Gesichtet

Der lange Atem des Drachen

Bereits seit Jahren rücken einige Staaten Ostasiens und Ozeanien wirtschaftlich und sicherheitspolitisch immer näher zusammen. Das am vergangenen Sonntag unterzeichnete Abkommen zwischen verschiedenen Ländern des Pazifiks, darunter China, Japan, Singapur und Australien, kennzeichnet einen weiteren Schritt in dem Zusammenwachsen dieser Staaten. Das zweifelsohne  hauptsächlich auf den Handel ausgerichtete Abkommen schafft eine riesenhafte Freihandelszone, die sich über den Pazifik erstreckt.

Damit wird dies die stärkste Wirtschaftszone weltweit, auch wirtschaftlich mächtiger als Nordamerika und die EU, in welcher Deutschland zu den mächtigsten und einflussreichsten Staaten gehört, zusammen. Die EU und auch die USA sind bereits seit Jahren im verhältnismäßigen Vergleich zu den wirtschaftlichen Entwicklungen anderer bedeutender Staaten und Wirtschaftsbündnisse auf dem absteigenden Ast.

Bringt Asien die EU und USA näher zusammen?

Sollte diese Entwicklung anhalten, so würde zumindest zeitweise ein Zusammenschluss der EU mit dem nordamerikanischen Wirtschaftsraum Abhilfe schaffen. Biden als wahrscheinlich neuer US-Präsident ist laut seinem Programm auf einem Kurs, der, wenn auch in abgeschwächter Form, dem von Obama sehr ähnelt. Daher ist es durchaus nicht auszuschließen, dass der Zusammenschluss der ostasiatischen Staaten und Ozeaniens ein Zusammenrücken der EU und der USA antreiben könnte.

Sowohl die Beziehungen zwischen der EU und China, was sich unter anderem in der Behandlung Chinas im Hinblick auf seine innenpolitischen Probleme in Hongkong zeigt, als auch die Beziehungen zwischen der EU und Russland ohnehin spätestens seit der Ukraine-Krise, welche noch in die Amtszeit Obamas fiel, sind schlecht und haben sich nicht verbessert. Das verdeutlicht unter anderem die Debatte um die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2.

Niedergang hat längst begonnen

Doch wäre eine solche Vertiefung der transatlantischen Beziehung überhaupt sinnvoll? Die gewaltigen militärischen und wirtschaftlichen Kräfte der Vereinigten Staaten bieten sicher die Möglichkeit, wann immer nötig bei den USA um Beistand und Hilfe zu bitten, so wie dies in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Genüge der Fall war. Nicht zu vergessen ist außerdem der kulturelle Einfluss des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten, der Hand in Hand mit militärischer Abhängigkeit und noch viel mehr mit wirtschaftlicher Abhängigkeit und Zusammenarbeit einhergeht.

Doch die Kräfte der Großmacht sind begrenzt. Die Forderung, die anderen Staaten mögen ihren Teil zur NATO beitragen, sind älter als die Amtszeit Donald Trumps. Zudem sieht der Große Bruder jenseits des Atlantiks einem langfristigen Niedergang der Wirtschaft, der seit spätestens 2008 stark an Fahrt aufgenommen hat, entgegen. Schließlich würde eine weiter als bisher reichende wirtschaftliche Zusammenarbeit, den im Verhältnis zu Ostasien wirtschaftlichen Niedergang eben nur herauszögern. Andererseits würden möglicherweise Schranken, die den Markt innerhalb der EU und innerhalb von einzelnen Regionen der Union schützen, so wie es vor vier Jahren von vielen TTIP-Gegnern befürchtet wurde, fallen.

Das könnte nicht nur eine Verschlechterung einiger Produkte mit sich bringen, sondern auch die sogenannten Rules of Origin, also die Bedingung, dass ein Produkt aus einer bestimmten Region kommen muss, um eben jenes Produkt (z.B. Champagner, der nur aus der französischen Champagne kommen kann) sein zu können, außer Kraft setzen. Für die in den USA ansässigen Unternehmen hätte dies den Vorteil begehrte europäische Regionalprodukte nun selbst herstellen und in der Europäischen Union verkaufen zu können. Interessanterweise sind die  Rules of Origin in dem pazifischen Abkommen gewahrt.

Europa muss sich neue Partner suchen!

Sollte sich die EU wirklich den USA weiter annähern als dies ohnehin schon der Fall ist? Die EU wird sich nach neuen Partnern wie China, Indien und Russland umsehen müssen, wenn sie nicht dauerhaft abgehängt werden will. Dies droht derzeit in Anbetracht der katastrophalen demographischen Entwicklung in Europa und dem verhältnismäßigen Abfall der Wirtschaftskraft unseres Kontinents. Russland würde als Riesenreich im Osten einen sehr guten Lieferanten für wichtige Rohstoffe darstellen. Weiter östlich würden sich, sehr viel mehr als dies derzeit der Fall ist, China, Indonesien und Indien, neben Japan, Südkorea und Singapur, sowie vielen weiteren als wirtschaftlich mächtige Handelspartner sicher anbieten.

Doch sollte dabei nicht vergessen werden, dass derartige Bündnisse besonders China stärken würden. Eine wirtschaftliche Vorherrschaft des Reiches der Mitte in Europa oder gar eine Zunahme des chinesisches Bevölkerungsanteils wären nicht auszuschließen und kämen ebenso wie die bereits bestehenden und möglicherweise noch kommenden transatlantischen Abkommen der Hingabe einer phönizischen Königstochter an den Herrscher des Olymps gleich.

Dass bei einem Wirtschaftsabkommen die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht immer die gleichen sein müssen, zeigt das Abkommen im Pazifik deutlich. Berlin, Paris und Brüssel werden sich vermutlich zu einem Näherrücken an die USA entscheiden. Dies ist in Anbetracht vergangener Jahrzehnte naheliegend. Doch sollte die Frage gestellt werden, ob es denn für ein mehr oder minder von Deutschland angeführtes Europa überhaupt sinnvoll ist, sich in einer zunehmend wirtschaftlich und politisch zersplitternden Welt so fest an Nordamerika zu binden, oder ob es den Völkern unseres Kontinentes nicht sehr viel dienlicher wäre, auf mehrere und weiter verteilte Partner einzugehen und dabei möglichst viel von der Unabhängigkeit, dem Einfluss und der Macht zurück zu erlangen, die im vergangenen Jahrhundert verlorengegangen sind?


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