Anstoß

Aus der Corona-Krise wird eine Bildungskrise

Dass die Corona-Pandemie einen Rattenschwanz an Spätfolgen nach sich ziehen wird, ist mittlerweile wohl jedem klar. Wirtschaftliche Einbußen, Arbeitslosigkeit und mehr Krebstote aufgrund von verschobenen Operationen, um die Krankenhäuser für die Massen an todkranken Corona-Infizierten freizuhalten, sind nur einige dieser Spätfolgen.

Ob uns nun eine wirtschaftliche Krise bevorsteht, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Aber es scheint zumindest sicher, wir schauen in eine krisenhafte Zukunft. Ein unlängst in der Badischen Zeitung erschienenes Interview mit dem Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück, Aladin El-Mafaalani, lässt Schlimmes erahnen. Er postuliert eine Bildungskrise für die Zukunft, falls es uns nicht schnell gelingen sollte, hierzulande im Herbst wieder zu geregeltem Unterricht zurückzukehren.

Monatelang keine Schule

Die Befürchtung ist nicht von der Hand zu weisen. Immerhin haben mehrere Studien nachweisen können, dass lange Sommerferien zu Wissensdefiziten bei Schülern führen. Dabei verhalten sich diese Defizite proportional zur Länge der Ferien. Experten raten daher schon seit Jahren, das aktuelle Ferienmodell zugunsten von kürzeren und gleichmäßig über das Schuljahr verteilten Ferien aufzugeben. Nun blieben deutsche Schüler aber nicht nur sechs Wochen der Schule fern, sondern mehrere Monate.

Zwar könnte man jetzt auf das digitale Lernen verweisen. Doch kann daran gezweifelt werden, dass während der Schulschließung gezieltes Lernen bei der Mehrheit der Schüler stattgefunden hat. Ein befreundeter Lehrer versicherte mir im persönlichen Gespräch, E-Learning wäre seiner Erfahrung nach alles andere als nachhaltig gewesen. Erstens, weil Vermittlung durch Präsenzunterricht einfach zielführender sei, aber auch oft schlicht das benötigte technische Equipment für Online-Unterricht gefehlt habe. Da helfe dann auch aller guter Wille nichts mehr. Zumal er keine Möglichkeit hatte zu überprüfen, ob seine Schüler auch wirklich dem Unterricht folgen würden.

In die gleiche Kerbe haut der bildungsökonomische Aufruf »Bildung ermöglichen! Unterricht und frühkindliches Lernen trotz teilgeschlossener Schulen und Kitas«, der von über 90 zu Bildungsthemen arbeitenden Ökonomen unterzeichnet wurde. Prof. El-Mafaalani zufolge werden die Folgeerscheinungen noch viele Jahre zu spüren sein. Erst recht sollte man sich nicht der Illusion hingeben, diese versäumte Zeit aufholen zu können. Dafür sei in den Bildungsplänen ohnehin kein Platz. Denn nicht vermitteltes Wissen ist ja nur ein Teilaspekt des Problems. Praktische Kompetenzen, die an der Schule „nebenher vermittelt werden“, seien ebenso auf der Strecke geblieben.

Sozialschwache Familien besonders betroffen

Betroffen davon sind in stärkerem Maße Kinder aus sozialschwachen Familien. Ebenso Grundschüler, da diese noch keine Lerntechniken entwickelt hätten und Grundkenntnisse wie Lesen, Schreiben und Rechnen durch Fernunterricht nur sehr unzureichend zu vermitteln seien. Mit diesem Urteil ist er keineswegs allein. Der Bildungsforscher und Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung, Kai Maas, warnte vor zu viel Optimismus. Die Einstellung der Politik, man bekäme das schon irgendwie wieder hin, notfalls stellt man ein paar Container auf das Schulgelände – ein Vorschlag der Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) – hält Maas für unzulänglich.

In den letzten Wochen und Monaten seien viele Erfahrungen gemacht worden, die im Schulalltag eigentlich durch die Anwesenheit der Kinder und Jugendlichen hätten ausgebügelt werden können. „Und da haben sich möglicherweise Dinge aufgestaut, die mit ins neue Schuljahr schwappen“, gibt Maas zu bedenken. Den Kindern sei ein ganz zentraler Lebensraum weggebrochen. „Und die Frage, ob das bei den Kindern jetzt nach den Sommerferien mit einem Schnipser weg sein wird und die in den normalen Modus übergehen – das muss man erst einmal abwarten.“

Einkommensverlust durch Schulausfall

Das ist aber noch nicht alles. Eine Untersuchung vom ifo-Institut hat den Zusammenhang zwischen Schulausfällen und einem verringerten späteren Einkommen untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen: Allein der bisherige Schulausfall bedeutet für die davon betroffenen Schüler drei bis vier Prozent durchschnittlichen Einkommensverlust im späteren Berufsleben. „Darüber hinaus zeigen Untersuchungen streikbedingter Schulschließungen, vorab geplanter Kurzschuljahre und langer Schulferien, dass ausbleibender Schulunterricht die Kompetenzentwicklung und den zukünftigen Arbeitsmarkterfolg dauerhaft schmälert. Deshalb steht bei den aktuellen Herausforderungen der Bildungspolitik sehr viel auf dem Spiel. Sie muss alles daransetzen, dass alle Kinder und Jugendlichen (…) umgehend wieder lernen.“

Und schließlich sind da noch all die Missbrauchsopfer in Familien, die durch die Corona-Krise unsichtbar geworden sind, weil eben genau der Ort, wo misshandelte Kinder unter anderem auffallen, seit Monaten geschlossen ist.

Schäden größer als Nutzen

Schulleitungen vor Ort würden indes auch gerne wissen, wie es weitergehen soll. Da die Abstandsregelungen nach wie vor in Kraft sind und wohl auch weiterhin in Kraft bleiben, ist an normalen Unterricht nicht zu denken, da schlicht kein Platz für derlei Konzepte sei. 100 Quadratmeter für eine Klasse von 25 Schülern – in den meisten Schulen reine Utopie. Und auch für besagte Container wäre oftmals kein Platz da.

Vielleicht sollte man sich stattdessen in der Politik endlich mal fragen, ob es das alles überhaupt wert ist? Denn sie Schäden, die durch ein Vorgehen wie eines Söders oder einer Merkel verursacht werden, könnten womöglich am Ende größer sein, als jeder Nutzen, der daraus vielleicht gezogen wird – wenn er gezogen wird. Aber von solchen Gedanken ist in Berlin und in München nichts zu erkennen.

Doch den Deutschen gefällt es wohl. Der neue starke Mann aus Bayern, der zum Marsch auf Berlin ansetzt, weil er für dieses Land ja scheinbar alles besser weiß und mit seiner Besserwisserei auch nicht hinterm Berg hält. Die Schülerschaft hat indes das Nachsehen und darf einen weiteren Brocken Ungewissheit und Zukunftsangst auf den ohnehin schon hohen Stapel legen.

(Bild: Pixabay)


1 Kommentar zu “Aus der Corona-Krise wird eine Bildungskrise

  1. Carlos Wefers Verástegui (Spanien)

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