Anstoß

Antisemitismus: Ein Gespenst geht um

Antisemitismus. Ein Wort, das eine Nation beflügelt. Wohl eher niederknüppelt. Wohl kaum ein Land dieser Welt hat ein so inniges Verhältnis zu diesem Begriff wie die Bundesrepublik.

Dabei ist diese Innigkeit von einseitiger Scham, Selbstkasteiung und Mea-culpa-Bekenntnissen geprägt, dass man sich manchmal fragen muss, ob der ganze Komplex nicht schon ins Pathologische abgleitet. Denn wie sonst will man es erklären, dass überall im Land Mahnmäler wie Pilze aus dem Boden schießen und diese für die betreffende Stadt oder Gemeinde auch noch als Gütesiegel verstanden werden. Nach dem Motto: Wir haben ein Holocaust-Denkmal. Wir sind was Besonderes!

Welche Verantwortung trägt ein Jugendlicher von heute für den Holocaust?

Ehemalige Konzentrationslager sind schon lange zu heiligen Orten erklärt worden, zu dem jährlich Busladungen voll Schüler pilgern, um sich Absolution erteilen zu lassen. Man muss schon einen ordentlichen Knacks haben, dass man sich für Dinge verantwortlich machen lassen will, die über ein halbes Jahrhundert vor der eigenen Geburt stattgefunden haben. Aber warum auch nicht? Schließlich sind wir heute – wenn man diversen Experten glauben darf – keinen Deut besser als unsere Nazi-Großväter. Dass wir nicht erneut einen Führer in Berlin sitzen haben, ist lediglich unseren wackeren Kämpfern für die Demokratie zu verdanken, so die Großerzählung gerade dieser Gutmenschen.

So zum Beispiel in einer Runde von „Anne Will“ (28.01.2018). Hier wurde die Holocaustüberlebende Esther Bejarano zum Antisemitismus heute befragt. Sie betonte: „Ich bin der Meinung, dass Deutschland immer antisemitisch war. Dass sich da nicht viel geändert hat.“ Boom! Jetzt ist es raus. Deutschland ist nach wie vor ein Haufen schnurrbarttragender und gescheitelter Vorzeigenazis. Starkes Stück. Vor allem, wenn es mit der Autorität einer Holocaust-Überlebenden vorgebracht wird.

Die Antwort der ebenfalls anwesenden Monika Grütters (CDU) – ihres Zeichen bekennende Katholikin – wirkte etwas hilflos. Es „gehen immerhin fünfeinhalb Millionen Menschen jährlich in unsere Gedenkstätten“. Jedoch scheint sie dann dennoch irgendwie der gleichen Meinung zu sein wie Bejarano. „Aber ich glaube, es kann nie genug sein.“ Verständlich. Irgendwie. Denn wie soll eine CDU-Frau anders reagieren? Schließlich hat auch ihre Partei die „Erinnerungskultur“ bis zum Exzess mitgetragen.

Wer ist antisemitischer? Deutsche oder Zuwanderer?

Auch Wenzel Michalski, Direktor von Human Right Watch Deutschland, hat dazu eine Meinung. Laut ihm habe sich rein gar nichts verbessert. Als schlagenden Beweis brachte er an, dass schließlich eine Partei wie die Alternative für Deutschland immerhin knapp 13 Prozent bei der letzten Bundestagswahl bekommen habe. Na, wenn das mal nicht Beweis genug ist. Schließlich ist selbige politisch bürgerlich-konservativ, gleich rechts, gleich rechtsextrem, gleich rechtsradikal, gleich nationalsozialistisch, gleich Auschwitz. Punktum.

In das gleiche Horn stößt auch der Focus (11.02.2018), wenn er titelt: „Offizielle Zahlen zeigen: Rechte begehen allergrößten Teil antisemitischer Straftaten.“ Das trifft sich ja gut. Damit wäre dann die Mär vom judenhassenden Ausländer widerlegt und bewiesen, dass es nach wie vor der Deutsche ist, der dem Juden ans Leder will.

Warum das so ist, erklärt der jüdische Historiker Julius Schoeps: „Ich halte Antisemitismus für eine kollektive Bewusstseinskrankheit. 15 bis 20 Prozent der deutschen Bevölkerung haben antisemitische Einstellungen.“ Jetzt ist Antisemitismus schon eine Krankheit, gleich also den ganzen anderen neumodischen „Krankheiten“, wie Homophobie, Islamophobie, Xenophobie, etc. Nur darf ja Antisemitismus nicht eines unter vielen sein. Es muss schon noch ein bisschen mehr sein. Deshalb „kollektive Bewusstseinskrankheit“. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie kann denn eine Krankheit kollektiv sein? Eine gruppenabhängige, krankhafte Bewusstseinsveränderung?

Da wird immer groß geschwafelt, es gebe so etwas wie eine kollektive Erinnerung nicht (wenn es darum geht, Völker und Nationen zu definieren), aber wenn es um Antisemitismus geht, dann leidet Deutschland an einer „kollektiven Bewusstseinskrankheit“. Wer so etwas sagt, ist kein Historiker, sondern ein Verschwörungstheoretiker.

Antisemitische Straftaten werden im Zweifelsfall in der rechten Schublade eingeordnet

Schade auch, dass die Statistik, auf die sich der Focus beruft, nicht ganz so zuverlässig ist. So kritisierten neun Wissenschaftler, die den Bundestag in dieser Hinsicht beraten, in einem Bericht vom April vergangenen Jahres, dass antisemitische Straftaten immer dann als politisch motivierte Kriminalität – rechts zugeordnet werden, „wenn keine weiteren Spezifika erkennbar“ und „keine Tatverdächtigen bekannt geworden sind“. Wenn das so ist, plädiere ich dafür, jeden Autodiebstahl in diesem Land, der nicht aufgeklärt wird, in den Statistiken den Polen zuzuschieben. Also wenn schon Klischee, dann aber jedes.

