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Benn über den Stil der Zukunft

Vor einiger Zeit habe ich mit Sloterdijk danach gefragt, welche Theorien die Gegenwart eigentlich braucht. Die Frage impliziert bereits die Vermutung, daß wir unsere Zeit mit traditionellen Philosophien und Wissenschaften nur unzureichend erklären können. Unterschrieben hätte das wohl auch Marshall McLuhan, der zugleich den Grund dafür mit zwei schönen Metapher benannt hat. Jede neue Erfindung oder Technik sei eine Prothese bzw. Selbstamputation des Körpers und Geistes:

Der Mensch wird sozusagen zum Geschlechtsteil der Maschinenwelt, wie die Biene für die Pflanzenwelt, die es ihr ermöglicht, sich zu befruchten und immer neue Formen zu entfalten. Die Welt der Maschine erwidert den Liebesbeweis des Menschen, indem sie seine Wünsche und sein Begehren erfüllt, ihm vor allem zu Reichtum verhilft.

Das heißt also, daß der Mensch die Technik nicht allein rational als Werkzeug gebraucht (McLuhan betont etwa die sexuelle Beziehung des Menschen zum Auto), sondern einen emotionalen Bezug dazu hat und selbst seine sozialen Kontakte nur mit technischen Hilfsmitteln aufrechterhalten kann. Wenn die Technik so weit ins Innerste eindringt, stellt sich die Frage, ob man ihren Zwängen überhaupt entkommen kann. Der Dichter Gottfried Benn dazu:

Der Stil der Zukunft wird der Roboterstil sein, Montagekunst. Der bisherige Mensch ist zu Ende, Biologie, Soziologie, Familie, Theologie, alles verfallen und ausgelaugt, alles Prothesenträger. Das Getue in den Romanen, als ob es an sich weiterginge und etwas geschähe, mit dem altmodischen Begriff des Schicksals oder dem neumodischen einer autochthonen gesellschaftlichen Bewegung, ist Unfug, es geht nichts an sich weiter und geschieht nichts, der Mensch stockt und arbeitet – der Künstler ist es, der weiter muß, sammelt, gruppiert – ländlich-großväterlich mit Hilfe von zeitlich-räumlichen Kategorien, aktuell-neurotisch durch absolute transzendente Schwerpunktsbildungen, Fesselungen, Drehpunktskonstituierungen – nur so schafft er etwas jenseits von Relationen und Ambivalenz. Diese Technik selbst ist das Problem und man soll sie ruhig bemerken.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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