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Das Aussterben der Gelehrten

Wir haben schon lange nichts mehr über die Bedingungen an unseren Universitäten gebracht. Das hat einen einfachen Grund: Über die Jahre haben wir das Wesentliche zur Bildungsmisere zusammengetragen. Es geht beständig bergab. Was soll man da groß berichten?

Noch einmal zusammengefaßt: Es gibt zu viele Studenten. Besser wäre es, wenn diejenigen, die an Wissenschaft sowieso nicht interessiert sind, eine anständige Berufsausbildung machen.

Die Massen-Uni kann nur funktionieren, wenn das Niveau immer weiter herabgesetzt wird. Der Qualitätsverlust fängt freilich schon früher im Gymnasium an. In der Uni ist er aber besonders sichtbar – und zwar speziell in den Geisteswissenschaften und Massenstudiengängen (z.B. BWL, Jura, …): Eine echte Seminaratmosphäre, in der nach gründlicher Lektüre kontrovers im kleinen Kreis debattiert wird, kommt fast nie zustande.

Die Umstellung auf das Bachelor-/Mastersystem hat diese Misere noch verschärft. Die Universitäten sind damit endgültig zum Dienstleister mutiert, der in Bürokratie und Management-Aufgaben erstickt.

Klaus P. Hansen sieht das auch so und durfte seine Sicht der Dinge im UniSPIEGEL erläutern. Er schreibt in seinem Essay insbesondere über das Aussterben der Gelehrten:

Gelehrte zeichnen sich durch immenses Wissen aus. Sie überblicken ihr Fach in seiner Gänze, und auf diesem Fundament schaffen sie sich Bereiche herausragender Expertise. Dort kennen sie jedes Detail sowohl der Quellen als auch der Sekundärliteratur. Ihre Tätigkeit ist oft einsam und besteht im bloßen Lesen von Büchern und Aufsätzen. Von Lärm und Störung abgeschirmt, sitzen sie in Archiven, Bibliotheken oder in stickigen, mit Papieren jeder Form vollgestopften Studierstuben. Heute wird so etwas nicht mehr wertgeschätzt. Für Gelehrte wird die Uni zur feindlichen Umgebung.

 

Das Aussterben der Gelehrten ist das Resultat eines kulturellen Wandels: Stundenlang, in völliger Einsamkeit, Buch für Buch zu lesen, passt nicht mehr in unsere Zeit, die vom Wettbewerb dominiert ist und in der es um schnellen Austausch und das richtige Netzwerken geht. Die Universität, der bisherige Hort des Wissens, sieht die Wissensgewinnung als nicht mehr zeitgemäß an.

Hansen kommt schließlich zu dem Fazit:

Kurzum, wir leben in einer Zeit, die von den Bedingungen her Gelehrtheit und vielleicht auch Genialität eher verhindert. Wenn der Professor die Rolle des Managers spielt und der Nachwuchswissenschaftler als Zeitarbeiter vegetiert, dann können nur noch Buchbesprechungen gesichtet werden, was ja zum Mitreden reicht. Bücher ganz zu lesen, bloß herumzuschmökern, was ja oft zu neuen Ideen führt, sind aussterbende Beschäftigungen. Man kann nur noch hoffen, dass der Geist auch weiterhin weht, wo er will, und selbst in der gelehrtenfeindlichen Umgebung moderner Hochschulen noch ab und zu Gelehrte auftauchen – und vielleicht sogar Genies.

Hier geht es zu dem kompletten Beitrag!

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

12 Kommentare zu “Das Aussterben der Gelehrten

  1. Einspruch. Keine Ahnung, was der Autor studiert (hat), er ist jedenfalls kein Jurist. Denn wer Jurastudent ist, wird sich von dem bejammerten Herabsinken der Standards kaum angesprochen fühlen, im Gegenteil: Es wird eher immer schwerer, weil wie selbstverständlich der Wissensstand von vor 10, 20, 30 Jahren nebst Rechtsprechung und Lehre bis itzo verlangt wird.

