Anstoß

Aus dem Tal der Ahnungslosen (II): Diesmal mit Bier

Es gibt einen Film aus unserer bösesten Zeit, da wird „deutsches Bier“ dazu verwendet, um den politischen Gegner von den eigenen Ansichten zu überzeugen. Das ist quasi die Vorwegnahme von Pierre Bourdieus Habitus-Konzept, das wie folgt funktioniert: Sag mir, welche Kleidung du trägst und welche Alkoholika du trinkst, und ich kann deine Gesinnung bestimmen.

In der Tat kommt man damit relativ treffsicher durch den Alltag und hat während des Studiums viel Zeit, die Unterschiede zwischen den linksversifften Soziologen und den karrieristischen BWLern mit Laptop unterm Arm zu beobachten.

Doch zurück zum Bier als dem wichtigsten Distinktionsmerkmal des Homo bibens: Vor einigen Tagen ist mir das „Vier Vogel Pils“ aus der Dresdner Neustadt in die Hände gefallen, womit ich mir dann die Kehle geölt habe. Das Bier entstand in Kolumbien, da vier deutsche Auslandsstudenten ihren Durst als unerträglich empfanden und deshalb mit viel Experimentierfreude damit begannen, selbst zu brauen. Heute gibt es nun nicht nur ihr eigenes Pils, das ziemlich gut schmeckt und bereits den Weg in den Handel gefunden hat, sondern auch einen „Horst“, also eine Kneipe, für das Bier.

Ich muß schon sagen: Das Produkt ist gut, die Story um das Produkt herum noch besser und das Ganze hat den nötigen Charme, um ein Lebensgefühl samt subtilem Weltbild zu vermitteln. In Dresden ist das keine Seltenheit: In meinem Stammlokal trinke ich immer „Elbhang Rot“. Im Zuge meiner umfangreichen Recherchen für diesen Beitrag stellte ich jetzt fest, daß der Braumeister dieses Bieres ein Kommunist sein muß. Er produziert auch einen Gerstensaft mit dem Namen „Lenins Hanf“, weil Lenin wohl sein alter Spitzname ist. Doch damit nicht genug, weiß ein Stadtmagazin zu berichten:

„Seine neuste Kreation ist das streng limitierte PEGIDA alkoholfrei. Der gleichgültig gebraute Inhalt der braunen Bügelflasche: lauwarmes Leitungswasser vom Vortag. Garantiert 0,0% Alkohol und für schlappe 9,90 Euro pro Flasche (zzgl. Pfand) in der Schönbrunnstraße 1 käuflich zu erwerben. „Bis jetzt habe ich diese Edition erst ein einziges Mal verkauft. An einen überzeugten Pegida-Fan, der die Botschaft wohl nicht ganz verstanden hat”, schmunzelt der Brauer. Die 9,90 Euro kamen im übrigen dem Netzwerk Dresden Nazifrei zu Gute.“

Statt jetzt die Linken, die auf solche Ideen kommen, blöd zu finden, frage ich mich eher: Warum verlieren wir so kläglich an der Bierfront? Etwa, weil wir auf traditionelle Biere vertrauen statt neue zu brauen? Es gibt noch viel aufzuholen. Leute, werdet kreativ und verdient euch damit ruhig dumm und dämlich.

Ich weiß, diese Folge von „Aus dem Tal der Ahnungslosen“ ist ziemlich wirtschaftslastig. Kann ich da mein Versprechen erfüllen und Nicolás Gómez Dávila zu Wort kommen lassen? Natürlich! „Der moderne Mensch stellt sich keinen höheren Zweck vor als den Dienst an den anonymen Gelüsten seiner Mitbürger.“
Verachte ich das System? Ja, ich verachte das System. Jedoch nicht den Rechtsstaat und das Ideal der freiheitlichen Demokratie. Ich verachte das Betriebssystem unserer Gesellschaftsmaschine, die uns zu einem kleinen Rädchen im Getriebe machen will, uns zur Anpassung an die Massen drängt und jede Alternative im Autopilot-Modus als geisteskrank oder extremistisch diffamiert.

Bitte merkt euch den folgenden Begriff: Vermögenswertinflation. Angesichts der niedrigen Zinsen und Staatsschulden warten viele Apokalyptiker ja regelrecht darauf, wann wir wieder Verhältnisse wie 1923 vorfinden. Unbeachtet bleibt dabei meist, daß die Inflation längst durch die Hintertür oder gleich das aus Vorsicht erworbene Hinterhaus kommt. Der Ökonomie-Professor Hanno Beck hat dieses Phänomen in der FAZ schön beschrieben. Was bleibt? Wir sind einem „systemischen Risiko“ ausgesetzt, das wir nicht überlisten können. Und wenn doch, dann nur mit sehr viel Glück. In diesem Sinne noch einmal: Ich verachte genau dieses System, das Verantwortung und Unabhängigkeit nahezu unmöglich macht. Ich will regieren – zumindest über mein eigenes Leben!

B wie Balken, oder Fortsetzung der Redewendungen, die keiner kennt: „Den Balken im eigenen Auge nicht sehen, aber den Splitter im fremden“, stammt aus der Bibel und heißt soviel wie: Du deutscher Besserwisser, warum mußt du Putin, Trump, Assad und Erdogan belehren, merkst aber nicht, daß deine eigene Hütte lichterloh brennt?

Zum Zustand unserer Nation schrieb unser Leser Jürgen Graf vorgestern: „Nur ein Volksaufstand oder ein Militärputsch kann Deutschland retten.“ Die dabei implizit geäußerte Verzweiflung kann ich nachvollziehen, bin mir aber trotzdem sicher, daß diese defätistische Ungeduld keine befreiende Wirkung hat. Vielmehr verstellt sie uns den Blick für das, was jeder konkret an seinem Ort und in seinem Leben als Feuerwehrmann tun kann. In meinem neuen Buch Alternative Politik schildere ich unsere Handlungsoptionen detailliert.

Wer für die 100 Seiten-Schrift keine Zeit hat oder kein Geld ausgeben möchte, dem sei zumindest ein Interview empfohlen. „Der blaue Kanal“ hat mit mir sehr ausführlich über meine bisherigen Bücher und damit mein Denken gesprochen. Hier und hier geht es zu dem Gespräch!

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4 Kommentare zu “Aus dem Tal der Ahnungslosen (II): Diesmal mit Bier

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