Gesichtet

Der Fall Magnus Söderlund

Greta Thunbergs Rede vor den Vereinten Nationen wird so schnell niemand vergessen. Mit wütendem Gesicht beschuldigte sie die Politiker, ihre Kindheit zerstört zu haben, und rief diesen immer wieder entgegen: „Wie könnt Ihr es wagen!?“

Wenig später gingen weltweit in verschiedenen Städten jeweils mehrere zehntausend Menschen auf die Straße, um für die Rettung des Klimas zu demonstrieren. Das Wort Hysterie in Bezug auf die sogenannte Klimarettungsbewegung kam vielen Beobachtern politischer und gesellschaftlicher Zustände sicher nicht zu Unrecht über die Lippen.

Kritik ist angebracht

Angesichts dessen ist Kritik an dieser Bewegung – sowohl an deren Protagonisten als auch an deren überzogenen Inhalten – nicht nur erlaubt, sondern auch angebracht. Die richtigen Worte fand der russische Präsident Wladimir Putin im Rahmen der Moskauer Energiewoche: „Ich bin sicher, dass Greta ein gutmütiges und sehr ehrliches Mädchen ist.“ Erwachsene hätten jedoch dafür Sorge zu tragen, Kinder und Jugendliche nicht in extreme Situationen zu bringen. „Sie müssen sie vor übermäßigen Emotionen schützen, die die Persönlichkeit zerstören können“, so der Kremlchef.

Und an anderer Stelle betonte er: „Sie müssen auf jeden Fall unterstützt werden. Aber wenn jemand Kinder und Jugendliche zu seinem Interesse missbraucht, kann das nur verurteilt werden.“ Russlands Präsident spielt damit offensichtlich auf die Instrumentalisierung vieler gutgläubiger Jugendlicher durch gewisse links-grüne Interessengruppen an. Niemand habe der 16-jährigen Greta erklärt, dass die moderne Welt komplex und vielfältig sei, schloss Putin seine Kritik und brachte mit diesen wenigen Sätzen im Grunde alles auf den Punkt, was es diesbezüglich zu sagen gibt.

Die politische Rechte in Aufregung

Es ist bedauerlich, dass einige Kritiker der Klimaschutzbewegung nicht zu einer solch differenzierten Kritik fähig sind. Darunter musste etwa die Facebook-Gruppe der Initiative Fridays for Hubraum leiden, die sich eine sachorientierte Debatte über den Klimaschutz zum Ziel gesetzt hatte. Aufgrund zahlreicher Hasskommentare wurde die Seite schon nach kurzer Zeit wieder deaktiviert. Aber auch abseits der dunklen Seiten des Internets scheint die politische Rechte auf das Thema Klimaschutz äußerst gereizt zu reagieren.

Das hängt wahrscheinlich mit dem Aufstieg einer betont antideutschen Partei zusammen – den „Grünen“.  Doch ein negatives Gefühl wie Gereiztheit, aus dem schnell Wut oder Zorn werden kann, wird der politischen Debatte nur schaden. Denn wie wusste schon Schopenhauer: „Den Gegner zum Zorn reizen: denn im Zorn ist er außer Stand, richtig zu urteilen und seinen Vorteil wahrzunehmen.“

Dieser Satz beschreibt ziemlich präzise das Dilemma einiger Kritiker der Klimaschutzbewegung. Denn anstatt, wie dies glücklicherweise auch einige tun, darauf hinzuweisen, dass Umweltschutz und Nachhaltigkeit nur durch eine anti-globalistische Politik zu erreichen sind, wird sich vielfach darauf beschränkt, das Agieren der selbsternannten Klimaretter bloßzustellen, zu diskreditieren oder zu entlarven.

Sprich, man verfährt so, wie dies üblicherweise die Etablierten mit der politischen Rechten tun. Bloß keine sachbezogene Auseinandersetzung! Diese Grundhaltung führt dazu, dass ungeprüft Meldungen übernommen werden, die die vorgenannten Ziele perfekt abzudecken scheinen. Das ist ebenfalls ein Verhaltensmuster, das wir von den etablierten Medien kennen. Vor Kurzem führte die Behandlung des Falles Magnus Söderlund zu einer Reihe kurioser Falschmeldungen in einigen alternativen Medien.

