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Botho Strauß und die Aufklärung

In meinem Zweiteiler über Peter Sloterdijk geht es wesentlich um die Frage, welche Aufgabe Intellektuelle heute haben. In den letzten Wochen und Monaten haben sich dabei zwei Lager herauskristallisiert: diejenigen, die auf eine neue Aufklärung setzen, und diejenigen, die sich irgendetwas von kollektiven Empörungen versprechen. Botho Strauß überrascht dabei mit einem Selbstbekenntnis zur ersten Gruppe. In der FAZ vom 23. August 2011 schreibt er unter der Überschrift »Klärt uns endlich auf!« über die verlorengegangene Vernunft:

Zwar werden alle unentwegt, unterstützt von grafischen Modellen, über die „Mechanismen“ des Geschehens (was funktioniert eigentlich noch mechanisch im IT-Imperium?) aufgeklärt – aber worüber sind wir nicht schon bis über den Rand unseres Verstands aufgeklärt, ohne dass es uns anhaltend beschäftigte? Wichtiger als aufklären wäre in diesem Fall vielleicht ein instruierendes Werben für die Materie selbst, die heute genau wie zu bürgerlich pietistischen Zeiten als anrüchig gilt, vielleicht nicht mehr aus Gründen asketischer Scham, sondern eher aus saturierter Verachtung. Die kurzfristigen, die Ad-hoc-Erläuterungen komplexer Marktvorgänge in den TV-Nachrichten treffen weitgehend auf ein volkswirtschaftlich unvorbereitetes Publikum.

Strauß, so viel sei korrigierend gesagt, geht es also mehr um eine Bekämpfung der Unbildung als eine klassische Aufklärung. Seine Kritik zielt auf die antikapitalistischen Affekte im Zuge der Euro-Krise und die verkauften Alternativlosigkeiten in der Energiepolitik. An einigen Ecken und Enden des Essays schimmert dabei die Ursache von »Tina« (There ist no alternative!) durch: In der auf schnellen und einfach zu vermittelnden Output angelegten Medienwelt des Fernsehens und Internets ist keine Zeit mehr, um verschiedene Standpunkte und Optionen abzuwägen. Unübertroffen hat diesen Wandel Marshall McLuhan vorausgesehen. Diese Schnellebigkeit überträgt sich leider auch immer mehr auf die Rückzugsorte der Vernünftigen. Gemeint sind damit die Wissenschaft, die Zeitung und der klassische Buchverlag.

20 Jahre nach seinem »Aufstand gegen die sekundäre Welt« muß man Strauß vorwerfen, daß er damals übers Ziel hinausgeschossen ist. Er schrieb:

Die unergründliche Schrift bedarf der tagtäglichen Glossierung. Diese aber schützt das Wort, umwebt die Wahrheit mit Antwort. Das war ihr Text. Der uns beherrschende Text, die tagtägliche Zeitung, entlarvt indessen überall das scheinhafte Wort, er macht das Gewebe der Welt fadenscheinig.

Der Dramaturg und Schriftsteller wird damit wohl für die Nachwelt als Beweis herhalten müssen, daß die von ihm am Journalismus kritisierte »Mentalität des Sekundären« eine immer wiederkehrende Konstante der Intellektuellen ist. Schon Platon wetterte gegen die Schrift, weil damit das Gedächtnis geschwächt worden sei.

Morgen mehr: Ulrich Beck und die Empörung der Europäer

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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