Außerdem wäre interessant, wie Herr Schoeps auf jene Prozentzahlen kommt. Ist etwa schon jeder Antisemit, der vorsichtige Zweifel an der Politik Israels äußerst? Ist jemand schon Antisemit, wenn er der Meinung ist, dass der „Erinnerungskult“ in Deutschland extreme Züge angenommen hat? Wenn dem so sein sollte, ist es durchaus plausibel von 15 bis 20 Prozent zu sprechen. Andererseits, wenn er die ganzen Muslime in diesem Land mitberechnet, die Antisemiten sind, beziehungsweise so denken, kommt man dieser Zahl wohl auch ziemlich nah.

Niemand will jedem Muslimen unterstellen, Antisemit zu sein, jedoch ist es frappierend und naheliegend, dass diese Bevölkerungsgruppe ein Problem mit den Juden hat, wenn viele der letzten antisemitischen Entgleisungen auf bundesdeutschem Boden allesamt von Muslimen formuliert und begangen wurden. Aber darauf wird sich Herr Schoeps wohl nicht bezogen haben.

Offener Antisemitismus durch Rechtsextreme von heute genauso schlimm wie Holocaust?

Nun nochmal zu Frau Bejarano. Wie kann es sein, dass eine Zeitzeugin des Holocaust die Praktiken der Nationalsozialisten gleichsetzt mit dem heutigen Umgang mit jüdischen Mitbürgern? Erhellend ist in diesem Zusammenhang ein Interview, dass sie vor einiger Zeit (06.05.2016) der Süddeutschen Zeitung gegeben hat. Das Thema dieses Interviews war ähnlich dem der Talkshow. In diesem bemerkte sie: „Der Staat ist auf dem rechten Auge blind oder er kneift es zu.“

Es gehört schon sehr viel Fantasie und guter Wille dazu, wenn man an dieser Aussage etwas Wahres finden möchte. Sind es nicht vielmehr Antifaschisten, die Gewalttaten verüben und durch die Politik gedeckt werden? Und was ist mit den „Hate-Speech“-Paragraphen eines Heiko Maas, die zum Ziel haben, „rechte Hetzer“ mundtot zu machen? Wo ist das blinde Auge? Außerdem, es gibt wohl kaum einen Mordprozess in der Geschichte der Bundesrepublik, der medial über einen so langen Zeitraum verfolgt wurde wie der um die NSU-Morde.

Definitiv hat diese Frau unvorstellbar Schlimmes gesehen und vermutlich auch solches durchgemacht. Keine Frage. Dinge, die man seinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde. Aber wieso antwortet sie dann auf die Frage, ob 70 Jahre nach Kriegsende die Lage besser sei folgendermaßen: „Das würde ich so nicht sagen. (…) Der Antisemitismus wird wieder offener gezeigt, es wird Stimmung gegen Muslime und Flüchtlinge gemacht. Und wenn ein Rechtsextremist einen Menschen halbtot schlägt, kommt er in der Regel mit einer milderen Strafe davon.“

Umgang mit Juden in islamischen Ländern

Wo wird es denn offener gezeigt? Ja, es gibt ein paar Spinner, die antisemitische Dinge von sich geben. Die wird es immer geben. Und was bitteschön haben Muslime und Flüchtlinge als Opfer im Themenkomplex Antisemitismus zu suchen? Hat der Frau niemand gesagt, dass mit dem Import von Massen junger, muslimischer Männer gerade jener gefürchtete Antisemitismus importiert wird und auch jene Zeitung, der sie das Interview gegeben hatte, an diesem Import mitgewirkt hat durch tendenziöse Berichterstattung? Hat dieser Frau niemand gesagt, wie man mit Juden in muslimischen Ländern umgeht? Hat sie die Bilder nicht gesehen, auf denen muslimische Männer zu sehen sind, die eine Israel-Flagge verbrennen? Hat sie die Aufnahmen nicht gehört, wo ein muslimischer Mob „Juden ins Gas“ skandiert?

Tatsächlich hat eine Studie der Universität Bielefeld vom April 2017 durch Umfragen unter jüdischen Mitbürgern herausgefunden, dass vor allem Muslime zunehmend als Bedrohungspotential wahrgenommen werden. So gab die Mehrheit von den befragten Juden an, von Muslimen angefeindet worden zu sein. Rechnet man nun noch ein, dass Muslime hierzulande nach wie vor eine (kleine) Minderheit darstellen, ergeben sich wohl erschreckende Zahlen. Auch 58 Prozent der befragten Juden gaben an, bestimmte Stadtteile zu meiden. Aus Sicherheitsgründen. Damit werden wohl nicht die Stadtteile voller Neonazis gemeint sein. Denn die gibt es nicht.

Und so stellte auch die Huffington Post (11.12.17) richtigerweise fest: „Das Bedrohungspotenzial durch muslimische Antisemiten hat zugenommen.“ Am Ende stellt sich nur noch die Frage, warum man sich die Mühe macht, Probleme aufzubauschen oder komplett zu erfinden? Nur um sich besorgt geben zu können? Wenn das der Grund ist, kann Entwarnung gegeben werden. Denn wenn dieses Land etwas im Überfluss hat, dann besorgniserregende Probleme.

Bild: Pixabay, gemeinfrei


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