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ACTA und Piraten: Es geht um Ware, nicht um Freiheit, nicht um Kultur

Die Vernebelung der Begriffe ist eines der Hauptprobleme der Gegenwart. Wir wissen nicht mehr, worüber wir sprechen, weil uns keine allgemeinverständlichen Begriffe mehr zur Verfügung stehen. Das politische Grundvokabular wurde im Laufe des Massenzeitalters von allen Seiten dermaßen sinnentstellt, daß Debatten wie die um ACTA Mißverständnisse am laufenden Band produzieren müssen.

Ich möchte versuchen, dieses Wirrwarr etwas zu entflechten:

  1. Bei ACTA geht es weder um die Freiheit des Internets, wie die Piraten suggerieren, noch um den Stellenwert der Künstler wie Sven Regener völlig naiv behauptet. Das „Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen“ will – wie der Name schon sagt – wirtschaftliche Waren davor schützen, imitiert oder kopiert zu werden. Es geht dabei primär gar nicht um Produkte der Unterhaltungsindustrie, sondern um „gefälschte Autoersatzteile, Lebensmittel, Kosmetika oder Spielzeuge“.
  2. Ein großes Interesse an ACTA hat aber freilich die Unterhaltungsindustrie, die seit Jahren Millionenschäden hinnehmen muß, weil sich ihre Produkte illegal im Internet verbreiten. Die Lage der Unterhaltungsindustrie unterscheidet sich jedoch grundsätzlich von der des armen kleinen Künstlers. Wie häufig haben wir nicht schon über Künstler ohne große finanzielle Möglichkeiten berichtet, die durch die kostenlose Verbreitung ihrer Werke auf Youtube oder MySpace ihre Karriere gestartet haben. Für bisher unbedeutende Künstler ist das Internet also eine große Chance, wenn sie etwas von viralem Marketing verstehen. Sie können sich so ein Publikum aufbauen und über den direkten Kontakt zu den eigenen Fans (z.B. Konzerte) immer noch genug Geld verdienen. Aber eins muß auch klar sein: Es war noch nie leicht, mit Kunst den eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren.
  3. An der Diskussion um ACTA und Kunst können wir den Unterschied zwischen dem amerikanischen und europäischen Kulturverständnis ablesen, wobei das europäische sich nur noch in Resten erhalten hat. Knut Hamsun hat es in seinen kritischen Schriften über Amerika auf den Punkt gebracht: „Aber es ist zu wenig Kunst in diesem brutalen Lärm, es wird zu grobe Kraft eingesetzt, um Wirkung zu erzielen.“ Die Amerikaner wollen ihre Werke vor allem bestmöglich verwerten. Sie müssen sich gegenüber der Konkurrenz auf dem Markt durchsetzen und wenn das gelingt, sind sie gut. So einfach ist das. ACTA ist dieser Logik verhaftet und soll die Marktposition der Unterhaltungsindustrie stärken. Die Voraussetzung dafür: Kultur muß eine Ware sein.
  4. Das europäische Verständnis setzt dagegen viel mehr auf ein Netz aus Kulturbezügen, subtilen Anspielungen und der Traditionsbildung über Jahrhunderte hinweg. Genau dieser Punkt macht die europäische Kultur so einzigartig. Es ist z.B. bezeichnend, daß die ersten Fernseher in der DDR „Rembrandt“ hießen. Ebenfalls fällt auf, wie es diesem Kulturverständnis gelingt, ideologische Barrieren niederzureißen. Wenn es um die europäische Kultur geht, steht auch ein Adorno auf der richtigen Seite. Heino Bosselmann weist völlig zurecht in seiner JF-Kolumne darauf hin, daß Adorno deshalb auch von „rechts gelesen“ werden kann.
  5. Nun zu den Piraten: Sie haben es in den letzten Jahren wie keine zweite Gruppierung verstanden, ohne Inhalte das avantgardistische Lebensgefühl der digitalen Bohème zu besetzen. Während sich manch rechte Partei bereits vor dem ersten Wahlantritt zerstritten hatte, weil man keine einheitliche Linie in der Israelpolitik fand, haben es die Piraten genau richtig gemacht: In der lauten, amerikanisierten Mediengesellschaft können Parteien nur noch über ein Lebensgefühl punkten und sollten es tunlichst vermeiden, sich zu früh auf klare Positionen festzulegen. Das haben schon die Grünen erfolgreich vorgemacht, denn auch bei ihnen ging es hauptsächlich um ein moralisches Überlegenheitsgefühl der LOHAS und nicht um die Umwelt oder den Multikulturalismus.
  6. Daß die Piraten als eifrigste Vertreter der „Freiheit im Internet“ gelten, hat mit diesem Lebensgefühl der „Generation Y“ zu tun. Paul Virilio hat es auf den Punkt gebracht: Wir leben nicht mehr in einer Meinungsdemokratie. Wir sind längst in der Stimmungsdemokratie angekommen. Hier spielt es keine Rolle mehr, daß es die Piraten in ihrem Parteiprogramm z.B. nicht einmal fertigbringen, den Bürokratiewahnsinn der Europäischen Union und damit eine der Voraussetzungen von ACTA anzugreifen.

