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Das drohende Ende der Kultur: Warum der NickBlog ein Fingerzeig ist

Heute hat unser Nachrichtenredakteur über akrobatische Katzen auf Youtube berichtet, mit denen sich eine Menge Kohle verdienen läßt. Das wäre vielleicht auch etwas für Nick, der sein einsames Leben mit Geschäfts- und Lebensideen 2.0 interessanter gestalten möchte.

Damit sind wir beim eigentlichen Thema. Viele Leser haben sich in den letzten Wochen gefragt, warum wir so einen Idioten wie Nick über sein Erstes Mal, seine unerfüllte Liebe zu Gülcan und seine Wichsfantasien schreiben lassen.

Die Antwort ist ganz einfach: Weil unsere Kultur zunehmend so funktioniert, wie Nick tickt. Das Internet ist der große Katalysator des magischen Dreiecks der Postmoderne: Geld, Sex, Aufmerksamkeit. Das Resultat: ein lustloses Abgespritze auf allen Kanälen.

Und so steht eben der Alltag eines armen Bloggers stellvertretend für den Kulturverfall unserer Tage. Machen wir uns nichts vor, der typische Blogger steht so gegen 10 oder 11 Uhr auf, frißt einen ungesunden Toast mit Nutella, weil nichts anderes im Kühlschrank ist. Gleichzeitig hat er schon seinen Rechner hochgefahren und fängt bereits während des Essens damit an, seine Lieblingsblogs durchzuschauen.

Da wir keinesfalls frei von Selbstkritik sein wollen, soll dies am Beispiel eines rechtskonservativen Blogger veranschaulicht werden. Er schaut, was die Kolumnisten der JF zu tratschen haben. Ho, Roland Gläser hat erkannt, daß Sarrazin-Tag ist. Na endlich mal was Neues! Dann geht es weiter: Auch die anderen Seiten laufen vor Sarrazin-Beiträgen nur so über. Und was schreibt die Gegenseite? Na schauen wir doch mal bei Endstation Rechts von Matze Brodkorb vorbei. Dieses Weblog lesen sowieso ausschließlich Rechte, nur will sich das der Matze nicht eingestehen. Er ist auch einer jener Wichser, die nach jeder Pseudo-Neuigkeit sofort abspritzen. Zu einer richtigen Orgie kommt es dann, wenn die Kritisierten meinen, eine Schein-Debatte eröffnen zu müssen, die jedoch nur zur Selbstbefriedigung dient. Dann wird pünktlich 5.45 Uhr der Kartoffelkrieg eröffnet und Richtung „Storch Heinar“ zurückgespritzt.

Auf pi-news wurde heute von den Autoren schon fünfmal gesagt, daß der Islam scheiße ist und die Kommentatoren haben das noch 2000 Mal wiederholt. Auch Kewil hat nichts anderes zu tun und bringt die gleichen Aufreger in deftiger Kommentatorensprache.

Nach einer gründlichen Rundumschau des Bloggers, bei der er hier und dort seinen Senf abgegeben hat, geht sein Tag nach einem kurzen Abstecher zu ein paar Pornoseiten weiter. Jetzt muß er doch irgendwie auch seine Meinung abgeben. Zwar haben schon „wieder einmal“ alle Alles gesagt, aber das darf kein Grund sein, sich zu enthalten. Für einen „ergänzenden Zwischenruf“ werden sich schon ein paar Leser begeistern können.

Überhaupt, die Leser. Sie sind es doch letztendlich, die die Aufmerksamkeitsstrategien der Blogger durch Resonanz legitimieren. Alles ok, also? Bei weitem nicht. Vielmehr sollten wir uns fragen, wie weit wir schon gesunken sind, wenn es bei Produzenten und Konsumenten nur noch um die (Selbst-)Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse geht. Apropos Bedürfnisse. Gegen 18 Uhr bringt Jenny im knappen H&M-Top eine Pizza vorbei. Als Blogger hat man ja kaum Zeit. Außerdem hat so eine neue Studie belegt, daß Sonnenlicht der Intelligenz schadet.

