Rezension

Das Konzept der Kinderfreiheit

„Ein Kind ist das schlimmste, was man der Umwelt antun kann.“ Eine Aussage der Ökofeministin und Gymnasiallehrerin Verena Brunschweiger in einem Interview mit dem Wiener „Kurier“.

Wie unlängst die BN-Redaktion in Folge dieser Äußerungen der Verena Brunschweiger feststellte, sei für die Fantasien „linksradikale(r) Idioten“ immer ein Plätzchen frei in der ach so gutbürgerlichen Presse.

Nun hat Frau Brunschweiger sogar ein ganzes Buch über ihren Vorschlag für den Umweltschutz geschrieben. Titel: „Kinderfrei statt Kinderlos“. Warum gleich ein ganzes Buch? Ganz einfach: In der Gesellschaft herrsche ein „pronatalistisches Dogma“, also nicht nur eine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber Kindern, sondern geradezu die Überzeugung, Kinder seien grundsätzlich notwendig. „Das nervt mich“, wie Frau Brunschweiger kommentiert.

Die Sprache der Orwell-Kinder: Kinderfrei und obdachfrei

Was aber hat sie eigentlich genau zu sagen. Ein Blick in ihr „Manifest“ wird es hoffentlich zeigen. Zunächst – und das scheint ihr besonders wichtig zu sein – erklärt sie den Titel. So habe Kinderlosigkeit einen durchweg negativen Grundtenor. „Kinderlos klingt nach einem Defizit, erinnert an arbeitslos. Kinderfrei hingegen die Vielfalt der Möglichkeiten, die sich einem eröffnen, wenn man nicht ununterbrochen und hundertprozentig für jemanden Minderjährigen verantwortlich ist – und das nicht sein möchte.“

Vielleicht nennt man arbeitslos zukünftig besser auch arbeitsfrei und obdachlos obdachfrei. Klingt doch alles gleich nicht mehr so schlimm. Wenn kinderlos als tendenzieller Mangel gesehen wird, liegt es an der Sache und nicht an dem Wort. So sagt man heute nicht mehr Zigeuner, sondern „Sinti und Roma“. Negativ auffallen werden jene Gruppen dennoch, egal wie man sie nennt. Gleiches gilt auch für die Wortschöpfung Kinderfreiheit.

Kinderfreiheit, so die Lehrerin, sei hingegen die „profunde und reflektierte Entscheidung getroffen zu haben, sich nicht fortpflanzen zu wollen und auch alles dafür zu tun, dass das nicht passiert“. Und als Belohnung gibt es mit 50 Jahren 50.000 Euro auf die Hand. Und das, obwohl Kinderlose derzeit allein durch ihre Kinderlosigkeit – pardon, ich meinte natürlich Kinderfreiheit – finanzielle Vorteile gegenüber Frauen/Familien mit Kindern haben.

Angebliche Diskriminierung gegenüber Nicht-Müttern

Was im Weiteren folgt, ist ein Rundumschlag gegen so ziemlich alle Aspekte der Gesellschaft des alten, weißen Mannes. So seien Bemerkungen, wie „du wärst so eine gute Mutter“ gegenüber kinderfreien Frauen diskriminierend. Gleiches gilt – natürlich! – für Vorbehalte gegenüber dem Adoptionsrecht für Homosexuelle, und so weiter und so fort …

Überall wird auf scheinbare Diskriminierung kinderfreier Mütter hingewiesen. Dabei sieht man den hoch erhobenen Zeigefinger fast überdeutlich vor sich schweben, während man sich durch die Kapitel quält.

Die lokalisierte Ursache dafür ist dann aber doch etwas enttäuschend, weil abgedroschen: Es sei Fakt, dass „man als Frau seit Jahrtausenden gerade aufgrund der Biologie (oder dem, was scheinbar objektiv als diese präsentiert und erfolgreich verkauft wird) unterdrückt wird! Natürlich ist es viel leichter, überbeschäftigte, erschöpfte Mütter auf ihrem Platz zu halten als Frauen, die ihre Zeit, Kraft und Muße vielleicht in patriarchatsgefährdende Aktivitäten stecken könnten.“

Genau. Sobald man die Frauen von der Kette, welche sie an Herd und Staubsauger fesselt, befreit, werden Vorstädte brennen und die Vorstände großer Firmen auf dem Marktplatz aufgeknüpft. Die Mär der geknechteten und unterdrückten Frau ist schon so alt wie der Feminismus selbst. Um jedoch diese Sicht der Dinge zu untermauern, wird einfach flugs ein Zusammenhang zwischen Kinderbejahung und der Nazizeit und dem „Schenk dem Führer ein Kind“ gezogen.