(Bild: Michael Vogel / CC / http://www.flickr.com/photos/piratenpartei/3927398596/in/photostream)

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

3 Kommentare zu “ACTA und Piraten: Es geht um Ware, nicht um Freiheit, nicht um Kultur

  1. Es ist wohl schon so, dass sich schöne Utopien (»Gerechtigkeit« u.s.w.) leichter an den Wähler verkaufen lassen, als hässliche Realitätsbeschreibungen.

    Sind die Utopisten dann erst mal in Amt und Würden, nehmen ihre Wähler allenfalls noch überrascht bzw. erfreut zur Kenntnis, wenn sie sich innerhalb der hässlichen, aber leider, leider kaum veränderbaren Gegebenheiten einigermaßen geschickt durchwursteln.

  2. Harald SL

    Meine Generationsgenossen, die dieser Tage auf Anti-Acta-Demos ihre Pornosammlungen verteidigigen und in den Wahlkabinen ihre Kreuzchen und ihre Amen bei der Piratenpartei machen, strotzen vor politischen Selbstbewusstsein.

    Vermutlich zum ersten mal nach Stuttgart 21 und einer Gegen-Rechts-Kampagne an ihrer Beate-Klarsfeld-Gesamtschule kommen diese jungen Menschen in den Kontakt mit Politik. Dabei können sie mit wenigen Sätzen komplexe Sachverhalte erklären. Bedienen sich dabei weniger einer stringenten Argumentationskette und bauen lieber auf gereimte Halbwahrheiten.

    Ihre Naivität verstofflicht sich in einem halbstündigen Kony2012-Video. Ihre gesamte Protestbewegung schreit nach Konsum und Rudi Dutschke (der unter heutiger Sachlage einer von uns wäre) schlägt im Grab Flickflacks.

    Das Gefasel von einer »andersartigen Politik« erinnert an den Gehirnschluckauf von Barack W. Obama als dieser von der Wall Street ins Oval Office gewählt wurde.

    Der Hochmut mit dem die Piraten die verkrusteten Verhältnisse in der Politik »sprengen« wollen, erinnert an einen pubertären Jungen, dessen Hand erstmalig den Weg unter die Bluse eines Mädchen gefunden hat und nun ernsthaft glaubt zu wissen, wie man Kinder zeugt.

    Das Einzige was man diesen realitätsresistenten und sich in politischen Sackgassen flüchtenden Schöpfungskameraden zu rufen kann, ist mit den Worten der neuen Mia. Platte gesagt:

    »Komm mach einen Schritt aus dein‹m Tagtraum und komm mit mir in meine Nacht«

    Anders gesagt: Ließ Oswald und Carl oder zumindest den roten Thilo! Mach die Glubscher auf und handle dementsprechend!

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