Gesichtet

Corona und die Pawlowschen Hunde

Der 1904 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnete Russe Iwan Petrowitsch Pawlow ist heute vor allem wegen seiner mit Hunden durchgeführten Versuche zur Verhaltensforschung bekannt.

Der sprichwörtliche Pawlowsche Hund kreuzt heute noch gelegentlich unsere Wege. Den Hunden Pawlows wurde vor der Verabreichung von Futter eine Glocke geläutet. Nach einiger Zeit assoziierten die Hunde das Läuten der Glocke mit der in Kürze bevorstehenden Fütterung. Pawlow gelang es also, ein an sich bedeutungsloses Geräusch in ein Signal von äußerster Wichtigkeit für den einzelnen Hund zu verwandeln.

Antrainierte Reflexe

Dieser verhielt sich beim Klingen der Glocke fortan stets so, als würde er in absehbarer Zeit Futter bekommen – auch wenn nur die Glocke ertönte und es gar kein Futter gab. Die Reaktion auf den Glockenton wurde so zum antrainierten Reflex. Die Hunde waren schließlich nicht mehr in der Lage, sich diesen Reflex wieder abzugewöhnen, obwohl sie mehrfach mit der Situation konfrontiert wurden, dass es nach dem Glockenton kein Futter gab. Diese Verhaltensweise nannte Pawlow Konditionierung.

Der Pawlowsche Hund machte aber auch als metaphorischer Ausdruck Karriere. Reagiert ein Mensch oder eine menschliche Gruppe aufgrund von verkrusteten Denkstrukturen auf eine vorhersehbare Art und Weise, so spricht man davon, dass diese dem Pawlowschen Reflex unterliegen.

Dabei ist kein abwertender Vergleich mit einer Tierart gemeint, sondern lediglich das reflexhafte Reaktionsmuster. Habe ich beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass mich eine Person oft mit falschen Informationen versorgt hat, so ist es nur logisch, dass ich, wenn mich die besagte Person glauben lassen will, A sei die richtige Antwort, ich B für richtig halte. Das gilt selbst dann, wenn A tatsächlich richtig gewesen wäre.

Der Pawlowsche Reflex in der Politik

In einer Zeit, in der selbst das ungebildetste Individuum der Meinung ist, sein Geist sei an keinerlei Schranken gebunden, hört man es nicht gerne, dass auch die Politik in ihren großen und kleinen Bahnen den Gesetzen des Pawlowschen Reflexes unterliegt. Das kann bisweilen sogar besonders stark ausgeprägt sein.

Sehr gut zu beobachten ist das im Zuge der gegenwärtigen Corona-Krise. Während der „Tag der Freiheit“ am 1. August 2020 in Berlin als bisher größter Protestmarsch gegen die Einschränkungen hinsichtlich des Gesundheitsschutzes von fast allen etablierten Parteien und Medien scharf kritisiert wurde, erfuhren andere Massenproteste in der Welt von gleicher Seite mindestens wohlwollende Neutralität, wenn nicht gar offene Unterstützung. Das Verhalten der Demonstranten in Berlin wurde aber als gefährlich, egoistisch und nicht hinnehmbar kritisiert.

Machte Corona einen Bogen um die USA und Weißrussland?

Nach ähnlich gefärbter Kritik an den Black-Lives-Matter-Protesten in den USA sucht man vergeblich. Auch bei den Massenprotesten vor und nach der Präsidentschaftswahl in Weißrussland wird man lange nach Kritik im etablierten Blätterwald suchen, obgleich auf den zahlreichen Bildern und Videoaufnahmen aus „Europas letzter Diktatur“ selten Menschen mit Mund-Nasen-Schutz zu sehen sind.

Auch bei den Kreml-kritischen Protesten in Chabarowsk waren selten Menschen zu sehen, die den von Gesundheitsexperten empfohlenen Mindestabstand von anderthalb Metern einhielten. Gleiches gilt für die Anti-Korruptionsproteste in Bulgarien. Wurde den Demonstranten in Weißrussland, Chabarowsk und Bulgarien vonseiten etablierter Politiker und Medien im großen Stil Verantwortungslosigkeit vorgeworfen? Nein!

Und warum nicht? Weil der bundesrepublikanisch sozialisierte Durchschnittsbürger gelernt hat, dass es Proteste für Frieden, Gleichheit und Demokratie stets zu unterstützen gilt – egal, wo und unter welchen Umständen. Und regierungskritische Proteste im eigenen Land sind gemäß derselben Denkschule immer von einem Hauch Unanständigkeit umweht.

