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Alain de Benoist und die Junge Freiheit

unabhaengigkeitEs gibt Kritik am Text unseres derzeitigen Praktikanten Johannes K. Poensgen mit der Fragestellung »Wie rechts ist die AfD?«, der wir uns offensiv stellen wollen. Dieter Stein, Chefredakteur der Jungen Freiheit, nahm den Text auf seiner Facebook-Seite zum Anlaß, um uns in die Schublade einer »larmoyanten Rechten« zu stecken. Wir würden uns auf eine »Spielwiese« begeben, »wo es möglich ist ›unversöhnlich‹ utopistische, reaktionäre oder wahlweise rechtsradikale Politik zu verwirklichen«.

Poensgen betont in seinem Text, daß es jeder jungen Partei wie früher den Grünen und heute der AfD gut tue, wenn es einen realpolitischen und einen idealistischen Flügel gebe. Zum einen brauche es also Macher für den Apparat, zum anderen aber auch eine Avantgarde, die für neue und über den Tagesbetrieb hinaus wichtige Visionen sorge.

Schadet die Blaue Narzisse der AfD?

Stein hat dies anscheinend in den falschen Hals bekommen, weil er sich gerade Sorgen um den liberalen Flügel der AfD macht. Er fürchtet, daß die AfD das Etikett »rechtspopulistisch« nicht mehr losbekommt, wenn Magazine wie die Blaue Narzisse sich offen eine rechtere AfD wünschen.

Was gibt es dazu zu sagen?

  1. Wir schreiben es unseren Autoren nicht vor, wie sie über die AfD oder irgendein anderes Thema zu denken haben. Ich glaube, es ist uns in den letzten eineinhalb Jahren sehr gut gelungen, so ziemlich jede mögliche Meinung zur AfD einmal zu Wort kommen zu lassen.
  2. Den Vorwurf der Weinerlichkeit weise ich ganz entschieden zurück. Bereits das Motto unserer Zeitschrift »lesen und handeln« zeigt, daß wir immer auf der Seite des Tätigseins stehen werden. Nur heißt das eben nicht, daß wir ständig das Gefühl haben, für irgendeine Partei Wahlwerbung betreiben zu müssen. Im Gegenteil: Als Journalisten sind wir dazu verpflichtet, uns eine kritische Distanz zu allen Parteien zu bewahren.
  3. Selbstverständlich soll der Text von Poensgen zu Diskussionen anregen und Kritik ist, sofern sachlich vorgetragen, immer erwünscht.

Viel spannender als die Frage, ob die AfD etwas liberaler oder konservativer werden sollte, finde ich zum Beispiel, ob sie überhaupt mit ihren Grundannahmen richtig liegt. Die erste Grundannahme lautet: Es braucht eine neue bürgerliche Partei in Deutschland. Da stimme ich zu und freue mich über jeden Abgeordneten weniger, den die etablierten Parteien entsenden können.

Die zweite Grundannahme lautet: Wir brauchen einen starken Nationalstaat und sollten so wenig wie möglich Kompetenzen an die EU (bzw. Europa?) abtreten. Da widerspreche ich und erkläre gleich warum.

Die dritte Grundannahme lautet: Der Euro gefährdet unseren Wohlstand. Wir brauchen daher alternative Wege, um ein beständiges Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten. Dem ersten Satz stimme ich zu, dem zweiten widerspreche ich.

Weg mit dem Wachstumszwang!

Zu meinen Standpunkten zu diesen schwierigen politischen Fragen bin ich gekommen, weil ich die Werke von Publizisten wie Alain de Benoist (und anderen) immer sehr genau gelesen habe. Von Alain de Benoist und anderen habe ich gelernt, daß der Nationalstaat aufgrund seiner jakobinischen Wurzeln hinterfragt werden muß, die Vereinigung Europas potentiell das beste Mittel sein könnte, um der Globalisierung entgegenzutreten, und daß dieses einige Europa dann trotzdem Macht immer soweit wie möglich nach unten verlagern sollte (mein Einwand zu Grundannahme Nummer zwei).

Benoist und anderen (wie Hannah Arendt) verdanke ich die Erkenntnis, daß es zu wenig ist, nur den Nationalsozialismus und Bolschewismus zu kritisieren. Viel wichtiger ist es, die Strukturen der »totalitären Moderne« zu durchschauen. Benoist hat dazu ein wichtiges Buch geschrieben, das ich jedem empfehlen kann. Zu diesen Strukturen der »totalitären Moderne« gehört auch der Wachstumszwang. Benoist war es, der schon vor dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise von 2008 »Abschied vom Wachstum« nahm und für eine »Décroissance« warb.

Keine Grabenkämpfe!

Wenn ich nun die Reaktion von Dieter Stein auf den Artikel von Johannes K. Poensgen als Maßstab anlege, dann verstehe ich nicht, warum die JF Alain de Benoist nicht längst aussortiert hat. Er geht doch noch viel weiter als Poensgen und stellt die Grundannahmen der AfD allesamt auf intellektuell hohem Niveau in Frage.