Virtuell kann der Blogger alles. Er zählt im Netz zur Elite, die den Ton angibt und Bescheid weiß. Doch im realen Leben spiegelt sich dieser Zustand zumeist überhaupt nicht. Keine Frau würde sich einem Typen wie Nick auch nur bis auf zwei Meter annähern. Die Abartigkeit von Nick steht somit als Metapher für die Isolation junger Menschen im Internet und die Kluft zwischen Kommentar und eigener Handlung.

Fazit: Das Konzept, einfach ein paar Leute drauflos schreiben zu lassen, ist gescheitert. Selbst gestandene Journalisten fangen dann an rumzuwichsen. Die Blogosphäre braucht also neue Formate. Hier ist Kreativität und eine Orientierung an Ideen und nicht am magischen Dreieck gefragt.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

8 Kommentare zu “Das drohende Ende der Kultur: Warum der NickBlog ein Fingerzeig ist

  1. Dieser Beitrag ist so richtig. Ich will hier gar nicht diskutieren, nur noch unterschreiben.
    Danke, Herr Menzel.

  2. sollte piler lieber darüber schreiben wie toll multi kulti ist?

    hier ist wohl jemand neidisch auf den blog der rasant wächst

  3. Spieglein, Spieglein

    Soieglein Spieglein an der Wand, kann es sein dass Ich Selbstkritik auf andere übertrage und versuche meinen Blog hervorzuheben in dem ich andere schlecht mache?

  4. Permanent kommt hier jemand vorbei, der sich einbildet bei BN würde sich niemand Gedanken machen.
    Fakt ist doch, dass genug Leute ihren ganzen Tag im Netz verbringen und abends den Rechner ausschalten, während sie sich einreden, dass sie was großartiges bewegt hätten.

  5. Wenn die Quintessenz des Beitrages heißen soll, daß zwangsläufig kein Blog besser sein wird, als das Publikum, daß ihn regelmäßig liest, dann würde ich zustimmen.

    Kaum ein Artikel, der etwas stärker in die Tiefe geht und womöglich auch noch etwas abseits vom Gewöhnlichen ist, wird auch nur ansatzweise so oft kommentiert, wie bloße Allgemeinplätze. Also sind es zwangsläufig beim nächsten Mal von Anfang an die Gemeinplätze. Denn schließlich bloggt niemand über einen längeren Zeitraum ohne eine Aussicht auf
    das entsprechende Publikum.

    Nun wäre nur noch die wichtigste Frage offen: Wie wünscht es sich denn der Autor? Welche konkreten Vorschläge hat er zu dem Thema?

  6. Felix Menzel

    @ E.S.

    Der Autor hat ganz konkrete Vorstellungen, die er aber nicht ausplaudern kann, um Ideenklau vorzubeugen.

  7. Nils Wegner

    Die Frage ist doch vielmehr, ob das Bloggen an sich noch Sinn hat (geschweige denn jemals hatte).

    Letzten Endes ist doch jedes Internettagebuch des Durchschnittsbürgers nicht viel mehr als ein Stammtischgespräch mit sich selbst. Und die in den vergangenen Jahren immer wieder stattgefundenen »Blogger-Treffen« und »Blogger-Lesungen« verdeutlichen meines Erachtens nach lediglich ein Niederknien der kulturellen Schickeria vor dem Mittelmaß – in jeglicher Hinsicht. Quasi ein belletristischer Ritterschlag für das Alltägliche.

    Nicht umsonst ist Frl. Hegemann für »Axolotl Roadkill« so hochgejubelt worden. Das nur auf den Einfluss ihres Herrn Papa zurückzuführen wäre deutlich zu kurz gegriffen.

  8. Ich empfehle jedem »Blogger« auch noch die Lektüre der Seite: hhtp://chemnitz-infos.de

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