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Der entfesselte Skandal

Über meine Skandal-Kolumne hinaus möchte ich heute noch ein Buch empfehlen. Von Bernhard Pörksen und Hanne Detel ist vor einigen Monaten Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter erschienen. Es zählt auf jeden Fall zu den besten Sachbüchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

Pörksen und Detel beschäftigen sich mit den »Überall-Medien«, die zu einem »Kollaps der Kontexte« geführt haben. Jeder Satz, jedes Videoschnipsel und jedes Bild können heute ohne Weiteres aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen werden und ein seltsames Eigenleben im Netz entfalten. Kontrollierbar ist das schon lange nicht mehr, weil spätestens durch die sozialen Netzwerke alles stückweise teil- und verbreitbar geworden ist.

Die klassischen Leitmedien würden dabei »faktisch kooperativ« mit den Online-Medien zusammenarbeiten. Das heißt: Fernsehen und Printmedien geben immer mehr ihre Sorgfaltspflicht auf und übernehmen die Gerüchte und Skandälchen, die sie im Internet finden.

Mit Blick auf Bettina Wulff bestätigt sich dabei, was Pörksen und Detel auch schon aufgefallen ist: Wer versucht, den drohenden Kontrollverlust mit einem »riesigen Kontrollapparat« einzuschränken, erleidet möglicherweise einen noch größeren Kontrollverlust, wenn die eigenen Kontrollmaßnahmen auf einmal skandalisiert werden.

Es geht noch weiter:

Spätestens in diesem Augenblick der sich beständig steigernden Erregung zeigt sich eine eigene Paradoxie, gerät doch der Versuch der Kontrolle unbotmäßigen Verhaltens in Form der Selbstjustiz selbst außer Kontrolle. Nun wird die Jagd nach der Skandalisierten selbst skandalös und das Ansinnen, eine wütend kommentierte Normverletzung zu ahnden, verwandelt sich selbst in eine Normverletzung eigener Art.

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