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17. Juni 1953: Widerstand damals und heute

17juni1953Worüber sollten wir am 60. Jahrestag des 17. Juni 1953 – des Volksaufstandes in der DDR – sprechen? Und warum muß sich die Jugend mit diesem Tag auseinandersetzen?

Schätzungsweise eine Million Menschen sind am 17. Juni 1953 auf die Straße gegangen und haben gegen materielle Nöte und fehlende Freiheit demonstriert. Der Aufstand wurde blutig von den Sowjets niedergeschlagen. Der Westen hielt die Füße still. Die leidvollen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs waren noch zu frisch.

Das ist Geschichte. Wir können dankbar dafür sein, daß es die DDR heute nicht mehr gibt.  1990 war der Spuk vorbei, nachdem es die Menschen in ganz Osteuropa nicht mehr ohne Bananen (versteht das bitte als Metapher) und Reisefreiheit ausgehalten haben.

Tag der Freiheit

Vor zwei Jahren haben wir mit anderen Organisationen dazu aufgerufen, den 17. Juni fortan als »Tag der Freiheit« zu feiern. Im kleinen privaten Rahmen sollten langfristig 1000 Feiern für die Freiheit zusammenkommen – als Grillabend mit Freunden, mit einem historischen Film, oder, oder …

Das Vorhaben hat sich leider nicht durchgesetzt, obwohl gerade heute das Wetter dazu einlädt. Der 17. Juni ist auch für die Freunde der Freiheit (fast) in Vergessenheit geraten. Abgesehen von einer pflichtbewußten Erinnerung am Jahrestag geschieht nicht viel.

Der Chefredakteur der Jungen Freiheit, Dieter Stein, hat dennoch einen optimistischen Kommentar zum Jubiläum verfaßt. Der Grund dafür:

Lebt der rebellische Geist in unserem Volk noch, der die Bürger zum vereinten Willen zusammenführte? Gibt es das fröhliche, bedingungslose Zusammengehörigkeitsgefühl noch, das die Bürger zusammenrücken läßt, wenn Not am Mann ist?

 

Die große Flut, die Niederbayern erfaßte und von der Sächsischen Schweiz derzeit entlang der Elbe nach Norddeutschland rollt, bringt eine ungeahnte solidarische Welle hervor, die bestätigt, daß wir zusammenhalten, wenn es darauf ankommt. In einer saturierten Vollkasko-Gesellschaft, in der Staat und Versicherungen alles regeln, gerät dies in Vergessenheit. Die Jahrhundertflut beweist uns, zu welcher nationalen Kraftanstrengung wir immer noch in der Lage sind, wenn es ernst wird.

In der Tat gehört es zu den großen Vorzügen der Deutschen, daß sie in der größten Not zusammenstehen und – wie auf Knopfdruck – wieder damit beginnen, das Chaos zu beseitigen. Diesen nationalen Charakterzug konnte man nach beiden Weltkriegen beobachten und bei den Flutkatastrophen der letzten Jahre und Jahrzehnte hat sich erwiesen, daß der Deutsche auf diesem Gebiet nichts verlernt hat. Während es bei anderen Völkern in solch schwierigen Momenten zu Massenplünderungen kommt, packt der Deutsche tatkräftig mit an.

Die zwei Gesichter der deutschen Ordnungsliebe

Doch wie steht es um den »rebellischen Geist« der Deutschen? Um bei einer Flutkatastrophe zu helfen, zu spenden und aufzuräumen, braucht man kein Rebell zu sein. Es genügt der gesunde Menschenverstand und ein wenig »deutsche« Ordnungsliebe.

Gerade diese Ordnungsliebe steht uns nun im Weg, wenn es darum geht, gegen politische Mißstände zu kämpfen, die uns selbst betreffen und wo mit persönlichen Nachteilen zu rechnen ist, sollten wir uns zur Rebellion entschließen. Selbstverständlich ist es einfach, als Grünen-Chefin Claudia Roth nach Istanbul zu reisen und danach hysterisch von »Krieg« zu faseln. Was sucht Roth eigentlich in Istanbul? Ist das schon Wahlkampf? Muß sie ihre Verbundenheit mit der Türkei auf diese Weise demonstrieren?

