Alter Blog

Aufruf zur Alternative

Letzte Woche wurde in Moskau die erste Joseph Beuys-Ausstellung in Rußland mit dem Titel »Aufruf zur Alternative« eröffnet. Der Titel geht zurück auf ein Pamphlet von Beuys in der Frankfurter Rundschau vom 23. Dezember 1978. Man kann sich dieses Pamphlet hier als PDF herunterladen.

Beuys wirbt darin für eine »gewaltfreie Revolution für eine auf Zukunftsoffenheit angelegte evolutionäre Alternative«. Neben einer militärischen, ökologischen und wirtschaftlichen Krise diagnostiziert er für seine Zeit insbesondere eine »Bewußtseins- und Sinnkrise«. Man sei »hilflos ausgeliefert«. Unter Rückgriff auf konservative Ökologen wie Herbert Gruhl und Rudolf Bahro (Die Alternative) will er die »Systeme der organisierten Verantwortungslosigkeit« durch eine »Alternative des Ausgleichs und der Solidarität« ablösen.

Wie das konkret aussehen soll, beschreibt Beuys auch. Er wünsche sich,

ein neues Funktionssystem einzugliedern: das SYSTEM BERATENDER KURATORIEN, ein authentisches Rätesystem als ständige Inspirationsquelle.

(…)

Der überwundene Gegensatz von »Arbeitsgeber« und »Arbeitnehmer« öffnet das Feld für eine Sozialgestalt, in der miteinander verwoben sind Prozesse des FREIEN BERATENS, des DEMOKRATISCHEN VEREINBARENS und schließlich des GEMEINSAMEN WIRKENS für die soziale Umwelt.

(…)

So ist in dem Bild der Grundzüge eines Dritten Weges das FREIE UNTERNEHMEN in einer selbstverwalteten Kultur die demokratische Basiseinheit einer nachkapitalistischen und nachkommunistischen NEUEN GESELLSCHAFT DES REALEN SOZIALISMUS.

(…)

Der Staat wird erheblich schrumpfen. Was übrig bleibt, wird man sehen.

Selbstverständlich steckt in all diesen Gedanken viel linke Utopie drin, die niemals eine Chance auf Verwirklichung hat, weil der Mensch schlichtweg nicht so kreativ, frei und abstrakt-solidarisch ist, wie sich Beuys das wünscht. Demokratie, Solidarität und gegenseitiger Ausgleich funktionieren immer nur dann gut, wenn sich die daran Beteiligten auch persönlich kennen und einschätzen können, ob der Gegenüber vertrauenswürdig ist.

Aber abgesehen davon wählt Beuys trotzdem den richtigen Ausgangspunkt für seine alternativen Überlegungen. Weder Kommunismus noch Staatskapitalismus (auch Beuys spricht die enge Bindung von Geld und Staat an) können die Zukunft sein. Es braucht eine allumfassende Alternative zur Moderne, die aus »Einsicht in die Lebensbedingungen des Ganzen« (Rudolf Steiner, zit. von Beuys) vollzogen wird.

Angesetzt werden muß folglich bei den Themen »Umwelt und Konsum«. Wer nicht bereit ist, auf Konsum zu verzichten, wird weder eine linke noch eine rechte Alternative auch nur in seinem privaten Umfeld verwirklichen können. Nur eine »Kultur des Maßhaltens« (Benoist) kann der Ideologie des Wachstums etwas entgegensetzen. Zu dieser Kultur gehört es zuallererst, in der eigenen Umwelt das zu tun, was machbar ist.

Darum soll es in den nächsten Thesen-durch-Fakten-Anschlägen der Blauen Narzisse gehen. Thema der Dezember-Ausgabe wird »Umwelt und Konsum« sein. Redaktionsschluß ist der 31. Oktober 2012. Wer etwas beitragen möchte, meldet sich einfach mit einer Nachricht an redaktion@blauenarzisse.de bei uns!

Verwandte Themen

Die Weisheit des Gartens Ein guter Gärtner alten Stils wusste mehr über Mensch, Leben und Gesellschaft als der überintellektualisierte und überinformierte „Nutzer“ moderner Te...
Plündern wir unseren Planeten? Heute ist »Erdüberlastungstag«. Ab morgen verbrauchen wir Ressourcen, die nicht binnen eines Jahres erneuerbar sind, behauptet das Global Footprint Ne...
Die konservativen Ursprünge der Nachhaltigkeit Die kapitalistische Wirtschaft als Ganzes genommen ist revolutionär. Das ist keine marxistische Schulphrase und auch nicht ihre eigene Definition, son...

Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

0 Kommentare zu “Aufruf zur Alternative

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo