Gesichtet

„Auf, auf zum Kampf.“ Die Linksverdrehung eines Liedes

Es gehört neben der Internationalen und dem Lied von der Einheitsfront zum Kern des linken Liedguts:  Das Lied „Auf, auf zum Kampf“.

In jüngerer Zeit vor allem durch den Liedermacher Hannes Wader zurück ins Gedächtnis gerufen, wird es heute auf zahlreichen Punkkonzerten oder Demonstrationen angestimmt. Melodie und Text sind so geläufig, dass den allermeisten Menschen überhaupt nicht bewusst ist, dass es sich bei der 1919 als Reaktion auf den Tod von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg entstandenen Version nicht um das Original handelt.

„Für Gott und Vaterland“

Laut Volksliederarchiv ist die ursprüngliche Version um 1890 entstanden. Andere Quellen nennen den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. In der ersten Strophe heißt es da noch:

Auf, auf zum Kampf! Zum Kampf sind wir geboren.
Auf, auf zum Kampf, fürs Vaterland ins Feld!
Für Gott und Vaterland sind wir geboren
für Deutschlands Ruhm allhier auf dieser Welt.

Die Ursprungsversion ist also ein patriotisches Soldatenlied. 1914 erfuhr dieses Lied in der ersten Strophe eine leichte Änderung. Jetzt heißt es:

Auf, auf zum Kampf, zum Kampf!
Zum Kampf sind wir geboren
Auf, auf zum Kampf, zum Kampf,
zum Kampf fürs Vaterland
Dem Kaiser Wilhelm haben wir´s geschworen
Dem Kaiser Wilhelm reichen wir die Hand.

In den nachfolgenden Strophen werden wie schon in der ersten Version, die Gefühle des Abschiedsschmerzes und der kommenden Ungewissheit ausgedrückt. Der Soldat wird an die besondere Liebe der Mutter sowie die daraus resultierende Verantwortung erinnert. Doch nicht nur die Gefühlswelt des Soldaten, auch das der Angehörigen findet in der dritten und fünften Strophe Ausdruck. So heißt es etwa in Strophe drei:

Der Vater weint, ja weint,
um seines Sohnes Leben,
dieweil er ihn, ja ihn
zum letzten Mal gesehn,
reicht ihm die Hand, gibt ihm den Abschiedssegen!
Wer weiß, mein Sohn, ob wir uns wiedersehn.

Nachdem in Strophe fünf die Situation einer jungen Frau beschrieben wird, welche um einen schon gefallenen Geliebten trauert, kommt in der letzten Strophe erneut die Entschlossenheit zum Kampfe zum Ausdruck.

Kriegsverherrlichung?

Das Volksliederarchiv kommt natürlich nicht darum herum die beiden ursprünglichen Versionen als „kriegsverherrlichend“ anzuprangern. Das gehört zum politisch korrekten Gusto und darf folglich nicht fehlen.

Tatsache ist, dass es sich bei der patriotischen Version von Auf, auf zum Kampf um ein typisches Soldaten- und Vaterlandslied jener Zeit handelt. Auch in Liedern wie Wildgänse rauschen durch die Nacht, finden wir jenes Zusammenspiel aus Entschlossenheit zum Kampf und Melancholie. Der Krieg wird in den obigen Versionen nicht verherrlicht, sondern als notwendig angesehen. Aber solch eine Differenzierung übersteigt bei den meisten Zeitgenossen sowohl das Einfühlungsvermögen als auch den politisch geschichtlichen Verstand.

Dabei erlauben uns solche Lieder, mehr vielleicht als alle historischen Abhandlungen zusammen, einen Einblick in das Seelenleben jener Menschen welche in der Blüte ihres Lebens Dinge durchleben mussten, die wir uns heute nur sehr schwer vorstellen können. Allerdings werden wir nie wissen, wie es ist, den Rauch der Geschütze zu riechen, gefallene Freunde in einer zur Mondlandschaft gewordenen Umwelt zurückzulassen. Es ist, dies sei an dieser Stelle einmal ausdrücklich betont, eine Schande, wie der Zeitgeist das Opfer unserer Vorfahren lächerlich macht.

Die neue Version von 1919

Die umgedichtete Version aus dem Jahre 1919, für die übrigens Bertolt Brecht verantwortlich ist, kommt jedenfalls ohne die tiefsinnigen Strophen aus. In der ersten Strophe heißt es nun:

Auf, auf zum Kampf!
Zum Kampf! Zum Kampf sind wir geboren.
Auf, auf zum Kampf!
Zum Kampf! Zum Kampf sind wir bereit!
Dem Karl Liebknecht haben wir´s geschworen
der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand.

Es geht weiter mit den ursprünglichen Strophen fünf und sechs. Hieß es in der Originalversion noch,

Wir fürchten nicht, ja nicht,
den Donner der Kanonen,
ob er uns gleich zum Untergange droht,

heißt es in der Version von 1919:

Wir fürchten nicht, ja nicht,
den Donner der Kanonen!
Wir fürchten nicht, ja nicht,
die Noskepolizei!

Sein Ende findet das umgeschriebene Lied, indem der Tod von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beklagt wird:

Den Karl Liebknecht haben wir verloren,
die Rosa Luxemburg fiel durch Mörderhand.

Vereinnahmung der Geschichte

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Umdichtung des Soldatenliedes zu einem linken Arbeiterkampflied symptomatisch für die Vereinnahmung der Geschichte durch die politische Linke steht. Angefangen bei Karl Marx, der nicht nur die deutsche, sondern direkt die ganze Menschheitsgeschichte in eine Geschichte des Klassenkampfes uminterpretierte. Heute wird von ebenjener Seite die deutsche Geschichte als eine einzige Serie von Verbrechen dargestellt. Freiheit und Recht kamen demzufolge erst mit der Revolution von 1918.

Das es auch entgegengesetzte Deutungen der Geschichte gibt, geht im gegenwärtigen Rauschen des Zeitgeistes ebenso unter wie der Umstand, dass in einem der bekanntesten Arbeiterlieder ursprünglich Kaiser und Vaterland besungen wurden.

(Bild: Karl Liebknecht)


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