    Seminare gibt es genügend, BA/MA hingegen nicht. Nie musste ich soviel diskutieren, logisch denken, mein Hirn anstrengen wie in juristischen Vorlesungen, Arbeitsgemeinschaften und Tutorien. Es ist alles eine nie enden wollende Exegese, die sich vom Niveau beliebig steigern lässt – und auch gesteigert wird. Durchfallquoten von bis zu 50 % belegen das. Kuschelnoten in Jura? – Ein schlechter Witz. Die im Artikel zurecht beklagte »Atomisierung« des Wissensstoffes in unsäglichen Fächern wie »Diplomkulturwissenschaften« findet ebenfalls nicht statt, vielmehr fügt sich (im Idealfall) mit den Jahren kurz vorm entscheidenden Examen alles in einem organisch gewachsenem Wissensgebäude zusammen.

    Das alles hätte man problemlos erfahren, hätte man kurz einen Kumpel gefragt, der Jura studiert. Deswegen ist der Beitrag oberflächlich – was insofern wieder zum Thema passt.

    Mag sein, dass das hier Erbsenzählerei ist. Aber die läppische Disqualifizierung eines ganzen Studienfaches in einem Nebensatz – zumal noch ohne wirklich Ahnung zu haben – finde ich zum Kotzen.

  2. Felix Menzel

    @ oj

    die aussage über jura habe ich auf basis von erfahrungsberichten einiger unserer autoren getroffen. im kern sagen sie: bei jura bleibt das eigentliche nachdenken auf der strecke, eben weil es zu allem 200 aufsätze gibt, die man drehen und wenden kann, wie man will.

    da mag es schwierig sein, die prüfungen zu bestehen. mit wissenschaft hat das aber nichts zu tun.

    im übrigen ist es bei bwl nicht anders: hier gibt es auch durchfallquoten von bis zu 80 % – eben weil es nur auf auswendig gelerntes wissen ankommt und nicht auf das denken an sich.

    einschränkend möchte ich aber eingestehen: natürlich variieren die zustände von uni zu uni.

  3. Marco Reese

    Es ist wohl in der Tat ein Unterschied, ob ein Studiengang lediglich schwierig ist, dabei allerdings, wie schon gesagt, hauptsächlich auswendig zu lernende Inhalte vermittelt – und weiterhin aber vornehmlich zur quasitechnischen Wissensanwendung erzieht, oder ob er auch in die höheren Zusammenhänge Einblick gewährt und die Wahrheitsfrage aufscheinen läßt und vielleicht ein wenig die Schönheit der Schöpfung zeigt und ethisch erziehen kann.

    Ist das bei Jura so?

    Ohne Auswendiglernen geht es freilich nicht. Aber ein Altphilologe ist beispielsweise mehr als ein Sprachtechniker. Sollte jedenfalls so sein.
    Und ein Jurist sollte mehr sein als jemand, der ohne Frage nach den Grundlagen des Rechts Paragraphen wendet, um das Beste herauszuholen. Als Rechtstechniker.

  4. Das verstehe ich nicht. Das Nachdenken bleibt also auf der Strecke, weil es zuviele divergierende Ansichten (meist sind es i. Ü. dero zwei oder drei, die in den »200 Aufsätzen« ausführlichst gestützt werden – mit Argumenten, die sich, sofern sie juristische Geltung beanspruchen wollen, aus dem Gesetz ergeben müssen) gibt? Das ist doch grade das »Futter«, das man braucht, um überhaupt da oben mal was anzuschmeißen. Bei einer ganz herrschenden Lehrmeinung, die mir als einzig richtige Wahrheit eingetrichtert wird, passiert das bei mir hingegen nicht. Dann wird eben nur auswendig gelernt und gut.

