Rezension

Der Ständestaat: Ein veraltetes Modell?

Die gegenwärtig die halbe Welt in Atem haltende Corona-Krise hat viele Probleme wie unter einem Brennglas verschärft, allen voran das Problem der globalen Lieferketten.

Aber auch die Globalisierung als Lebensmodell zeigt sich in diesen Tagen für viele Zeitgenossen erstmals in einem negativen Licht. Schließlich konnte sich das neuartige Virus nur durch den regen Flugverkehr zwischen allen Erdteilen in Windeseile von China aus bis nach Europa verbreiten. Spätestens dann, wenn im nächsten Jahr der Impfstoff die gesundheitlichen Gefahren beseitigt hat, wird sich das Hauptaugenmerk vieler Menschen auf die sozialen und wirtschaftlichen Folgeschäden der derzeitigen Krise richten.

Und diese dürften nach allem, was sich jetzt schon erahnen lässt, ganz erheblich sein. Mit anderen Worten: Die neuen zwanziger Jahre dürften denen des vergangenen Jahrhunderts ähnlicher sein, als man zum letzten Jahreswechsel ahnen konnte. Die Menschen werden scheinbar felsenfest verankerte Überzeugungen über Bord werfen und viele althergebrachte Dinge in Frage stellen. Dies könnte zu einer Gemengelage führen, in der Alternativmodelle zum westlichen Parteienstaat wieder diskussionswürdig werden.

Mehr als nur Kosmetik

Wenn aus dieser Gemengelage – anders als im letzten Jahrhundert – nicht die radikalen Ränder als Sieger hervorgehen sollen, dann reicht bloße Kritik am Globalisierungsprozess nicht aus. Kritik ist das eine, das Angebot eines Alternativmodells das andere. Es wird auch nicht ausreichend sein, seine Kritik nur auf Schlagworte wie „Europa der Vaterländer“ oder „Verteidigung des Eigenen“ zu stützen. Wenn man ein Land nachhaltig verändern will, muss man zwei Felder beackern: das der Staatsstruktur und das des Wirtschaftslebens.

Was das Wirtschaftsleben angeht, so bietet der schon mehrfach besprochene Distributismus als Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus mit Sicherheit einen vielversprechenden Ansatz. Doch dies soll jetzt nicht das Thema sein. Wir wollen uns Gedanken darüber machen, durch welche Organisationsform der von vielen Zeitgenossen als überlebt und im Sinne des Allgemeinwohls als schädlich empfundene Parteienstaat ersetzt werden könnte.

Veränderung nicht nur an der Spitze

Wenn es um eine Veränderung der Staatsstruktur geht, so ist auf Seiten der politischen Rechten zumeist von einer Direktwahl des Bundespräsidenten und mehr direkter Demokratie die Rede. Handelt es sich beim ersten Punkt lediglich um eine Veränderung der Staatsspitze, so ist der zweite abermals ein inhaltsloses Schlagwort. Der Parteienstaat als solcher würde nämlich durch keine der beiden Maßnahmen beseitigt, sondern lediglich mehr oder weniger geschwächt.

Wenn man von der Beseitigung des Parteienstaates spricht, stößt man bei unbedarften Gesprächspartnern oft auf die Vorstellung, die einzige Alternative liege in einer wie auch immer gearteten Diktatur. Doch das ist keineswegs so.

Der immer stärker werdende Sog des Liberalismus sowie der immer radikalere Klassenkampf ließ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Idee des Ständestaates aufkommen. Dieses Modell darf keineswegs mit der mittelalterlichen Ständeordnung verwechselt werden, auch wenn diese als Anknüpfungspunkt diente. Die Ständeordnung beschreibt – grob zusammengefasst – die Unterteilung des Menschen in die Stände des Klerus, des Adels und der Bauernschaft beziehungsweise des Bürgertums und definiert die Rechte und Pflichten des jeweiligen Standes.

Das Modell des Ständestaates

Anders als die mittelalterliche Ständeordnung sieht das Modell des Ständestaates die Unterteilung der Bevölkerung in unterschiedliche Stände nicht aufgrund der Rangordnung vor, sondern will durch diese Unterteilung eine gerecht verteilte Mitbestimmung der einzelnen Stände sichern. Im vergangenen Jahrhundert war die dadurch erhoffte Überwindung des Klassenkampfes ausschlaggebend. Wie sähe ein Ständestaat in der Realität aus?

Das Wahlvolk würde in einzelne Berufsstände unterteilt, zum Beispiel Angestellte, Arbeiter, Bauern und Freiberufler. Auf Bezirksebene würde von den einzelnen Ständen eine Berufskammer gewählt. Zur Wahl stünden ausschließlich Standesangehörige. Hiermit wäre die Hoffnung verbunden, dass die Gewählten aufgrund ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen und nicht aufgrund demagogischer Reden gewählt werden. Die einzelnen Berufskammern wählten aus sich heraus Vertreter für die mit allen anderen Ständen gebildete Ständekammer.

Dieses Modell ließe sich ebenso auf Landes- und Bundesebene einführen, wobei zu klären wäre, ob in diesem Fall die Berufskammern direkt gewählt oder mit von den untergeordneten Kammern bestimmten Vertretern bestückt werden. Hier setzt man darauf, dass in den Parlamenten (Ständekammern) eine Auswahl der besten und gebildetsten Persönlichkeiten vertreten ist.

Für karrieristische Parteipolitiker und Ideologen wäre in einer solchen Ordnung kein Platz. Die Frage der Staatsspitze müsste ebenso geklärt werden. Denkbar ist sowohl eine von der obersten Ständekammer ernannte Regierung, ein mit der Regierungsbildung beauftragter direkt gewählter Präsident oder ein Erbmonarch, der dem Wahlprozess entzogen ist.

Das Modell des Ständestaates in der Geschichte

Vor allem Verfechter der Konservativen Revolution waren im letzten Jahrhundert Anhänger des Ständestaates. So gab etwa Edgar Julius Jung in seinem zeitlosen Meisterwerk Die Herrschaft der Minderwertigen dem Modell des Ständestaates breiten Raum. Aber auch der innerparteiliche Kritiker Hitlers, Otto Strasser, beschäftigte sich in seinem im Exil veröffentlichten Buch Deutschlands Erneuerung mit dem Konzept des Ständestaates.

In der Praxis wurde das Modell nie erprobt. Zwar hatte sich die christsoziale Bundesregierung in Österreich unter Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg das Ziel gesetzt, einen solchen Staat zu etablieren. Zur Realisierung ist es allerdings nie gekommen. Auch in Spanien unter Franco und in Argentinien unter Juan Perón gab es einzelne Strukturen, die dem geschilderten Modell ähnelten. Diese waren aber mit keinerlei Machtbefugnissen ausgestattet. Ob ein moderner Ständestaat lebensfähig wäre, kann abschließend nicht beurteilt werden. Einen Versuch wäre es aber auf jeden Fall wert.


11 Kommentare zu “Der Ständestaat: Ein veraltetes Modell?

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