Gesichtet

2020: Das Jahr der großen Ernüchterung

Als wir vor einem Jahr um diese Zeit auf das erste Jahr des neuen Jahrzehnts blickten, schien unseren Glauben an die immer schneller wachsende westliche Wohlstandsgesellschaft kaum etwas trüben zu können.

In Zukunftsprognosen diskutierte man die Frage, wann es dem Menschen wohl gelingen wird, zum Mars zu fliegen, wann wir alle nur noch Elektroautos fahren und die EU Europa zum klimaneutralen Kontinent macht. Grenzenloses Wachstum, gepaart mit linksliberaler Ideologie, schien die Zukunft zu sein. Doch dann bereitete das chinesische Coronavirus, dank der Segnungen der global vernetzten Welt in Windeseile auch in Europa präsent, diesen gedanklichen Seifenblasen ein jähes Ende.

Ein Jahr später stehen wir kurz vor dem ethischen Supergau, nicht mehr allen Erkrankten eine eventuell benötigte Intensivbehandlung zuteilwerden zu lassen, weil das deutsche Gesundheitswesen am Rande seiner Belastung steht. In Krisensituationen wie diesen zeigt sich der moralische Zustand einer Gesellschaft wie unter einem Brennglas. Und so ließ denn auch die Corona-Krise einige Dinge zutage treten, die für die Zukunft wenig Anlass zu Optimismus bieten.

Konzeptlosigkeit bei Regierung und Opposition

Am meisten Anlass zur Sorge muss die allgemeine Konzeptlosigkeit der deutschen Bundesregierung geben. Das ganze Jahr über hangelte sie sich von Maßnahme zu Maßnahme und entwickelte nie eine Langzeitstrategie. Besonders deutlich trat das in den letzten Wochen zutage. Nahezu über den gesamten Sommer und Herbst wurde von Regierungspolitikern immer wieder vor der sogenannten zweiten Welle gewarnt. Als diese dann tatsächlich da war, wurden im Wochentakt neue Regelungen beschlossen, oftmals noch mit sehr starken regionalen Unterschieden.

Auch bei der größten Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag haben sich in dieser Krise einige Dinge offenbart, die sich schon in der Vergangenheit abzeichneten. Die AfD, sich seit jeher als Anti-Establishment-Partei verstehend, war nicht in der Lage, einen realpolitischen Corona-Kurs zu finden. Wahlweise erklärte man Corona zu einem „normalen“ Grippevirus, zu dessen Eindämmung man kaum Einschränkungen brauche.

Mal sprach man faktenwidrig von einer Corona-Diktatur, die die Bundesregierung durch ihre schwache Führung zu etablieren versuche. Die AfD scheint in ihrem alten Muster gefangen zu sein, wonach sie das, was von „denen da oben“ kommt, schon aus Prinzip in Gänze ablehnt. Egal, was es ist – auch wenn es um die Eindämmung einer Pandemie geht.

Und diese lässt sich nun einmal nur durch umfangreiche Beschränkungen des öffentlichen Lebens gewährleisten, zumindest dann, wenn es für jeden Intensivpatienten eine entsprechende Behandlung geben soll.

Selbst verschuldeter Vertrauensverlust

Doch diese stoische Antihaltung beschränkte sich nicht auf die AfD. Die sogenannte Querdenken-Bewegung sorgte bundesweit für Schlagzeilen durch ihre radikale Art und Weise, mit der Demonstranten aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten ihren Unmut über die staatlichen Pandemie-Maßnahmen kundtaten. Man hat es hier größtenteils mit Menschen zu tun, die sich keinem politischen Lager eindeutig zuordnen lassen.

Was sie eint, ist allerdings ein nahezu totaler Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und etablierte Medien. Ein Vertrauensverlust, der durch jahrelange einseitige Berichterstattung zu gewissen Themen und die Diffamierung von abweichenden Meinungen seitens etablierter Politiker hervorgerufen wurde. Viele stellten irgendwann fest, dass die Welt nicht so einseitig ist, wie es die öffentlich-rechtlichen Formate suggerieren, denen sie einmal blind vertrauten.

Der durchschnittliche Querdenker ist somit ein verwirrtes Kind unserer Zeit, nicht mehr fähig, irgendjemandem zu vertrauen. Er ist jedoch, anders als er selbst sich sieht, kein kritischer Geist. Er hat lediglich die Quelle seiner eingeimpften Meinung gewechselt. Plapperte er früher alles nach, was er in der „Tagesschau“ hörte, so übernimmt er heute alles in der gleichen Verblendung von verschwörungstheoretischen Youtubern – zumindest so lange, wie diese kräftig gegen das Establishment austeilen. Zu konstruktiver Politik ist der typische Querdenker aufgrund dieser Eigenschaften nicht fähig und wird es wohl so schnell auch nicht sein.

Und so steht zu befürchten, dass der Anteil solcher Leute, die dauerhaft die Fähigkeit verlieren, nicht nur gegen etwas, sondern auch für etwas zu sein, durch die sozialen Verwerfungen der kommenden Monate noch steigen wird. Schlicht und ergreifend deshalb, weil sie sich alleingelassen fühlen, es derzeit aber auch keine Strömungen oder Bewegungen gibt, die diesen Leuten Halt geben könnten.

Der Bedeutungsverlust der Religion

Einen solchen Halt könnte vielleicht am ehesten die Religion bieten. Doch die beiden großen Volkskirchen haben im zurückliegenden Jahr ebenso versagt. Während die katholische Kirche überwiegend mit sich selbst beschäftigt war, war von der EKD in den ersten Monaten der Pandemie vielfach nur dröhnendes Schweigen zu vernehmen. Das überrascht umso mehr, als die EKD sich sonst zu fast jedem Thema in irgendeiner Weise medienwirksam äußert, auch wenn das Thema herzlich wenig mit christlicher Seelsorge zu tun hat.

Doch dieses dröhnende Schweigen beruhte auf Gegenseitigkeit. Viel eher regten sich die Menschen darüber auf, dass sie nicht mehr ins Fitnessstudio oder in den Vergnügungspark gehen durften, als dass laute Stimmen über den zeitweiligen Ausfall von Gottesdiensten zu vernehmen waren.

So hat uns die Corona-Krise die bohrenden Wunden unserer Zeit in aller Unbarmherzigkeit offengelegt. Wie weit der Weg zu einer allumfassenden „geistig-moralischen Wende“ als Endziel einer konservativen Politikwende unter diesen Bedingungen ist, das können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur vermuten.


1 Kommentar zu “2020: Das Jahr der großen Ernüchterung

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