Es sei denn, der Protest setzt sich gemäß der linksliberalen Doktrin für noch mehr Gleichheit und Demokratie ein. Um den Gesundheitsschutz geht es in diesem Zusammenhang also gar nicht. Ganz so, als würde nicht gerade eine Pandemie grassieren, folgen etablierte Politiker und Medien in puncto Einordnung von Massenprotesten ihren gewohnten Denkmustern.

Pawlowscher Reflex auch auf der rechten Seite

Doch was hat es mit den Protesten gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie auf sich? Und warum erfährt diese Protestbewegung eine so große Unterstützung vonseiten vieler Medien und Politiker rechts der Mitte?

Zunächst gilt es festzuhalten, dass sich diese Protestbewegung nicht auf die Mehrheit, noch nicht einmal auf einen Großteil der Bevölkerung stützen kann. So ergab eine Forsa-Umfrage in der zweiten Augustwoche, dass satte 91 Prozent des Volkes kein Verständnis für die Anti-Corona-Proteste haben. Es ist also weder die vielzitierte Mitte der Gesellschaft noch die in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratene untere Bevölkerungsschicht, die gegen die angebliche Corona-Diktatur protestiert.

Das Organisationsnetzwerk dieser Proteste ist durchzogen von – es gibt an dieser Stelle keinen besseren Ausdruck – Verschwörungstheoretikern und Berufsdemonstranten. Alles in allem also eine zu vernachlässigende Randerscheinung, eine Ansammlung kurioser Gestalten. Nichts, womit man sich in die Herzen der normalen Bevölkerung katapultieren könnte. Und dennoch konnte und kann man eine massive Unterstützung ebenjener Bewegung durch einen nicht geringen Teil des rechten Lagers beobachten. Warum?

Corona ist keine normale Grippe

Zumal ohnehin ein sehr kreativer Umgang mit offiziellen Statistiken vonnöten ist, um das Coronavirus als normale Grippe zu betrachten. So meldet die Johns-Hopkins-Universität, Stand 15. August, für Deutschland eine Fallsterblichkeitsrate von 4,1 Prozent, für Belgien von 12,9 Prozent und für Großbritannien gar von 14,8 Prozent. Selbst wenn man nun einwenden mag, dass die Dunkelziffer aller Corona-Infizierten sehr hoch ist und dass dadurch die Sterblichkeitsrate gesenkt wird, so mag das zwar im Hinblick auf die Rate der Sterblichkeit zutreffen, ein normales Grippevirus würde das Coronavirus hierdurch aber noch lange nicht.

Liegt doch die Sterblichkeitsrate bei einer normalen Grippe bei 0,1 bis 0,2 Prozent. Eine normale Grippe sorgt auch nicht für eine Beinahe-Überlastung des deutschen Gesundheitssystems, wie dies Corona in diesem Frühjahr tat. Auch durch Zahlenspielerei und übermäßige Hervorhebung der wenigen Gesundheitsexperten, die das Coronavirus für harmlos halten, ändert man nichts an den genannten Befunden.

Es stellt sich also die Frage, warum die Anti-Corona-Proteste bei vielen rechten Medien und Politikern auf so viel Sympathie stoßen? Während der Flüchtlingskrise 2015 wurde vielfach die Erfahrung gemacht, dass auf Informationen seitens etablierter Medien und Politiker kaum oder wenig Verlass ist. Dieses Trauma, das sich kurzzeitig in der Parole „Lügenpresse“ Luft verschaffte, wirkt bis heute nach.

Seitdem gilt: Sagt die Regierung und ihr Medienkomplex A, müssen wir B sagen. Ein typischer Pawlowscher Reflex. Die Realität kann da sein, wie sie will: der einmal antrainierte Reflex, immer gegen das zu sein, was „die da oben“ sagen und machen, ist stärker.

Nachteile der Globalisierung und Solidarität

Diese weitverbreiteten verkrusteten Denkmuster sind besorgniserregend. Rauben sie doch der politischen Rechten ihren freien Handlungsspielraum. Was wäre die aktuelle Lage für eine Chance für rechte Gesellschafts- und Wirtschaftskritik? Wie gut könnte man jetzt die Nachteile der Globalisierung hervorheben. Wie gut könnte man jetzt demonstrieren, dass eine solidarische Gesellschaft ein Mindestmaß an ethnischer Homogenität benötigt, wenn sie funktionieren soll.

Wie gut könnte man jetzt die sogenannte Ellbogengesellschaft kritisieren, die in den Wochenendnächten in den deutschen Innenstädten ihre Unfähigkeit zur Solidarität demonstriert. Und wie gut könnte man daran erinnern, dass das Allgemeinwohl auch manchmal Opfer verlangt, und sei es nur das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und die Distanzwahrung von anderthalb Metern.

(Bild: Einer von Pawlows Hunden, Rklawton, Wikipedia, CC BY-SA 3.0)


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