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Bernhard Schlink und die literarische Wahrheit über die Vergangenheit

Der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink hat zwar auch andere Themen drauf, aber in seinen Heidelberger Poetikvorlesungen beschäftigte er sich noch einmal mit dem Schreiben über die Vergangenheit und damit mit jenem Thema, das ihn mit dem Vorleser berühmt machte. Ich kenne ehrlich gesagt keinen zweiten Roman, der mit dem Dritten Reich so angemessen wie dieser umgeht. In der Niederschrift seiner Vorlesungen wird nun deutlich, wie Schlink seine literarischen Wahrheiten destilliert.

Das Ziel seines Schreibens sei es, die Menschen in ihrer Vielfältigkeit ernst zu nehmen:

Mir ist dieser Punkt so wichtig, weil meine Generation wieder und wieder erlebte, dass jemand, den wir respektiert und gemocht hatten, an den Furchtbarkeiten des Dritten Reichs beteiligt war.

Schlink läßt den moralischen Zeigefinger stecken und ignoriert die Sucht nach Repräsentativität und einer allgemein verbindlichen Belehrung:

Vielleicht kommt die Forderung, Fiktionalisierungen müssten repräsentativ sein und typische Personen und typische Situationen darstellen, auch weniger aus der Sorge um die Wahrheit als aus dem Bedürfnis, ein bestimmtes Bild der Ereignisse zu bewahren und zu schützen. (…) Es ist das Bedürfnis, aus dem wir Mythen und Märchen erzählen.

Diesen Kategorien muß sich der Literat entziehen, wenn er etwas Bleibendes hinterlassen will. Das gilt auch für die »heißen Eisen«. Schlink begründet es sogar am heißesten Eisen, dem Holocaust. Der Massenmord an den Juden Europas könne in der literarischen Fiktion völlig anders verarbeitet werden, als er historisch stattgefunden habe. Es müsse sogar möglich sein, die Juden als Täter und die Deutschen als Opfer zu präsentieren, solange deutlich wird, daß die Fiktion etwas Atypisches als Teil einer umfassenderen Wahrheit ins Auge faßt. Man schütze »die Wahrheit nicht, wenn man die Darstellung auf das Typische beschränkt«.

Ich weiß nicht genau, was es mit dieser Wahrheit auf sich hat, wie ich sie definieren, verifizieren und falsifizieren soll. Ich erlebe sie als ein Gefühl, das sich einstellt, wenn eine Geschichte, über die ich nachgedacht habe, mit der ich gespielt habe, über die ich noch ein bisschen mehr nachgedacht und mit der ich noch ein bisschen mehr gespielt habe, schließlich bereit ist, geschrieben zu werden. (…) Das Gefühl hat nichts damit zu tun, dass etwas Autobiographisches oder eine andere wahre Tatsache in der Geschichte steckt, die ich erzählen will. Es hat nichts mit der Botschaft zu tun, die ich mitteilen wollte und von der ich dächte, endlich könnte ich sie erfolgreich mitteilen, und nichts mit einer anderen Absicht. Es ist das absichtslose Gefühl: Jetzt stimmt die Geschichte, jetzt kann ich sie erzählen. Es fühlt sich an, als hätte ich die Wahrheit gefunden.

Nun ist klar, daß man sich damit gerade bei Geschichten, die im Dritten Reich spielen, wenig Freunde macht. Erstaunlich ist jedoch, welche Generationen sich empörten. Die von der »Kultur der Denunziatorischen« geprägten Kinder und Enkel würden sich über sein Schreiben über die Vergangenheit entrüsten. Die Zeitzeugen dagegen brächten Verständnis auf. Sie verstehen, »dass Menschen keine Monster sein müssen, um montröse Taten zu begehen«. Die Literatur ist genau der richtige Ort, solche Wahrheiten auszusprechen und zu illustrieren.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

1 Kommentar zu “Bernhard Schlink und die literarische Wahrheit über die Vergangenheit

  1. Nils Wegner

    Sehr richtig.

    Nicht zuletzt deshalb hat mir Littells »Die Wohlgesinnten« gut gefallen. Es ist zwar sehr langatmig, deutet aber in ein paar Szenen sehr feinsinnig und gleichsam aufschreckend an, warum Menschen letztlich zu allem bereit sind, auch zu den größten Bestialitäten – weil sie im festen Glauben agieren, das Richtige zu tun.

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