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Anmerkungen zum Verfall

Ich möchte eine kleine Serie beginnen, um Grundsätzliches klarzustellen. Diese Serie beinhaltet fünf Einzelfolgen: zuerst geht es mir um den Verfall, dann um die Politik, den Staat, das Private und schließlich um eine „politische“ Vision des Privaten. Mit geht es mit diesen Anmerkungen nicht um Definitionen, sondern um Denkanstöße, die aus der Beobachtung der Gegenwart resultieren.

Wir leben in einem Zeitalter des Verfalls, der sich über die ganze westliche Welt erstreckt. Zwar funktionieren die westlichen Staaten trotz großer Krisen (Terrorismus, Finanzkrise) „zweckrational“ ziemlich gut, aber es fehlt ihnen an innerem Leben und Vitalität. Am deutlichsten wird dies, wenn man sich die stagnierenden Geburtenraten ansieht. Es geht hierbei nicht nur um private Schicksale. Eine Ordnung zerfällt immer dann, wenn bei der Mehrheit der Bürger die Wehrhaftigkeit und der Überlebenswille schwindet.

Um den Verfall zu verlangsamen, zu stoppen oder zu überwinden, kommt man immer wieder auf ähnliche Auswege: Die erste Gruppe wünscht sich eine Reformation der Ordnung. Diese scheitert immer, weil dafür erstens Opportunismus notwendig ist (um an die Schalthebel der Macht zu kommen), zweitens verfallende Ordnungen korrumpieren und drittens der faule Kompromiß ein Modus des Verfalls ist.

Die zweite Gruppe sieht das ein, fordert ein großes „Tabula rasa“ und einen Neubeginn. Meistens zieht diese Gruppe jedoch sehr viele Spinner und gewalttätige Extremisten an, die dafür sorgen, daß die Gruppe immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand rennt, diese aber nicht zerbricht. Die Weltanschauungen dieser Gruppen sind zudem meist sehr eindimensional. Man glaubt, den Schuldigen gefunden zu haben und weiß auch schon ganz genau, wie die neue Ordnung auszusehen hat. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren diese Gruppen in Europa zum Teil sehr erfolgreich. Im 21. Jahrhundert sieht es eher so aus, als ob es sich hier – zumindest in Europa – um Randphänomene handelt.

Die dritte Gruppe ist sicherlich die intelligenteste, aber wahrscheinlich gerade deshalb die zaghafteste. Sie weiß um die Mißstände und um die Schwierigkeiten, diese zu beheben. Es kommt hinzu, daß diese Gruppe etwas zu verlieren hat, nämlich ihren gehobenen sozialen Status. Was diese Gruppe will, bleibt diffus – die Biedermeier ziehen sich in schönere, romantischere Welten zurück; die Philosophen predigen die Sezession und „Aufschwünge ins Übergewöhnliche“ (Sloterdijk); und die wenigen Pragmatiker hüten ihr Privatleben und bringen sich als Teilzeitkraft in örtliche Gemeinschaften ein. Aufgrund der fehlenden gemeinsamen Stoßrichtung war diese Gruppe politisch noch nicht sehr erfolgreich. Sie wußte zwar immer, wie der Verfall weitergeht, aber die Bremse hat sie (noch) nicht gefunden.

Wenn man sich diese kleine Typologie ansieht, könnte man meinen, der Verfall wäre eben unser Schicksal und zu diesem gibt es keine Alternative. Selbst wenn der Verfall aber alternativlos ist, gibt es immer eine persönliche Alternative und ich werde versuchen zu dieser Alternative in den folgenden Anmerkungen vorzudringen. Dazu ist es allerdings notwendig, zuerst zu klären, was als Alternative ausscheidet.

Demnächst: Anmerkungen zur Politik

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

4 Kommentare zu “Anmerkungen zum Verfall

  1. Nils Wegner

    Wohlformuliert, aber eben allenfalls eine Einleitung.

    Bin gespannt, wie Du das weiter ausführen wirst!

  2. Schon in dieser Einleitung wird doch klar, daß Felix M. im Grunde genauso ratlos durch die Zeitläufte zu schlingern gedenkt, wie ein Großteil seiner Mitmenschen. Das fängt bei der Analyse an (nur bei Spiegel, Bild und Co. ist die Finanzkrise eine Krise der westlichen Welt/des Kapitalismus. Und nur Vorgenannte bezeichnen den Widerstand gegen den Expansionsdrang des Kapitalismus pauschal als Terrorismus. Warum nur?
    Weiterhin ist es nur absurd, jene Alternativen (auch scheinbare) als aussichtslos zu bezeichnen, die natürlich auch die Gewaltfrage stellen. Nur weil wir uns etwas nicht vorstellen können heißt das nicht, daß es nicht auch real bzw. erfolgreich sein kann. F.M. scheint zu übersehen, daß auch das System der westlichen Welt unterm Strich äußerst gewalttätig ist. Vielleicht, das räume ich gern ein, ist das nicht permanent spürbar im gemütlichen Karl-Marx-Stadt.
    Und wenn wir schon den Begriff des Extremismus als einen politischen bemühen, müssen wir uns auch fragen, ob wir seine Definition (linke, rechte, islamistische Extremisten) von den bisherigen Stichwortgebern übernehmen können oder ob wir diese nicht gründlich verifizieren und sehr wahrscheinlich neu definieren müssen.
    Überhaupt bleibt fraglich, ob F.M.s drei relevante Gruppen so nachweisbar sind oder ob hier die Grenzen nicht ganz anders verlaufen. Ich vermute, daß er mit der dritten, der »intelligentesten«, vor allem seine eigene Position klarzumachen sucht. Es wäre doch besser, wenn solche wackeligen Konstrukte auch mit Fakten belegt werden, zumal in einem Text eines kaum über Zwanzigjährigen, der hier ungeniert aus dem Kübel der Weisheit auftut.
    Ich meine, bei Schmitt, Sander und all den anderen kann man doch wirklich zu diesem Thema sich gute Grundlagen erarbeiten.

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