Der 17. Juni ist von einem ganz anderen Kaliber als dieser Demo-Tourismus und ein wenig postmoderne Wutbürgerei Marke Stuttgart 21. Wenn der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk heute gegenüber der ZEIT die Anzahl der Toten beim 17. Juni 1953 relativiert, sollte er sich vielleicht einmal fragen, wie viele Menschen heute in Deutschland auf die Straße gehen würden, wenn man dabei ums Leben kommen kann:

Wenn man allerdings das Gesamtbild betrachtet, zeigt sich, dass die Sowjets relativ behutsam agierten. 40 bis 50 Menschen kamen ums Leben, die meisten bei Unfällen und durch Querschläger. Das sind 40 bis 50 Tote zu viel, aber es ist eine vergleichsweise geringe Zahl, wenn man bedenkt, dass bei der Niederschlagung anderer Aufstände Tausende starben.

Ich glaube fest daran, daß es tief im Inneren des Deutschen noch ein Fünkchen Bereitschaft gibt, an einem 17. Juni das eigene Leben zu riskieren. Historisch und mit kühlem Kopf betrachtet, bin ich allerdings weniger optimistisch. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat die Wehrhaftigkeit der Deutschen immer weiter abgenommen: Tobten in der Weimarer Republik noch wilde politische Kämpfe und gab es in der Zeit des Nationalsozialismus noch eine Sophie Scholl und einen Stauffenberg, so ist doch gerade die Geschichte des Widerstands in der DDR schon ein deutlicher Beleg der abnehmenden Wehrhaftigkeit.

In der DDR gab es bis auf eine Ausnahme keine Anschläge auf das politische System. Der Widerstand formierte sich mehr im »Turm« als Innere Emigration oder als Flucht aus dem eigenen Land. Bei den Massenprotesten von 1989 hingegen konnten sich die Menschen schon relativ sicher sein, daß ihnen nichts passiert. Die Auflösungserscheinungen des Ostblocks waren zu offensichtlich.

Rebellischer Geist und materielle Bedürfnisse

Und wie sieht es heute in Deutschland aus? Unser eigener Wohlstand (und nicht der Islam oder irgendein äußerer Feind) ist das größte Hemmnis unserer Freiheit und führt zu einer Geburtenverweigerung, die die langfristige Existenz unseres Volkes gefährdet.

Ganz ehrlich: Ich bin gerade mit Blick auf meine eigene Generation ratlos, was man dagegen tun kann. Während ich hier gerade gegen die Gefahren des Wohlstands anschreibe und meine Frau mit unseren beiden Töchtern die Sonne genießt, basteln die meisten Gleichaltrigen an ihrer Karriere. Ihr Opportunismus sorgt nicht nur dafür, daß sie die Finger von politischem oder publizistischem Engagement lassen. Nein, viel schlimmer: Erst wenn sie sich eine schicke Einbauküche und eine Familienkutsche leisten können, werden sie mit der Familienplanung beginnen. Dann reicht es vielleicht noch für ein Kind. Anderen fällt dagegen ein, daß ein Hund auch Freude bereiten kann.

Was hat das mit dem 17. Juni zu tun? Nur wenn wir unsere völlig übertriebenen materiellen Bedürfnisse besiegen, sind wir in der Lage zu einem Volksaufstand, wenn die Freiheit schwindet.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

1 Kommentar zu “17. Juni 1953: Widerstand damals und heute

  1. Mauretanier

    Ein sehr guter Artikel.

    Halten wir also fest: Was im Ernstfall passiert, weiß kein Mensch.

    Und: Der lähmende Wohlstandsüberfluss ist die Wurzel alles Übels.

    Dieser wird glücklicherweise in absehbarer Zeit auf die eine oder andere Weise schwinden.

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