrise führt und die Betroffenen wohlbehütet ans Ziel bringt. Doch der Mann von heute passt kaum noch in dieses Bild. Das Journalisten-Brüderpaar Andreas und Stephan Lebert (Brigitte, Die Zeit) thematisieren in ihrer 2007 erschienen „Anleitung zum Männlichsein“ ebenso wie der Jenaer Philosophieprofessor Günther Zehm im 2009 bei Edition Antaios erschienenen Buch „Gesunder Menschenverstand – Über Glücklichsein, Spaßhaben und Standhalten“ die Lebensgrundlage, nach der Männer suchen.

Zwischen Mannsbildern

Die Bestandsaufnahme der Leberts: Der Mann von heute sei „demütig, partnerschaftlich, weichgespült, pflegeleicht“. Kurzum: der moderne Mann ist einfach unsexy! Den gesuchten Idealtypus verorten die Brüder dagegen irgendwo „zwischen George Clooney und dem Dalai Lama“ – was übrigens auch den Charakter ihres Buches gut beschreibt. Im Plauderton erzählen sie aus Alltag, Geschichte und Film. Einmal von Franz Beckenbauer, ein andermal vom Wettsaufen in der Sowjetunion. Ebenso erfährt der Leser von alten Freunden, die sich nach langer Zeit zufällig im Zug treffen und völlig spontan ihren alten Traum verwirklichen um einfach nach Mailand weiterzuziehen – alle beruflichen und familiären Verpflichtungen absagend. Oder von einem Familienvater, der sich in eine Kollegin verliebt, sein altes Leben hinter sich lässt und seine neue Herzensdame vor die Entscheidung stellt. So verwerflich man manche Geschichten auch halten mag, alle Beispiele haben eins gemeinsam: Die beschriebenen Männer zeigen Konturen, Mumm und Durchsetzungsvermögen.

Die Lektüre der Leberts ist kurzweilig, an manchen Stellen versprüht sie sogar Aufbruchsstimmung. Trotz männlichen Tatendrangs fehlt aber die Kritik an der eigentlichen Wurzel des Übels: des „Gender ohne Ende“. Letztlich dient das Buch so nur der plauderhaften Unterhaltung des modernen Mannes. Letzterer dürfte dank der Tipps der Gebrüder Leberts auch die ein oder andere Frau abschleppen. Mitnichten kann hier aber von einer Richtlinie für ein ehrliches, aufrichtiges und wahrhaftiges Leben gesprochen werden.

„Gesunder Menschenverstand“: Grundlage für den Aufrichtigen, Tapferen?

Einen anderen Typus von Mensch spricht der Jenaer Philosophieprofessor und Publizist Günter Zehm an. Im Frühjahr dieses Jahres erschien sein Buch „Gesunder Menschenverstand – Über Glücklichsein, Spaßhaben und Standhalten“, welches „im Stil der beliebten Ratgeber für diverse Lebenslagen daher“ kommen soll. Im Kern handelt es sich um eine Vorlesung, die Zehm kurz nach der Wende vor ostdeutschen Philosophiestudenten abhielt. Damit sollte vor allem das Sinnvakuum nach dem Günter ZehmZusammenbruch des DDR-Regimes thematisiert werden. Zehm, einst DDR-Dissident und drei Jahre im Zuchthaus inhaftiert, liefert also keine happigen Thesen für den Alltag des modischen Trendsetters, sondern richtet sich an den Wahrheitssuchenden und Aufrichtigen. Dabei unternimmt er eine Zeitreise von den Denkern der Antike bis hin zu heutigen Problematiken – wie etwa Hartz IV, Finanzkrise, Politikverdrossenheit oder mediale Panikmache.

Dies erfolgt alles aus der Sicht eines von Zehm proklamierten „gesunden Menschenverstandes“ (common sense), welcher sich stets bedächtig, vernünftig, reflexiv die Konsequenzen des eigenen Handelns bedenkend und behutsam nach dem Mittelweg schauend, ausdrückt. Behandelt wird das Wesen des Menschen an sich, Staatstheorien, das „gesunde“ Verhältnis zu Umwelt, Nation, Religion oder Kunst. Hierbei berichtet Zehm allerdings derart umfassend, dass das in der Einleitung aufgestellte Vorhaben, zu helfen, „den Alltag zu bestehen, ihn angenehm zu gestalten und, wo möglich, noch ein wenig über sich hinauszutreiben“ sehr überspannt wird. Damit bietet das Buch aber auch einen extremen Kontrast zum Plauderton der „Anleitung zum Männlichsein“. So umfassend das etwa 360 Seiten zählende Werk also sein mag: Wichtige jugendliche Sentiments wie das Streben nach Anerkennung, Liebe oder Zugehörigkeit blendet der Autor, da offenbar „nicht der Vernunft wert“, vollständig aus.

Die Eigentümlichkeit der wahren Jugend

Angesichts der reichhaltigen Fülle, die Zehm an Weisheit, Wissen und Erfahrung aufzuweisen hat, mutet es skandalös an, dass dessen Buch medial weitgehend unbeachtet blieb. Den sich auferlegten Anspruch indes verfehlen beide Lebensratgeber. Die Lebert-Brüder haben keine Führungspersönlichkeit, keinen „Kapitän“ im Blick, keinen, der in Zeiten wie diesen wirklich Zeichen setzen würde. Und Zehm schießt schlichtweg übers Ziel hinaus.

Das Lockere, Ungestüme, auch das Aneckende und Eigentümliche sind jugendliche Merkmale: eine Bejahung der Herausforderung Leben, die man als Stärke betrachten sollte. Für anständiges Abwägen und Nachdenken bleibt später Zeit – vielleicht, wenn man eine Familie gründet. Doch manchmal muss der junge Mann einfach den Palast stürmen, an den Wachposten vorbei, die Kamera ansetzen, um der Welt anschließend mitzuteilen: „Übrigens, der Kaiser ist nackt!“

Andreas und Stephan Lebert: Anleitung zum Männlichsein; Frankfurt am Main, S. Fischer, 2007; 157 Seiten
Günter Zehm: Gesunder Menschenverstand – Über Glücklichsein, Spaßhaben und Standhalten; Schnellroda, Edition Antaios, 2009; 372 Seiten

 
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