Hinzu kommt, daß er in seinem neuen Buch, das in Kürze erscheint, laut Beschreibung des Verlags (JF-Edition) erläutert, »warum er stets Distanz zur (partei-)politischen Aktion gehalten hat«. Diese Einstellung ist auch für unsere Redaktion fundamental wichtig. Seit der Gründung der AfD habe ich jedoch lernen müssen, daß dies nicht ausreicht. Es ist ein weiterer Grundsatz für meine eigene Arbeit hinzugetreten: Vergeude niemals deine Zeit mit Grabenkämpfen! Die Herausforderungen, vor denen Deutschland und Europa stehen, sind dermaßen existenziell, daß wir uns alle um Sachthemen kümmern sollten.

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9 Kommentare zu “Alain de Benoist und die Junge Freiheit

  1. Jürgen Schönhof

    Eine treffende Erwiderung. Stein ist zu sehr auf AfD geprägt… passiert… 🙂

  2. Ist das Steins Warnung an die BN vor seiner Kantenschere?

    Zu Steins großer Sorge um den liberalen Flügel der AfD hat Götz Kubitschek hier hier schon das Wichtigste gesagt: »Es besteht keinerlei Grund zur Sorge. Das liberale Koordinatensystem ist der überwältigenden Mehrheit so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß man froh um jeden nicht-liberalen Impuls sein muß.«

  3. Wer Kritik am Lieblingsprojekt von Herrn Stein übt, hat es einfach nicht verstanden. 😉 Es war nur eine Frage der Zeit bis auch die BN trifft. Insgesamt bestätigt es mich nur darin, daß der JF die kritische Distanz zur AfD seit Anfang an abgeht. Stein konnte endlich die Solidarität zur Sezession und BN aufkündigen (wir sind die Guten, aber die anderen sind die Bösen), um ohne Hindernisse auf den Zug aufzuspringen.

  4. Optimistischer Schwarzseher

    Was, insbesondere bezüglich der AfD bei der JF angeht, kann ich nur aus marktwirtschaftlicher Sicht nachvollziehen. Sicher, das Wählerpotential der AfD bedeutet auch ein Leserpotential für die Wochenzeitung, die die Partei unterstützt und somit dem Wähler moralischen und argumentativen Feuerschutz bietet.
    Gemessen an der Geschichte und dem (ehemaligen?) Selbstanspruch der JF ist diese Jubelperserattitüde allerdings traurig, arm, peinlich.
    Schade um Deutschlands beste Wochenzeitung, schade für Deutschlands Rechte.
    Allways look on the bright side of life…

  5. Der Text Eures Praktikanten, den Stein kritisierte, war einfach peinlich. Rechte, die die Demokratie ablehnen, stellen sich selbst ins Abseits. Im pseudo-intellektuellen, pseudo-elitären Schmollwinkel verändert gar nichts. Damit offenbart man nur Politikunfähigkeit. Auch das BN-Geschwafel über die agrarische Lebensweise als Ausweg aus der westl. Krise, ist reichlich peinlich. Statt jetzt mit Trotz zu reagieren, wäre selbstkritisches, konstruktives Denken angesagt. Wer jetzt die Chancen durch und mit einer AfD – die sowohl Konservative als auch Rechtsliberale umfassen muss – nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen.

  6. Was, bitteschön, ist denn an der AfD noch »rechts«? Ich lese immer nur von dem ganzen Mist, für den wir auch SPD, CDU/CSU und FDP wählen könnten – und ein bißchen Linkspartei. Islam, Migration, politische Säuberung der Mitgliederkartei uvm……

    Daß die BN sich mit Themen wie Ökolandbau, Postökonomie usw. beschäftigt, ist nicht »peinlich«, sondern holt diese Themen dahin zurück, wo sie herkommen. Aber das zu kapieren, sind 90 Prozent aller »Rechten« zu borniert und zu dumm. Der deutsche Konservative geht lieber mit Obamas Atombomben unterm Arsch in den Nuklear-Tod und frißt sich und seiner Brut zum Wohle Monsantos und Co. ein drittes Bein mit dem Pestizid-Gentech-Dreck an, als auch nur einmal eine Position gut zu finden, die auch Linksgrüne vertreten. Das ist so ein erbärmliches Schablonendenken, daß man sich wirklich nur wünschen kann, keinen Sieg dieses fundamental-christlich, wirtschaftsverliebten Stock-im-Arsch-Konservatismus in diesem Land erleben zu müssen.

    Ich kann die Euphorie über die AfD-Erfolge verstehen. Von wegen mal zeigen, daß es auch andere Parteien gibt und so. Aber hier hat sich im Ergebnis keine neue Rechtspartei durchgesetzt, die unserem Parteiensystem so bitter fehlt. Diese Enttäuschung wird man doch als unabhängiges Medium noch ausbreiten dürfen, wenn man in den Kreisen verkehrt, auf deren Wählerstimmen und Medien es die AfD im ersten Anlauf bewußt anlegte, um sie danach fallen zu lassen (nun, da man mitspielen darf und ohne die Schmuddelkinder der Gründungsphase besser dasteht).

