Gesichtet

China ist kein Vorbild für die deutsche Rechte

Als vor einigen Jahren die „Identitäre Bewegung“ auftauchte, beäugte ich dieses Phänomen aus der Distanz eines Nichtbeteiligten zunächst wohlwollend, aber auch kritisch. Es dauerte nicht lange, bis bei dem Versuch als ganz besonders neue Rechte den Allheilsweg zu präsentieren, weltanschaulich die Pferde davon galoppierten: Nennenswerte Teile der Bewegung wandelten auf den Spuren des Eurasismus und spielten – hoffentlich wenigstens unbewusst – russischen Destabilisierungsstrategien in Europa in die Hände.

Ihr Idol Alexander Dugin hatte das Ziel, Europa über „Soft Power“ – also mit den Strategien, die schon die UdSSR mit ihren fünften Kolonnen verfolgte – de facto zu erobern, in einem heute lediglich auf Russisch verfügbaren Video auch ganz offen zugegeben. In einem heute leider nicht mehr online verfügbaren Artikel aus dem Jahr 2013 auf der alten Seite der „Blauen Narzisse“ griff ich die IB scharf an und kritisierte überdies auch ihre pauschale, letztlich kulturrelativistische „Universalismus-Kritik“.

Damals entdeckten einige Vordenker, dass „der Universalismus“, also letztlich die feste Überzeugung von der weltweiten, generellen Gültigkeit oder Richtigkeit einer Idee oder einer Wertvorstellung das größte Problem der Welt sei. Glücklicherweise spielen diese Ideen heute in der deutschen Rechten keine zentrale Rolle mehr, auch wenn sie in nicht zu unterschätzenden Nischen noch immer bespielt werden.

Das chinesische Jahrhundert

Nachdem man in der Vergangenheit also die genuin rechte Idee von der souveränen und neutralen Friedensmacht in der Mitte Europas, die nur ihren eigenen Interessen verpflichtet ist, ad acta legen und das Heil im Vasallentum unter russischer Vorherrschaft (verbrämt unter dem lächerlichen Konzept einer gleichberechtigten eurasischen Partnerschaft) suchen wollte, scheint neuerdings mit Lobeshymnen auf China alter Wein in neue Schläuche gefüllt zu werden.

Immerhin: Der Tonfall ist diesmal wenigstens etwas abwägender und weniger verabsolutierend. Die Grundgedanken und Muster sind jedoch leider wieder dieselben: Zwar will man sich dieses Mal nicht Russland – ein Land, das ich persönlich übrigens aus vielerlei Gründen sehr schätze – um den Hals werfen, dafür aber (ausgerechnet!) China. Dem zugrunde liegt die zumindest nicht unrealistische Annahme, dass das 21. Jahrhundert ein chinesisches werden könnte.

China werde – so die Vorstellung – den Platz der innerlich völlig zerstörten USA einnehmen und somit aus einer heute schon bestehenden oder sich jedenfalls abzeichnenden multipolaren Weltordnung möglicherweise wieder eine mehr oder minder monopolare machen.

„Hauptsache keine Menschenrechte“

Manchen Rechten scheint die Clownwelt-Tristesse derart auf das Gemüt zu schlagen, dass sie nun ausgerechnet im auf Kapitalismus-Crack zuckenden digitaldiktatorischen Mao-Knast in Fernost eine Art Heilmittel sehen: Hauptsache „ein Feuerwerk an Irritationen für Menschen liberaler, transatlantischer und menschenrechtsuniversalistischer Provenienz“ – wie Benedikt Kaiser es in einem Artikel ausdrückt – könne gezündet werden.

Aber der Reihe nach: Eines der ersten Lebenszeichen der schon länger vorhandenen Chinaphilie war mit Sicherheit Martin Sellners Sezession-Rezension des Buches „Alles unter dem Himmel“ von Zhao Tingyang, eines Professors am Institut für Philosophie bei der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften – also eine Art Alexander Dugin mit Schlitzaugen, um es mal politisch unkorrekt auszudrücken.

Maoistischer Sozialwissenschaftler soll rechte Denkanstöße liefern

Dessen voll auf Mao-Systemlinie befindliches Werk stellt Sellner dann unter dem gewagten Titel Great Reset“ von rechts? – Zhao Tingyangs „Tianxia“ vor. Im ersten Teil des Artikels analysiert Sellner, dass die moderne Rechte den Klimawandel und Corona (mithin linke Katastrophenszenarien) schon aus ideologischer Notwendigkeit leugnen würde, da man andernfalls Linken eine Legitimation für Planwirtschaft und Freiheitseinschränkungen geben müsse.