    Überhaupt zum »Auswendiglernen«: Wird Juristen ja auch gerne vorgeworfen, stimmt aber auch nicht. Juristen lösen ihr ganzes Studium bis zum Ende hin »Fälle«, also Textaufgaben. Mal versucht, in Mathematik eine Textaufgabe mit auswendig gelernten Formeln zu lösen, ohne zu wissen, wie man die anwendet? Eben.

    Das Schwierige an Jura ist deswegen nicht (nur) die Menge des Stoffes, die man in der Tat schlicht »lernen« muss, sondern juristische Probleme in 3-4 Seiten Text zu erkennen und zu lösen – auf durchaus wissenschaftlichem Niveau. Pures Büffeln ohne Hinterfragen, Verstehen, Nachvollziehen führt da nicht zum Ziel. Schon eher gelingt das, wenn man zur Wertung dessen, was hinter dem »raschelnden Paragrafenwerk« (v. Salomon) steht, vordringt. Das sind genau die »höheren Zusamenhänge«, von denen hier geredet wurde.

    Dass dieser Anspruch in einem Massenstudienfach nicht alle erreicht, ist klar. Aber das sind dann auch die, die von Spitzennoten nur träumen dürfen.

  5. Felix Menzel

    @ oj

    gerade das ist aber doch das frustrierende: ich verstehe dein veto aus deiner sicht ja durchaus. und eins ist ja auch klar, was hansen und ich niemals bestreiten würden: jeder kann mit einer guten einstellung eigenständig sehr weit vordringen.

    aber schau dich doch mal im hörsaal um. kann man da noch von einem elitären anspruch sprechen, den eine universität haben muß? ich glaube, daß muß man auch im hinblick auf jura bestreiten.

    ich für meinen teil kann nur eins sagen: nachgedacht habe ich in den wenigen drei, vier seminaren während der fünf jahre, in denen nicht mehr als sechs, sieben leute saßen.

    bei den massenveranstaltungen, z.b. in bwl, kam es nur, wie marco so schön sagt, auf die technik an.

  6. Dass das Niveau des »human capitals« sinkt, wenn mehr davon in die Hörsäle strömt, ist eine Binsenweisheit. Beklagt wurde aber doch grade – so hab ich das verstanden – dass damit auch ein Qualitätsverlust einhergeht. Grade das kann ich für Jura eben nicht unterschreiben.

  7. * Qualitätsverlust in dem Sinne, dass die Anforderungen heruntergesetzt werden…

  8. @ OJ

    Das ist nur teilweise richtig. Seit der Einführung der universitären Schwerpunktbereichsprüfungen, gehen die Noten in diesem Bereich auch nach oben.

    Dass das bei der staatlichen Pflichtfachprüfung nicht der Fall ist, hängt ja maßgeblich damit zusammen, dass einerseits die Fülle an Rechtsmaterialen stetig ansteigt (Europarecht, Judikatur, PC-Gesetze wie AGG etc.), andererseits aber weiterhin an der Ausbilsung auf das Richteramt festgehalten wird.
    Dies passiert aber nur, weil die aufscheinenden Alternativen noch niemanden überzeugt haben. Es geht dabei vor allem um Haftungsfragen in Bezug auf die Berufsträger. Deswegen ist auch bspw. in den Medizinberufen die Modularisierung noch nicht erfolgt.

    Dies ist sozusagen eine strukturelle Bremse.

    Dennoch ist es so, dass bspw. Rechtsschreibfehler nicht mehr rigoros geahndet werden. Es gibt genug Leute, die nicht korrekt Schreiben können und dennoch das Examen bestehen. Ich weiß von mir bekannten Korrektoren, dass dies nach persönlichem Gusto des Prüfers sehr wohl Abzüge gibt. Aber das hat dann meist Züge von Willkür, soweit man es nicht als Teil des prüfgutachterlichen Beurteilungsspielraums sehen möchte.