Ein Professor und der „Kannibalismus“

So meldeten etwa etablierte Medien aus dem patriotischen Spektrum wie die Preußische Allgemeine Zeitung, Compact Online, die Internet-Zeitung Freie Welt oder Zuerst, ein schwedischer Professor habe zum Schutz des Klimas kannibalistische Praktiken propagiert. Dem ging eine Meldung des Online-Portals Epochtimes voraus. Die Freude darüber, nun endlich etwas in der Hand zu haben, um die Anhänger der Klimarettungsbewegung moralisch zu diskreditieren, ließ all jene Medien ihre guten Vorsätze einer gründlichen Recherche vergessen.

Die Epochtimes zitierte für ihre Behauptung, Magnus Söderlund habe in einem Vortrag dafür geworben, das Fleisch toter Menschen zum Schutze der Umwelt zu verzehren, aus einer bis heute nicht aufgetauchten Präsentation. Das hätte man durch einen Blick auf das US-amerikanische Portal Snopes klären können. Diesem vermeintlichen Skandal liegt also eine Quelle zugrunde, für deren Existenz es keinen Beweis gibt. Die einzige existente Quelle ist ein Interview, das Söderlund dem schwedischen Fernsehsender TV4 gegeben hat. Das dort Geäußerte mag ohne den verständnisrelevanten Kontext seltsam und eigenwillig erscheinen. Dahinter verbirgt sich jedoch keine den Kannibalismus propagierende Umfrage.

Von der Umfrage zur Falschmeldung

Diese Umfrage hatte der Schwede, wie er in einer Stellungnahme gegenüber Snopes angab, auf einer Lebensmittelmesse durchgeführt. Hintergrund war der Umstand, dass sich viele Menschen mittlerweile weigern, traditionell hergestelltes Fleisch zu essen. Um herauszufinden, was die Menschen stattdessen essen würden, legte er seinem Publikum mehrere alternative Nahrungsmittel vor. Zum Schluss – wohl mehr als Scherz gedacht – präsentierte er auch Menschenfleisch. Ein Professor macht auf einer Lebensmittelmesse einen schlechten Scherz. Das war alles und kein Skandal.

Natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, Söderlund nach dem Auftauchen der ersten Meldungen diesbezüglich selbst zu kontaktieren. Schließlich verfügt er als Professor der Universität Stockholm über eine leicht recherchierbare E-Mail-Adresse. Dass ein Mensch die Einführung zutiefst barbarischer Praktiken fordern soll, verlangt nach einer Nachfrage und Erläuterung.

Dem Verfasser dieser Zeilen antwortete Söderlund nur anderthalb Tage nach Eingang einer schriftlichen Anfrage und bestätigte seine Stellungnahme gegenüber Snopes:

„Vor einigen Wochen habe ich eine Umfrage durchgeführt, indem ich dem Publikum auf einer Lebensmittelmesse einige Fragen gestellt habe, die zu vielen Fehlinterpretationen und vielen Falschmeldungen sowie click chasing-Journalismus [eine englische Redewendung für reißerische Überschriften] geführt haben. Ich glaube nicht, dass der Verzehr von menschlichem Fleisch das Klima beeinflusst.“

Mehr Besonnenheit wagen

Dass sich eine derartige Fehlinterpretation durch Medien, die ansonsten wertvolle Beiträge liefern, so schnell und ungeprüft verbreiten konnte, zeugt von der eingangs beschriebenen Unruhe rund um das Thema Klimaschutz. Abschließend gilt es festzuhalten, dass es auch in aufgewühlten Zeiten sinnvoll ist, erst einmal die Faktenlage zu prüfen, bevor man kontraproduktive Artikel produziert.

Denn eines ist gewiss: Jene Meldung wird noch Jahre durchs Internet geistern. Vor diesem Hintergrund ist zu hoffen, dass sie nicht ein ähnlicher Klotz am Bein wird wie der vermeintliche Kalergi-Plan oder die  angeblichen Äußerungen des US-amerikanischen Chefstrategen Thomas M. Barnett. Gelassenheit ist das Gebot der Stunde. Man muss nicht über jeden Stock springen, der einem im alltagspolitischen Wahnsinn hingeworfen wird, und man sollte sich nicht von der allgemeinen Hysterie anstecken lassen. Was dabei herauskommen kann, wurde eben erläutert.

(Bild: Collage mit Fake News aus alternativen Medien, Hintergrund: Pixabay)


1 Kommentar zu “Der Fall Magnus Söderlund

  1. „ … ließ all jene Medien ihre guten Vorsätze einer gründlichen Recherche vergessen.“ (Der Fall Magnus Söderlund – Tobias Schaar, 22. Oktober 2019)
    Wir glauben ja nicht einmal an deren „guten Vorsätze“, ganz im Gegenteil!

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