Gesichtet

Der Hang zu langen Pausen

Mallorca. Bei vielen Deutschen ist diese Insel nach wie vor als Partyparadies verschrien. Und nicht ganz zu Unrecht. Immerhin gilt sie nicht nur als die Lieblingsinsel der Deutschen, auch tragen die günstigen Flüge und Hotels das Ihre dazu bei. Die größte Insel der Balearen ist schließlich auf Massentourismus ausgelegt. So wurden beispielsweise 2017 über zehn Millionen Besucher gezählt – ein Großteil davon aus Deutschland. Und das bei lediglich knapp einer Million Einwohner.

Saufen am Ballermann

Natürlich ist die Insel hierzulande vor allem für jene Party-Meile in Palma de Mallorca – der Hauptstadt – bekannt. Der Ballermann. Das Sich-Voll-Laufen-Lassen ist dort gang und gäbe. Warum sonst sollte Sangria gleich in Eimern ausgeschenkt werden? Was vor allem bei jungen Erwachsenen und solchen, die sich für jene halten, sehr beliebt ist.

Meine Abschlussklasse am Gymnasium verbrachte beispielsweise ihre Abi-Fahrt in Palma. Zum Saufen. Üblicher Tagesablauf: „Morgens“ zwischen 10 und 12 Uhr aufstehen, duschen. Frühstücken im Hotel. Bier/Wein/Schnaps eingepackt und den ganzen Tag am Strand „gechillt“. Abends ins Hotel zurück. Frisch machen. Und dann Party bis in die Morgenstunden.

Kein Wunder, wenn sich die Insulaner zunehmend gegen diesen primitiven Partytourismus zur Wehr setzen. So sind an den Hauswänden in Palma Sprüche zu lesen, wie „Hotels, raus aus dem Viertel“ oder „Es reicht jetzt mit den Hotels.“ Auch scheinen die Besucherzahlen leicht rückläufig in den letzten Jahren – nicht zuletzt aufgrund der Konkurrenz durch andere Länder, wie Bulgarien oder die Türkei. Aber auch, weil dem ungehemmten Partymachen auf der Straße Einhalt geboten wurde. Grund: Zu laut, zu primitiv, zu viel Dreck.

Wandern auf Mallorca

Dennoch hält sich das Klischee der „Partyinsel“ nach wie vor ungebrochen, was ich am eigenen Leib erfahren durfte. So war ich zusammen mit meinem Bruder kürzlich auf der Insel, um den GR 221 – auch Route der Trockensteinmauern genannt – zu erwandern. Dieser Fernwanderweg verläuft durch den Nordwesten der Insel. Von Küste zu Küste. Gut 140 Kilometer bei rund 6.500 Höhenmetern. Einmal durch die traumhafte Landschaft der Sierra de Tramontana, einem Gebirge auf Mallorca. Wie aber im Vorfeld unter Verwandten und Freunden davon erzählt wurde, hieß es zumeist: „Genau. Wandern. Aber sicher doch.“

Ganz entgegen der gängigen Meinung kann man auf der Insel jedoch sehr gut wandern. So gilt der GR 221 als einer der schönsten Fernwanderwege Europas. Auf der einen Seite die Berge, teils schroffe Felsen und steile Anstiege – auf der anderen Seite jedoch hat man zumeist einen wunderbaren Ausblick auf das Meer. In dieser Kombination ist das unschlagbar. Die Landschaft kann nur als malerisch beschrieben werden, was unter auch an dem stabil guten Wetter liegen lag. Man entwickelt einen Hang zu langen Pausen, zum Verweilen.

Doch ebenso wie im Allgemeinen sind es hier im Besonderen fast nur Deutsche, die man auf dem Weg trifft. Zwar ist die Tour weit davon entfernt, überlaufen zu sein – von den zehn Millionen Besuchern laufen lediglich wenige tausend den Weg. Dennoch ist dieser Umstand manchmal schon entnervend. Da fliegt man ins Ausland, nur um von gefühlt weniger Ausländern umgeben zu sein als in Deutschland. Selten erlebt, dass man in einem nicht-deutschsprachigen Land mit einer Selbstverständlichkeit mit „Servus“, „Hallo“ oder „Guten Tag“ gegrüßt wird.