Neu in der Erzählung von den Liberalen und Universalisten sind diesmal auch die Evangelikalen als böse Buben dabei – immerhin konsequent, denn wer jedem Universalismus den Kampf ansagt, kann letztlich nur an nichts und schon gar nicht an den einen Schöpfergott glauben. Inhaltlich kann Sellner hier nur bedingt überzeugen, denn tatsächlich sind die wenigsten Rechten so liberal bis libertär, dass sie auf nationaler Ebene mit berechtigten Grundrechtseingriffen in echten Krisensituationen ein Problem haben und sowohl auf pandemische Lagen als auch auf den Klimawandel gibt es liberale und rechte Antworten, die über bloßes Abstreiten weit hinausreichen.

Rechts sein bedeutet, die Limitierung menschengemachter Ideologien zu erkennen

Anschließend wird dann der Bogen nach China geschlagen, denn was Sellner als rechten „Great Reset“ vorschwebt, ist letztlich eine philosophisch-politische Ideologie, eine Weltanschauung. Diesbezüglich herrsche im rechten Lager bis auf ein Werk – wie könnte es anders sein – des Nationalbolschewisten Dugin „gähnende Leere“.

Warum wohl, könnte man einwerfen – vielleicht, weil das Entwickeln von Ideologien, das Verkaufen von ihnen als Allheilmittel und das anschließende An-die-Wand-Fahren von Nationen eigentlich typisch links ist. Rechts war und ist hingegen meist das Schaffen, Bewahren und Rekonstruieren von Werten, Traditionen und Institutionen und das – mit diesem Unterbau fundierte – realpolitische Fahren auf Sicht. Die einzige mir bekannte rechte Ausnahme hiervon ist der Nationalsozialismus, der mit linker Methodik und rechter Gründlichkeit das An-die-Wand-Fahren einer Nation letztlich geradezu perfektionierte.

Krieg gegen das Individuum

„Neue Denkanstöße“ für einen rechten „Great Reset“ – so schließt Sellner den Kreis – könnten wenn schon nicht mehr vom langsam aus der Mode geratenen Rauschebart Dugin nun also vom besagten Autor aus der Kaderschmiede der kommunistischen Partei Chinas, der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, kommen. Als „unglaubliche starke Stellen“ will Sellner ausgemacht haben, dass der China-Marxist dem bewährten europäischen Dreiklang aus „Individuum – Gemeinschaft – Nationalstaat“ die chinesische Struktur von „Sippe – Staat – Tianxia“ entgegenstellt.

Das Individuum sei hingegen „keine politische Entität“, frohlockt Sellner, der offenbar nicht realisieren kann, dass ihm bei einer derart oppositionellen Haltung, wie er sie in Europa einnimmt, in China gerade deshalb nicht nur das zehnte Bankkonto gekündigt würde, sondern er zum Wohl von „Sippe und Staat“ wahrscheinlich zusammen mit eingepferchten nationalen Minderheiten in einem Konzentrationslager des maoistischen Völkerknastes morgens die chinesische Nationalhymne mit dem Orwell’schen Titel „Marsch der Freiwilligen“ intonieren dürfte.

Das heutige China ist „Stalin mit Internet“

Nochmal im Klartext: Das neo-maoistische China der Neuzeit verbindet völlig ungezügelte kapitalistische Raffgier, Wohlstand weniger auf Kosten des wie wertlose Arbeitsdrohnen vor sich hin vegetierenden Arbeiter- und Bauernstandes mit einer völlig enthemmten, restriktiven und omnipräsenten etatistischen Gesellschaftspolitik nach dem Motto „Stalin mit Internet“. Der Vielvölkerstaat unterdrückt ethnische und religiöse Minderheiten mit radikaler Brutalität und beraubt sie ihrer Sitten, Kulturen und ihres Selbstbestimmungsrechtes – so viel zum sonst beschworenen Ethnopluralismus.

Die traditionelle Familie wird zerschlagen, Kinderkriegen wird und wurde streng reglementiert, es gibt jährlich über zehn Millionen Abtreibungen bis kurz vor der Geburt und mit dem nun eingeführten Sozialkredit-System, bei dem Menschen öffentlich bepunktet werden, wird die Diktatur auch noch digitalisiert. Es gibt nichts – absolut nichts – was ein europäischer Rechter von diesem Völkerknast und seiner „Akademie der Sozialwissenschaften“ lernen kann.

Nationalfahnen, Paraden und Patriotismus gibt es in fast jedem anderen nicht-westlichen Land – es gibt keinerlei Grund, sich ausgerechnet eines der abstoßendsten Beispiele zum Vorbild zu nehmen. De facto gleicht das moderne China eigentlich schon ziemlich der globalistischen Utopie, die auch auf uns im Westen zuzukommen droht – bloß, dass es hier dann noch 79 Geschlechter, Quoten und einen negativen Patriotismus in Gestalt eines historisierten Ablasshandels geben wird.

(Bild: Mao)


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