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Die Trend- und Zukunftsforscher des von Matthias Horx geleiteten Zukunftsinstituts haben in einer aktuellen Studie zu „Lebensstilen 2020“ eine kühne Prognose für die Lebensideale und Trends der Deutschen in 15 Jahren abgegeben. Zentral in der Studie ist die These, daß sich die Lebensstile bis 2020 extrem individualisieren und jeder eine biographische Freiheit genießen kann. Im Cyberspace- und Wellness-Zeitalter löst die Multigraphie die Biographie ab. Sollte sich dies wirklich so entwickeln, was gar nicht so unwahrscheinlich ist, dann hätte die Dekadenz endgültig gesiegt.
Die Normalbiographie ist bis heute geprägt von drei Phasen. Der Jugend als Ausbildungs- und Ausprobierphase folgt das Berufs- und Familienleben und diesem schließt sich der Ruhestand an. „Lebensstile 2020“ wirft diese Einteilung gründlich über den Haufen und stellt eine Typologie der wichtigsten Lebensstile der Zukunft vor.
Fünf, sechs oder auch sieben 180-Grad-Wendungen im Leben
Die Autoren Oliver Dziemba, Benny Bock und Andreas Steinle meinen, daß sich eine festgefügte Planung des Lebens 2020 erübrigt. Die Menschen gestalten in Zukunft ihr Leben im Vergleich zu heute individueller. Sie lösen sich aus starren Familien- und Arbeitsstrukturen und nehmen sich die Freiheit, ihr Leben hin und wieder mit einer 180-Grad-Wendung komplett auf den Kopf zu stellen und die nächsten 5 Jahre mal etwas komplett anderes als bisher zu machen. In „Lebensstile 2020“ werden diese flexiblen Lebenskonzepte mit dem Begriff der ‚Multigraphie’ zusammengefaßt.
An die Stelle der traditionellen Familien mit zwei, drei Kindern treten nach Auffassung der Zukunftsforscher bald „Latte-Macciato-Familien“ und „Netzwerk-Familien“. Diese pflegen nach Steinle, Bock und Dziemba einen äußerst offenen Lebensstil. Die Eltern achten auf ihr berufliches Vorankommen. Sie lassen sich von ihrem Kind, welches bestimmt nicht mehr als ein nettes Spielzeug ist, weder die Karriere noch das ein oder andere private Vergnügen verderben. Die Zukunftsforscher gehen davon aus, daß 2020 zwei oder mehr Eheschließungen im Leben gang und gebe sind.
„Latte-Macciato-Familien“ und „Greyhopper“
Das Zukunftsinstitut sieht den gesellschaftlichen Zuständen, die durch diese Lebensstile entfacht werden, optimistisch entgegen. Die Alten wie die Jungen würden von der maßlosen Individualisierung profitieren. Die Alten, die man 2020 aus Modegründen vielleicht schon „Greyhopper“ nennt, können in hohem Alter noch einmal ein völlig neues Leben beginnen und auch den Jungen steht nichts mehr im Wege. Durch intensives „Networking“ erschließen sie sich ihre Umwelt. Die Pfiffigen gründen mit 15 ihr erstes StartUp-Unternehmen und die weniger Entschlossenen suchen halt bis 30 nach dem richtigen Weg, finden ihn zwar nie und kommen dennoch immer irgendwie durch.
Heute hier, morgen dort …
Das Wegbrechen von klar umrissenen sozialen Milieus mag für den Marketingchef eines Modeunternehmens eine spannende Herausforderung sein. Für die Identitätsfindung einer Gesellschaft hingegen ist diese Entwicklung ein Jammer. Eine Gesellschaft, in der identitätsstiftende Größen wie Familie und Nation nichts mehr zählen und in der jedes Individuum nur mit sich selbst und blödsinnigen Trends beschäftigt ist, kann auf Dauer nicht funktionieren. Flexibilität kann Identität nicht ersetzen. Jeder Mensch braucht Identität und Halt durch andauernde soziale Zugehörigkeiten. Wenn der Mensch seine Identität aufgibt, dann gewinnt er keine biographische Freiheit, sondern er verliert seinen Selbstbestimmungswillen und läßt sich von den Strömen seiner Zeit treiben. Aus dem selbstbewußten „Fels in der Brandung“ wird ein Individuum, das willenlos in einer lauwarmen Badewanne dahinvegetiert. |