    Als erfolgreicher Examinand in Sachsen (5 Klausuren – 2 ZR, 1 StrR, 2 ÖR – je 5h innerhalb von zwei Wochen) im (Staats-)Examenstermin II/2012, kann ich allerdings bestätigen, dass es nach meinem Wissen der schlechteste Examenstermin jemals war: Die Durchfallquote soll sagenhafte 48% betragen haben.

    Soweit ich weiß, wird aber in Münster bereits das Staatsexamen in Etappen geschrieben, sodaß man genügend Zeit hat sich auf die je nächste Klausur nochmal vorzubereiten.

    Gruß

  9. rechtens

    was ich sehe, ist allein eine bildungmisere der »rechten«. wer zum beispiel schreibt, jura sei ein »masterstudiengang«, der kann sich wohl kaum je ernsthaft mit diesem studium auseinandergesetzt haben.

    nur noch peinlich. während die linke an jeder hochschule (übrigens auch an den technischen hochschulen – vor 30 jahren nach berichten einiger alter herren undenkbar) dominiert und aus einem schier unerschöpflichen potential der besten und fähigsten der jahrgänge auswählen darf, suhlt man sich hier in selbstmitleid.

    die seminaratmosphäre (kleiner kreis, gründliche lektüre) gibt es übrigens sehr wohl an fast jeder uni. in diesen seminaren werden die werke von männern wie a- wie adorno bis z wie zižek ausgelegt verhandelt und jede woche für jetztzeit fruchtbar gemacht.

  10. @ rechtens
    >Geisteswissenschaften und Massenstudiengängen (z.B. BWL, Jura, …)

    Ich weiß nicht wieso aus dem Geschriebenen folgen soll, dass Jura ein Masterstudiengang sei.
    Steht da nirgends. Leseverstehen mangelhaft. Aber Hauptsache Rumpöbeln.

  11. »und aus einem schier unerschöpflichen potential der besten und fähigsten der jahrgänge auswählen darf«

    Ich weiß nicht, wo Sie studiert haben, aber bei uns waren die »Linken« die Volldeppen, welche uns freilich nach den ersten Semestern sang- und klanglos, einer nach dem anderen, verlassen mußten, so daß sich die Befähigteren näherkommen konnten. Unser Seminargruppen-Antifa zog Haschdröhnungen, alkoholisiertes Lotterleben und den täglichen Konsum von »Lindenstraße«-Aufzeichnungen (!) dem Studium vor und belog semesterlang seine Eltern über seine Prüfungsnoten. Auch er war allerdings irgendwann verschwunden. Vielleicht ist er in einem gutdotierten Projekt Gegen Rechts untergekommen?

  12. Gardeleutnant

    »rechtens«
    bestätigt unfreiwillig, was hier angesprochen wird. Von Adorno bis Zizek wird also gelesen, daß ist ja ein enorm weiter Horizont…
    Gerade weil nur noch die Staubköpfe aus der marxistischen oder neoliberalen Mottenkiste sowie deren jeweilige Apologeten gelesen werden, herrscht an den Universitäten ja der Ungeist. Da werden Butler und Zizek, Kristeva und Foucault als die größten Geister der Geschichte gefeiert und deren Unfug in die jungen Köpfe implantiert. Dies, weil die Dozenten bereits einer Generation angehören, die selbst die Grundlagen nicht mehr kennengelernt hat. Und wer z.B. selbst nie Aristoteles gelesen und aus den Quellen vermittelt bekommen hat, der muß sich eben die Irrtümer und Mißverständnisse einer Martha Nussbaum als der Weisheit letzter Schluß vorgeben lassen.

    Die Gelehrten verschwinden leider, lieber Felix, nicht nur deshalb, weil die Universitäten sie strukturell kaum mehr zulassen, sondern auch, weil es fast niemanden mehr gibt, der bereit und in der Lage wäre, sich auf eine solche hoch anstrengende und Selbstdisziplin fordernde Existenz einzulassen.

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