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Cioran: Geheilt vom Hoffnungswahn

Es gibt viel zu tun für uns im Jahr 2012. Zum Beispiel endlich mal ein Autorenportrait über den rumänischen Aphoristiker Emil M. Cioran vorzulegen. Als ich eben geschaut habe, ob wir in letzter Zeit schon einmal irgendetwas zu ihm gebracht haben, war ich echt überrascht, daß wir ihn noch nie auch nur erwähnt haben. Deshalb muß ich das jetzt nachholen – mit der dringenden Bitte, daß sich freiwillige Autoren für ein Portrait melden!

Am einprägsamsten war für mich dieser Satz von Cioran:

Man ist und bleibt so lange ein Sklave, bis man vom Hoffnungswahn geheilt ist.

Genauso wie Dávila gehört Cioran zu den Autoren, deren Aphorismen wie in Stein gemeißelt wirken und die wir deshalb eigentlich mindestens einmal im Monat zitieren müßten. Einen habe ich noch:

Es gibt keine andere Welt. Es gibt nicht einmal diese Welt. Was gibt es dann? Das innere Lächeln, das die offenkundige Inexistenz der einen und der anderen in uns hervorruft.

Cioran raunt einem die Wahrheiten zu, die man eigentlich nicht hören möchte. Sehr deutlich wird dies an seinen Aussagen zu untergehenden Völkern. Dies sind Gedanken, die wir gerade als Deutsche und Europäer stets im Hinterkopf haben sollten, wenn wir über unsere Stellung in der Welt sinnieren.

Diese Gedanken helfen dabei, pathetischen Nationalstolz abzulegen. Diesen Stammtisch-Patriotismus, das Gerede von der Wiedergeburt des deutschen Volkes und der Ankündigung großer Taten, die doch jetzt bald folgen sollen und dann doch aus irgendwelchen Gründen nicht folgen.

Wer Cioran gelesen hat, kann vielleicht auch das eigene Scheitern besser verkraften, weil ein Niedergang eben manchmal unabwendbar ist. Es kommt in solchen Phasen dann darauf an, die kleinen Dinge richtig zu machen, selbst auf verlorenem Posten die richtigen Fragen zu stellen und zumindest ein Zeichen zu setzen.

Cioran kann das alles besser ausdrücken. Ich zitiere aus dem Text »Die zwei Wahrheiten«:

Ein Volk, das sich vervollkommnet hat, das seine Talente verausgabt und die Vorräte seines Genius völlig ausgebeutet hat, büßt diesen Erfolg, indem es danach nichts mehr hervorbringt. Es hat seine Pflicht erfüllt, es trachtet danach, zu vegetieren, aber zu seinem Unglück wird es die Freiheit hierzu nicht haben. (…)

Sobald ein Volk die geschichtliche Idee, die zu verkörpern es beauftragt war, glücklich ausgeführt hat, hat es kein Motiv mehr, inmitten eines Chaos von Gesichtern seine Unterschiedlichkeit zu behaupten, seine Eigentümlichkeit zu pflegen, seine Züge zu bewahren. (…)

Die Rolle der Untergangsperioden besteht darin, eine Zivilisation unverhüllt zu zeigen, sie bloßzustellen, sie um ihr Ansehen und die mit ihren Verwirklichungen verbundene Arroganz zu berauben. Sie wird so unterscheiden können, was sie wert war und was sie wert ist, was es an ihren Anstrengungen und Krämpfen an Illusorischem gab.

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1 Kommentar zu “Cioran: Geheilt vom Hoffnungswahn

  1. Enkel des HJ-Wolf

    »Ein Gedanke muß befremdlich sein wie die Ruine eines Lächelns.«

    E. M. Cioran: »Gedankendämmerung«. Übersetzt von Ferdinand Leopold. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995, S. 235.

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