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Die Macht des Vulgären

Facebook_censoredDie ZEIT hat einen bemerkenswerten Beitrag über »rechte Intellektuelle« gebracht. Bemerkenswert deshalb, weil nicht plump die Nazikeule ausgepackt wird, sondern die Differenzen innerhalb der Rechten analysiert werden. Anlaß dieser Auseinandersetzung ist natürlich das neue Buch von Akif Pirinçci Deutschland von Sinnen.

ZEIT-Autor Richard Gebhardt hat richtig bemerkt, daß in Deutschland kein geschlossen rechtsintellektuelles Milieu auszumachen ist. Da gibt es die »nationalkonservative« Junge Freiheit, deren Ziel es ist, mit einem breiten Themenspektrum in die Mitte der Gesellschaft hineinzuwirken. Aktuell kann man an jeder Ausgabe ablesen, daß die Hoffnung der Redakteure voll und ganz auf die Etablierung der AfD gerichtet ist.

Der Binnenpluralismus der Rechten

Daneben erwähnt die ZEIT die Zeitschrift eigentümlich frei (radikallibertär) und die Sezession (Neue Rechte). Doch auch innerhalb dieser Blätter gebe es einen Binnenpluralismus. Die ZEIT hat sich stellvertretend für den realpolitischen Flügel der Rechtsintellektuellen Karlheinz Weißmann herausgepickt. Dem stellt sie die jungen, ungeduldigen und unversöhnlichen Rechten gegenüber, die auch auf lautere Töne wie die von Pirinçci stehen.

Nun kommt allerdings der erste Fehler von Gebhardt: Er meint, »eine durchaus heterogene Rechte fühle sich durch »eine gemeinsame Feinderklärung« verbunden: »gegen die Linken, gegen den gesellschaftspolitischen Liberalismus«. Das kann ich so nicht nachvollziehen: Vielleicht ist es der Mainstream der Rechten, dem es Freude bereitet, linke Pappkameraden aufzustellen und diese dann genüßlich abzuschießen. Mehr als politisches Geplänkel verbirgt sich dahinter jedoch nicht.

Die größten Fehler der Konservativen

Erst wenn die Rechte begreift, daß der Feind nicht links, sondern in der Mitte der Gesellschaft hockt – in Gestalt der Gleichgültigen, bürgerlichen Feiglinge und Opportunisten, die es längst besser wissen – kann sie es vermeiden, die eigenen Fehler der letzten Jahrzehnte immer wieder zu begehen. Ich kann dabei nur immer wieder auf unsere »Kleine Reihe zu den größten Fehlern der Konservativen« hinweisen:

  1. Die Feigheit. Oder: Was spricht gegen den konfrontativen Weg?
  2. Die Kulturmißachtung. Oder: Das Ende der Postmoderne verpaßt
  3. Falsches Frauenbild
  4. Hoffnung auf die CDU (und andere Parteien)
  5. Die falschen Feindbilder (z.B. übermäßiges Aufblasen des Gender-Gespenstes)
  6. Untergangsstimmung. Oder: Optimismus und gesunder Menschenverstand

Die Liste ließe sich fortsetzen mit Punkten wie weitestgehende Mißachtung von Themen wie Ökologie, alternative Lebensführung und den ökonomischen Hintergründen (Befreiung vom Wachstumszwang).

Aber zurück zum Kern des Arguments der ZEIT: Gebhardt hat völlig richtig erkannt, daß es nicht zusammenpaßt, auf der einen Seite Pirinçci zu bejubeln und auf der anderen Seite bieder den Verfall der guten, alten Werte und Sitten zu beklagen. Diesen Stilbruch kann man dann zurecht so wie Gebhardt werten:

Es ist das tragische Bewusstsein jener Rechten, die gegenwärtig einen literarischen Rülpser als nationalen Weckruf feiern müssen.

Die biederen Konservativen sollten aus dieser Sache eins lernen: Es ist zwar möglich, sich dem allgemeinen Verfall mit guten Vorsätzen entgegenzusetzen. Politisch betrachtet, bleibt dies jedoch ein individualistischer Ansatz für einen selbst. Wie Michel Houellebecq so phänomenal in seinen Gedichten und Romanen beschrieben hat, vereinnahmt der allgemeine Verfall immer auch das Intimste des Menschen. Politische Gegenwehr sinnlos.

Wer verweigert den Diskurs?

Aus diesem Grund ist es völlig legitim, auf die Macht des Vulgären zu setzen, wie es Akif Pirinçci vorgemacht hat. Man muß leider sogar noch weiter gehen: Weil die letzten Jahre gezeigt haben, daß rechte Argumente in der öffentlichen Debatte grundsätzlich ungehört bleiben, so gut sie auch sein mögen, kann man rechte Themen nur in Umlauf bringen, indem man sie skandalös präsentiert.

Die Provokation der Skandalisierung der eigenen Person ist das letzte Mittel der Machtlosen. Dies den Machtlosen vorzuwerfen, ist scheinheilig. Vielmehr sollten sich die ZEIT und etablierte Autoren wie Richard Gebhardt fragen, was ein Buch wie Deutschland von Sinnen über das Meinungsklima in Deutschland aussagt. Ich bin da ganz bei Pirinçci: Wer sich unsere Argumente nicht anhört, der muß so übel wie möglich beschimpft werden.

(Bild: Gustave Courbet: Der Ursprung der Welt / Mit Zensiert-Balken von Facebook)

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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