Anstoß

Auf dem Weg zum Designerbaby

Vom Affen zum Menschen, vom Menschen zum Übermenschen. Durch „Züchtung“ und „Vernichtung Millionen Missratener“ solle man den „zukünftigen Menschen“ gestalten, der Auffassung war einst Friedrich Nietzsche.

Die praktizierte Vernichtung von „lebensunwerten Leben“ erscheint uns heute vielfach als düsteres Relikt aus der Zeit des Nationalsozialismus. Doch die an diesem Donnerstag im Bundestag stattfindende Orientierungsdebatte zum Thema NIPT, einem vorgeburtlichen Bluttest, der es erlaubt festzustellen, ob ein sich im Mutterleib befindendes Kind unter dem sogenannten Downsyndrom, auch Trisomie 21 genannt, leidet, lenkt unseren Blick erneut auf dieses ethisch in höchstem Grade verminte Feld und lässt uns feststellen, dass egal, was der Bundestag beschließt oder auch nicht beschließt, die Auslöschung von „lebensunwerten Leben“ in unseren Tagen schon längst Realität ist.

Worum geht es?

Auf Wunsch von Abgeordneten aller Fraktionen, mit Ausnahme der AfD, wird der Bundestag diese Debatte führen. Die zur Diskussion stehende Thematik würde den Bluttest im Falle von risikobehafteten Schwangerschaften zur Kassenleistung machen. Doch diese Tests sind bereits heute völlig legal.

Die billigste Variante kostet 129 Euro. Unabhängig davon, was bei der Bundestagsdebatte herauskommt, spricht die Tatsache, dass die erwähnten Bluttests für relativ wenig Geld bereits heute zu haben sind, dafür, dass sich in der Praxis wenig ändern wird. Bereits jetzt wird dieser Test bis zu 100.000 Mal im Jahr durchgeführt. 94 Prozent aller Eltern entscheiden sich nach einem „positiven“ Testergebnis für den vorzeitigen Abbruch der Schwangerschaft.

Christdemokrat auf Abwegen

Den NIPT zur Kassenleistung machen möchte der CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn und damit der Angehörige einer Partei, die sich zumindest laut Parteinamen einer christlichen Ethik verpflichtet fühlen sollte. Hinzu kommt der frappierende Umstand, dass die anstehende Debatte so gut wie gar keinen Einfluss auf dieses Vorhaben hat.

Einfluss könnte lediglich der gemeinsame Bundesausschuss des deutschen Gesundheitswesens nehmen. Dessen Vorsitzender Josef Hecken gab gegenüber der „Welt am Sonntag“ jedoch zu erkennen, dass die entsprechende Debatte dennoch entscheidend sein könnte. Die Causa rund um den NIPT ist jedoch nicht die einzige, mit der Gesundheitsminister Jens Spahn derzeit von sich reden macht.

Ebenfalls wollte Spahn einen derzeit noch grundsätzlich verbotenen Test an Embryonen, PID, zur Kassenleistung machen. Bei diesem Test wird im Rahmen einer künstlichen Befruchtung der Embryo vor dem Einsetzen in den Mutterleib auf eventuelle genetische Defekte untersucht. Sollte sich ein solcher Gendefekt bestätigen, dürfte dies in den meisten Fälle zur sofortigen Vernichtung des Embryos führen. Dieses Ansinnen des Gesundheitsministers wurde jedoch vorerst von der CDU-Fraktion gestoppt.

Warnende Stimmen

Alexander Scharf, Vorsitzendes des Bundesverbandes der niedergelassenen Pränatalmediziner, warnt vor den Folgen des vorgeburtlichen Bluttests: „Der Test auf Trisomie ist nur ein Türöffner.“ Die möglichen Folgen der Suche nach „falschen“ Genen beschreibt er so: „Denkbare Szenarien wären zum Beispiel die Anlage zu Stoffwechselstörungen, wie Hypercholesterinämie, Bluthochdruck oder Zucker [herauszufiltern].“

Er schließt mit der Warnung: „Denkt man das zu Ende, ist man schnell beim Designerbaby.“ Außerdem warnt Scharf vor den erheblichen Ungenauigkeiten der vorgeburtlichen Bluttests, die je nach Alter der Frau sehr stark schwanken können.