    Es ist gut, daß es mit BN und Sezession und vielen anderen Projekten noch Stimmen gibt, die nicht »wirtschaftlich verständliche« redaktionelle Vorgaben vor jedem Aufsatz überdenken müssen. Ich finde das manchmal zwar querulatorisch – aber unterm Strich doch besser, als diesen Konformismus.

  7. Stein driftet immer weiter in die falsche Richtung. Ich denke da nur an seine Abkehr von der (auch) ethnischen Definition des Deutschen.

    Er muß aufpassen, daß er mit seiner Kantenschere sich nicht selbst verletzt.

    Beim nächsten JF-Leserstammtisch in meiner Region werden wir darüber reden müssen.

    Man sollte trotzdem an einem Strang ziehen, anstatt sich unnötig zu entzweien.

  8. Arminius Arndt

    Dieser Herr Stein hält sich mittlerweile wohl für den Lordsiegelbewahrer der AfD Publizistik und den Gatekeeper darüber, wer »dabei« sein darf oder nicht. Dabei sollte er einmal ganz vorsichtig sein. So, wie er sich an die AfD förmlich heran schmeißt und dabei die »Liberalität«, dass in der »Gesellschaft angekommen« sein preist, provoziert er förmlich Linke Agitprop Recherche (oder evtl. Kreise aus der Nähe zur Union), sich noch einmal näher mit ihm, seiner Vergangenheit, seinem Blatt und seinem ehem. Umfeld zu beschäftigen (alleine der Anzeigenteil älterer Ausgaben gäbe da schon enorm viel her). Ich würde wetten, dass das dann so aufbereitet wird, dass es sehr schnell aus sein dürfte mit seinem Traum, das Haus- und Hofblatt etwaiger AfD Wähler zu werden, denn die AfD kommt ganz lässig ohne ein Blatt wie die JF aus und wird bei den ersten Anwürfen sicher nicht einen einzigen Finger für seine Zeitung oder für ihn krümmen. Es wird im Zweifel nichts vergessen, in diesem Land, und je mehr Erfolge die AfD hat, um so mehr wird das ganze Umfeld einer hochnotpeinlichen Untersuchung unterzogen werden, nach dem Motto »findet den Nazi« oder sonstigen Spinner (und wer suchet, der findet).

    Kurzum: Herr Stein braucht wohl ganz offensichtlich die AfD, aber die AfD braucht sicher keinen Herrn Stein und schon gar keine Zeitung Namens Junge Freiheit für ihren Erfolg. Herr Stein und die JF gehen also ein großes Wagnis ein, voll auf diese Karte zu setzen und gleichzeitig andere zu verprellen.

  9. Bernd Derksen

    Auf der Facebook-Seite von Herrn Stein finde ich zwar am 17.9. seinen Hinweis auf »die gestern von mir sehr polemisch kritisierte »Blaue Narzisse««, aber der betreffende Beitrag scheint gelöscht. Ich deute das mal als selbstkritische Sicht auf das, was er dort schrieb.

    Insofern kann ich mir keine wirkliche eigene Meinung bilden. Da das ja für mich auch das Kennenlernen der anderen Seite voraussetzt.

    Ich finde es aber nachvollziehbar, dass Herr Stein in der AfD eine historische Chance zur Einflussnahme auf reale Politik sieht. Und sich nicht irgendwann mal vorwerfen möchte, hier fahrlässig und zu unvorsichtig agiert zu haben. Ich nehme an, dass er sich auch der Nachteile und Risiken eines gewissen Anpassungs- und Abgrenzungskurses bewusst ist. (Und ich bin mir auch sicher, dass das JF-intern sehr unterschiedlich bewertet wird, auch in der Redaktion.) Und ihm dies auch schon viele klargemacht haben und noch werden.

    Ebenso wie in die Gegenrichtung, halte ich hier die kritische Debatte über die Junge Freiheit, eher für nachrangig. Ich glaube, dass dies eher den »Gegnern« der eher »rechten« Akteure hilft und deren Wünschen entspricht.
    Sicher kann man das mal machen, aber es sollte kein Schwerpunkt sein. Und letztlich muss jeder für sich entscheiden, mit welchen Themensetzungen, Kooperationen/Abgrenzungen, etc. er seinen Weg beschreiten möchte.
    (Was ja nix dran ändert, dass ich Herrn Stein auf der Buchmesse in Frankfurt mal kritisch dazu befragen möchte. 😉 )

    :::::

    Zu den Themen an sich noch, Herr Menzel:
    Als Mitglied der Herbert-Gruhl-Gesellschaft finde es natürlich sinnvoll, dass Sie sich mit den Themen »Bevölkerung« und »Wirtschaftswachstum« beschäftigen möchten.
    An beidem wird Gesellschaft, Wissenschaft, Politik, usw. langfristig aus meiner Sicht sowieso nicht vorbeikommen. Insofern sind das naheliegende Zukunftsthemen. So sehr man sie auch verdrängen möchte.

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