Ob Bayer, Schwabe, Sachse oder Berliner; man trifft sie alle. Und zwar ausschließlich. Andere Nationalitäten sind gar nicht oder kaum vertreten. Der Deutsche sieht es eben offenbar nicht ein, zumindest in der Landessprache zu grüßen. Das Streben der Deutschen nach einem „Platz an der Sonne“ ist ja beileibe nicht neu – man bedenke nur den Kauf von afrikanischen Kolonien im Kaiserreich – nur scheint er im Falle Mallorcas Wirklichkeit geworden zu sein.

Arbeite, um zu leben.

Und wie im Süden generell gilt hier der Grundsatz: Arbeite um zu leben. Und nicht anders herum. Man ist schon stolz auf seine schöne Insel. Und ich kann es nur nachvollziehen, dass das Klima und die landschaftliche Schönheit eher zum Müßiggang einladen, denn zum Arbeiten – ein Hang zu langen Pausen eben. Es wird etwas gemacht. Aber sehr ruhig und entspannt. Die relativ große Anzahl an Deutschen, die nach Mallorca ausgewandert sind und sich diesen Lebensstil angeeignet haben, ist also auch nicht weiter verwunderlich.

Wer träumt nicht davon, das Leben zu genießen und nebenher ein bisschen zu arbeiten. Dort scheint es möglich. Nun kann man sich auch ausmalen, welche Klientel es vor allem in diese Gefilde zieht. Deutsche, die das Arbeiten nun wirklich nicht erfunden haben und im Allgemeinen dem Lager der Großstadt-Ökos zuzuordnen sind.

So wurden wir auch Zeuge einer Unterhaltung zweier Deutscher. Einer auf Besuch; der andere ein Wunsch-Insulaner, der eine echte Mallorquinerin geheiratet hatte. Er arbeitet nur sieben Monate im Jahr als Saisonarbeiter im Touristengeschäft. Die restlichen fünf Monate meldet er sich arbeitslos in Deutschland – wie er auch offen zugibt – und kassiert Arbeitslosengeld I. Dass zur Finanzierung dieses Lebensstils das Arbeitslosengeld jedoch eigentlich nicht da ist, ist ihm bewusst. Er habe aber einfach keine Lust, das ganze Jahr zu arbeiten. Zumal er jetzt einen kleinen Sohn hat, für den er ja auch da sein müsse.

Ein deutscher Helikopter-Papa auf Mallorca

Auf die Frage, ob noch weitere Kinder folgen werden, verneint er. Begründung: Er habe Angst, er müsse seine Liebe bei zwei oder gar drei Kindern aufteilen. Und 50 Prozent, beziehungsweise 33 Prozent seien in seinen Augen einfach nicht genug. Des Weiteren sei er Perfektionist und habe das Gefühl, er könne seinen Ansprüchen als Vater nicht genügen bei mehr als einem Kind. Als ich das meiner Mutter erzählte, hat sie nur gelacht und gesagt, es gebe doch sehr naive und einfältige Männer auf dieser Welt.

Auch der zarte Einwand des Gesprächspartners, Geschwisterkinder seien doch wichtig für das Lernen von Sozialkompetenzen, wurde hinfort gewischt mit der Begründung: Das sei vielleicht der Fall gewesen, als die Leute noch keine Autos besessen und daher viel isolierter gelebt hätten. Da wären acht bis zehn Kinder (wer redet denn von acht bis zehn Kindern?) schon nötig gewesen. Aber heute könnten die Eltern ihren Nachwuchs ja zu diversen Freunden „kutschieren“. Ob dieser Helikopter-Papa wohl weiß, dass früher Familien in Dorf- und Stadtgemeinschaften zusammenlebten und daher sehr wohl mit Nachbars Kindern nach Herzenslust gespielt werden konnte? Wohl eher nicht.

Abschließend kann man wohl sagen: ein Besuch ist diese Insel immer wert. Vor allem landschaftlich kommt man auf seine Kosten und auch für den Aktivurlauber ist so einiges dabei. Dennoch bleibt der Wermutstropfen, dass offenbar überall, wo sich Deutsche versammeln oder niederlassen, sich eben auch ein Haufen Stupidität mit versammelt und mit niederlässt.

(Bild: Pixabay)


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