Dass die FDP in der vergangenen Woche für den vorgeburtlichen Bluttest als Kassenleistung mittels eines Bildes warb, auf dem ein Kind mit Downsyndrom zu sehen war, vermag nicht zu überraschen. Dass jedoch einige Abgeordnete der AfD, einer Partei, die viele als Beschützerin christlich-abendländischer Werte wahrnehmen, ebenso für die entsprechende Freigabe des NIPT sind, erstaunt dann doch.

Auffällig ist zudem der Umstand, dass in vielen patriotisch-konservativen Kreisen das oben besprochene Thema so gut wie gar nicht zur Sprache kam. Lieber regte man sich über „Klima-Greta“ auf. Zumindest Organisationen, die das christliche Abendland im Namen tragen, sollten doch gegen solche Vorhaben mobilisieren. Denn was sind Dinge wie der NIPT anderes als ein fundamentaler Angriff auf das christliche Menschenbild?

Eine Zeit voller Doppelmoral

Wenn man es mit eben jenem Menschenbild ernst meint, blutet einem ohnehin das Herz, und das nicht erst seit der bevorstehenden Orientierungsdebatte. Wie passt es zu einer angeblich humanen und aufgeklärten Gesellschaft, wenn Kinder im Mutterleib nicht mehr als kleine Menschen, sondern als Zellhaufen oder Schwangerschaftsgewebe bezeichnet werden? Wie kann es sein, dass man sich, im Zeitalter der Menschenrechte auf ein sogenanntes „Menschenrecht auf Abtreibung“ beruft?

Wie kann es sein, dass jenes „Menschenrecht“ allein in Deutschland jedes Jahr etwa 100.000 ermordete Kinder zur Folge hat, ohne das ein breiter Aufschrei durch das ganze Land geht? Wie kann es sein, dass 96 Prozent aller Abtreibungen nicht aus medizinischen oder anderen nachvollziehbaren Gründen, wie etwa einer Vergewaltigung, geschehen?

Und wie kann es sein, dass die Selektion von lebenswerten und lebensunwerten Leben heute schon tausendfache Realität ist? Man könnte glatt zu dem Schluss kommen, dass unsere Zeit doch nicht so human ist, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Bloß verdrängen wir das sehr erfolgreich im Rauschen des Alltagskonsums. Wenn wir diesbezüglich nicht schnell einen anderen Weg einschlagen, dann steht zu befürchten, dass in Zukunft der Mensch nur noch ein Laborprodukt ist, bis ins kleinste Detail geplant.

Und wenn der Mensch wirtschaftlich nicht mehr rentabel ist, dann wird er halt mittels „Sterbehilfe“ beseitigt. So einen Fall gab es bereits beinahe in den USA, als einer älteren Dame, die nicht versichert war, als schnellstem Ausweg aus ihrer therapierbaren Krankheit die „Sterbehilfe“ angeboten wurde. Eine sterile, kalte und herzlose Welt beginnt sich abzuzeichnen. Wollen wir tatsächlich in so einer Welt leben?

(Bild von yulia84 auf Pixabay)


1 Kommentar zu “Auf dem Weg zum Designerbaby

  1. Wafthrudnir

    Es hat leider gar keinen Sinn, die derzeit herrschende Moral auf Widersprüche abzuklopfen oder als Doppelmoral anzuprangern. Tatsächlich folgen die Moralvorstellungen der Mehrheit einem ganz einfachen Prinzip:
    1) Eine Tatsache (Handlung, Entscheidung etc.) löst ein positives Gefühl aus, dann ist sie auch gut.
    2a) Eine Tatsache löst ein negatives Gefühl aus, dann ist sie verwerflich.
    2b) Eine Tatsache löst ein schlechtes Gefühl aus, Alternativen würden aber ebenfalls negative Gefühle auslösen: dann ist es verwerflich, die Tatsache anzusprechen.

    Das Problem hat also nichts mit doppelten Standards oder mangelnder Konsequenz zu tun. Wenn man jede Transzendenz für unzulässig hält, bleibt der Moral nur mehr die Funktion, ein gutes Leben im Sinne eines Maximums positiver Gefühle zu ermöglichen.

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