Egoistische Samen

Daher bedürfe es „einer umfassenden Klarstellung, was Kinderfreiheit an positiven Aspekten für die einzelne Frau, die Gesellschaft und natürlich vor allem die Umwelt mit sich bringt“. Es wird von Familienvätern geschrieben, die sich abfällig über Feminismus im Internet äußern. Dieses Verhalten, so die Autorin, sei nur allzu treffend für jene Männer, „die dem egoistischen Impuls, den eigenen Samen möglichst weit zu verbreiten, nicht widerstehen können“.

Was um alles in der Welt geht im Kopf dieser Dame vor sich? Hat sie sich noch nie gefragt, wie ihre üppige Pension erwirtschaftet wird? Vielleicht sollte man der Dame bei Gelegenheit mitteilen, dass sie damit jenen grauen Mäusen, jenen unemanzipierten und umweltverschmutzenden Müttern, beziehungsweise deren Kindern auf der Tasche liegen wird.

Fazit: „Wer den unzähmbaren Drang hat, sich mit Kindern zu beschäftigen, dem sei auch eines der zahlreichen Ehrenämter ans Herz gelegt, die unmittelbar mit Kindern zu tun haben. Oder ein Pflegekind. Oder eine Adoption. Auf diesem Wege lässt sich gleich Mehrfaches erreichen: Man erspart sich die gefährliche Geburt und produziert keinen neuen Umweltverschmutzer, sondern hilft einem, der bereits existiert.“

Ob der Autorin wohl bewusst ist, dass sie solch einen Unfug nur deshalb von sich geben kann, weil es einen Menschen gibt, der sich aus ihrer Sicht vollkommen falsch verhalten hat. Eine Frau, die sich freiwillig für das „Teilzeit-Abstellgleis“ entschieden hat. Eine Frau, die bereit war, auf Spontanität und Flexibilität zu verzichten, die wohl auch der kleinen Verena immer wieder erklärt hat, warum sie eine kratzige Strumpfhose anzuziehen hat, auch wenn die kleine Verena nicht wollte.

Die ihr das Kinn nach dem Essen abgewischt hat. Alles Beispiele, die die Autorin anführt, um das Leben einer Kinderlosen anzupreisen. Nun kann man wohl auch verstehen, warum es „kinderlos“ und nicht „kinderfrei“ heißt. Eben weil hier ein Mangel konstatiert wird.

Pornografie und Mutterschaft in einem Satz

Ein weiterer Grund sei, weil ihr „die Tiere leidtun, die unseretwegen mehr und mehr aussterben, ist die einzig vernünftige Konsequenz, sich nicht fortzupflanzen und damit ein Zeichen zu setzen. Diese Welt braucht kein weiteres Kind. Und kein (potenzielles) Kind verdient, dass ich meine hart erkämpfte Freiheit aufgebe, um mich auf Jahre in starke Abhängigkeiten unterschiedlichster Art zu begeben. Denn ich bin gegen alles, was Frauen klein macht und auf ihren Körper reduziert. Ob es sich um Pornografie handelt oder um Mutterschaft.“

Jetzt ist Mutterschaft schon mit Pornografie gleichzusetzen. Dabei geht es ihr hier offenbar nur um gut ausgebildete Frauen, keineswegs um jene aus sogenannten bildungsfernen Schichten. „Wenn man als gut ausgebildete Frau lieber so lebt wie seine eigene Urgroßmutter – bitteschön.“ Ganz davon abgesehen, dass sich hier eine Einstellung durchtränkt von Arroganz und Überheblichkeit abbildet, scheint Frau Brunschweiger trotz aller Versicherungen zur Toleranz zum Trotz ausschließlich in Schwarz und Weiß einzuteilen. Hier die kinderfreie, gut ausgebildete Karrierepowerfrau, die macht, was sie will und wann sie will und mit wem sie will. Auf der anderen Seite ein Leben wie im 19. Jahrhundert.

Ähnlich beschließt sie dann auch ihr Manifest:

„Also liebe Frauen, was darf es sein? Ein Leben wie seit Tausenden von Jahren, in Abhängigkeit von Mann und Kind(ern) mit Hausarbeit ohne Ende, chronischer Müdigkeit und Überlastung, wenig Geld und wenig Entfaltungsmöglichkeiten oder ein wunderschönes, freies, selbstbestimmtes Leben, vielleicht in einer profunden Beziehung, die auf Augenhöhe stattfindet, mit einer spannenden Karriere, vielen Interessen, echten Freundschaften und einem enorm hohen Beitrag zur Rettung des Planeten? Die Antwort liegt auf der Hand.“

Auf der Hand liegt auf jeden Fall der Umstand, dass die Autorin das Prinzip einer funktionierenden Gesellschaft nicht verstanden hat.


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