Alter Blog

Der „Generation 30“ fehlt es an Sinn

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) hat gestern die „Generation 30“ vorgestellt und empirisch bewiesen, daß es ihr rein materiell so gut wie keiner Vorgängergeneration geht. Dennoch fühlt sie sich unsicher, was gerade für die Nachwuchsplanung zu einer „Kultur des Zögerns“ führe.

Gegenüber der FAS stellt der Soziologe Heinz Bude fest: „Es hat noch nie eine Generation gegeben, die so wenig an ihre eigene Chancen glaubt wie diese.“

Das unterstreicht auch die junge Autorin Meredith Haaf, mit der wir auch schon mal ein Interview geführt haben: „Keine Generation vor uns ist so sicher, wohlhabend und mobil aufgewachsen. Doch wer Ende zwanzig ist, dessen Zukunftsmusik wurde ihm als Dreiklang aus Arbeitslosigkeit, Klimawandel und Energiekrise vorgespielt. Als Hauptantrieb haben wir nur die Angst …, und Angst ist alles Mögliche, nur nicht produktiv.“

Aufgrund dieser Selbstwahrnehmung junger Leute führen auch materielle Bevorzugungen wie Erhöhung des Kinder- oder Elterngeldes nicht zu einem Stopp des demographischen Niedergangs, denn das Geld ist es nicht, was junge Erwachsene daran hindert, ihre Zukunft optimistisch und selbst gestaltend anzugehen.

Vielmehr ist eine Sinnkrise der großen und kleinen Institutionen ausschlaggebend. Um dies zu verstehen, muß man „Die Seele im technischen Zeitalter“ des konservativen Soziologen Arnold Gehlen aus dem Bücherschrank holen:

Was beim Studium vergangener Kulturen, auch der antiken, so überzeugend zu uns spricht, ist das Bedeutungsvolle, nach vielen Hinsichten Symbolische der Institutionen: sie waren Mehrzwecke-Institute und wahrscheinlich gerade deswegen Mehr-als-Zweck-Institute. Das wesentliche einer dauerhaften Institution ist ihre Überdeterminiertheit: sie muß nicht nur im nächsten, praktischen Sinn zweckmäßig und nützlich sein, sie muß auch Anknüpfungspunkt und „Verhaltensunterstützung“ (behavior support) höherer Interessen sein, ja den anspruchsvollsten und edelsten Motivationen noch Daseinsrecht und Daseinschancen geben: dann erfüllt sie die tiefen, vitalen, aber auch geistigen Bedürfnisse der Menschen nach Dauer, Gemeinsamkeit und Sicherheit – sie kann sogar etwas wie Glück erreichbar machen, wenn dieses darin besteht, im Über-sich-Hinauswachsen nicht allein zu bleiben.

Ich gehe davon aus, daß die europäischen Eliten auf absehbare Zeit Wege der eigenen Machtsicherung und der Aufrechterhaltung des zweckrationalen Funktionierens unseres Systems finden werden. Das Problem: Sie verkörpern keine Idee, wie es mit Deutschland und Europa im Großen und Kleinen weitergehen soll. Es fehlt an „Verhaltensunterstützung“ für Familien! Es fehlt an einer Idee des Staates! Und es fehlt eine Vision für die Zukunft! Solange dies so ist, wird auch die „Generation 20“ unsicher bleiben.

Verwandte Themen

Ein Land will nicht erwachsen werden „Viele wollen nicht mehr, oder noch nicht, erwachsen werden.“ Ein Zitat, das „unsere Generation“ charakterisieren soll. Es ist einem Text entnommen au...
Die Enteignung auf dem Bildschirm Warum Videospielkultur wichtig ist. Und warum sie bedroht ist. Als 2014 in Amerika „Gamergate“ ins Rollen kam, hagelte es von Seiten altgedienter...
Arcadi jetzt auch gedruckt Politik, Jugendkultur, Sex – So oder so ähnlich müsste eine treffende Verschlagwortung des seit einigen Tagen erhältlichen Arcadi Magazin lauten. Glau...

1 Kommentar zu “Der „Generation 30“ fehlt es an Sinn

  1. So that’s the case? Quite a reelvatoin that is.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo