Gesichtet

Deutschland im Kreuzfeuer moderner Ideologien

Ein Volk, das seiner Identität und seines Selbsterhaltungswillens nahezu vollständig beraubt ist. Eine Regierung, die mit der Unterzeichnung des sogenannten UN-Migrationspaktes im Jahre 2018 ihren Willen bekundet hat, „ein historisch einzigartiges Experiment zu wagen, und zwar eine monoethnische und monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln“, wie dies der Politologe Yascha Mounk in einem schon beinahe zur Berühmtheit gewordenen ARD-Interview formulierte.

Hinzu kommen allgemeine moralische Zerfallserscheinungen, die sich am besten an den jährlich rund 100.000 im Mutterleib getöteten Kindern festmachen lassen. Das alles ist nicht nur die Folge einer oder mehrerer schlecht regierter Legislaturperioden. Nicht diese oder jene Partei ist für diesen scheinbar unaufhaltsamen Niedergang verantwortlich. Der Zerfall ist die Folge einer unglücklichen, höchst tragischen Aneinanderreihung ideologischer Verirrungen im vergangenen Jahrhundert.

Der Dolchstoß von 1918

Wenn die Schreiber zukünftiger Geschichtsbücher dereinst rätseln, wann der vielbeschworene Untergang des Abendlandes seinen Anfang genommen hat, werden sie unweigerlich auf den Ersten Weltkrieg und noch viel mehr auf dessen Ausgang als Initialzündung zur Selbstauflösung Europas stoßen. Wenn dieser Krieg, wie Kaiser Wilhelm II. anlässlich seines 30. Thronjubiläums sagte, tatsächlich ein Krieg der Weltanschauungen gewesen ist, dann können wir dieses Ereignis gar nicht hoch genug einschätzen. Das gilt erst recht vor dem Hintergrund, dass das deutsche Kaiserreich als geistiges Gegenmodell zur frankophilen, anglo-amerikanischen Welt des Westens nur durch die sozialistische Novemberrevolution 1918 zu Fall gebracht werden konnte.

Spätestens hier kommt die Komponente der innerdeutschen ideologischen Verirrung ins Spiel. Wäre das deutsche Volk einig gewesen, hätte der Krieg mit hoher Wahrscheinlichkeit einen anderen Verlauf genommen und man würde heute über den britischen, amerikanischen und französischen Sonderweg den Kopf schütteln. Weil die militärische Führung durch das Gebaren der sozialistischen Putschisten jedoch daran gehindert wurde, den Krieg fortzusetzen, fiel das Herzland Europas und somit Europa selbst endgültig dem geistigen, moralischen und später auch dem physischen Verfall anheim.

Der braune Dolchstoß

Zu den ideologischen Verirrungen zählt außerdem der Nationalsozialismus. Dieser betrieb, anders als von der NS-Propaganda immer wieder behauptet, keine Konterrevolution, sondern eine Fortsetzung der Revolution von 1918 – bloß unter anderer Flagge und mit anderen Hauptschlagworten. Aus dem Klassenkampf wurde ein Rassenkampf zuerst gegen das Judentum, später gegen die Slawen. Bei der Dekonstruktion der in Jahrhunderten gewachsenen politischen und gesellschaftlichen Ordnung standen die Nationalsozialisten ihren roten Geistesbrüdern in nichts nach. Und so kommentierte Kaiser Wilhelm II. treffend:

Die Führer der nationalsozialistischen Republik unterscheiden sich von den bisherigen dadurch, dass sie noch radikaler sind als die Novembermänner, nur haben sie sich den Mantel Friedrichs des Großen umgehängt. Alles wird von den Leuten ja beseitigt: die Fürsten, der Adel, die Offiziere, die Stände usw.“

Und ebenso wie die Novembermänner übten die Nationalsozialisten, namentlich Hitler, militärisch wirksamen Verrat. So geschehen 1943, als Hitler ein Friedensangebot Josef Stalins aus ideologischer Verblendung einfach in den Wind schlug. Noch viel gravierender dürften langfristig die verbrecherischen Aktionen der SS und des SD hinter dem Rücken der Front gewesen sein, womit der größtenteils ehrliche und tapfere Kampf des einfachen Soldaten für seine Heimat moralisch diskreditiert wurde.

Der totale Liberalismus

Mit dem Anlanden westalliierter Truppen in der Normandie schien der Liberalismus, der zuvor von vielen Seiten unter Beschuss stand, seinen endgültigen Siegeszug angetreten zu haben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion stand ihm scheinbar nichts mehr im Wege. Der Bruderkrieg zwischen den drei Ideologien der Moderne, die alle ihre Wurzeln in den von Logen dominierten geistigen Giftküchen des vorrevolutionären Frankreichs haben, schien entschieden. Die Lehre vom totalen Liberalismus, von der Befreiung von allem Möglichen, scheint noch heute alternativlos.

Doch die ideologischen Grenzen beginnen seit einiger Zeit zu verschwimmen. Zwar kann das nur an gewissen geistigen Hauptströmen beobachtet werden, da es kein offizielles Lehramt der Moderne gibt. Die Tendenz ist jedoch unübersehbar. Es zeichnet sich ein geistiger Hauptstrom ab, der neben der liberalen Lehre von der absoluten Freiheit und dem totalen Individuum auch das sozialistische Gleichheitsideal beinhaltet. Kommt noch der am ehesten dem Nationalsozialismus nahestehende westliche Kulturchauvinismus hinzu, wonach die westliche Kultur wegen Demokratie und Menschenrechten allen anderen Kulturen überlegen sei, dann werden die Widersprüche des modernen Mainstreams offensichtlich. Es wächst wohl zusammen, was zusammengehört.

Immer noch kein Ende?

Man kann sich nun fragen, ob das moderne Konstrukt des Geisteslebens aufgrund seiner vielen Widersprüche nicht automatisch in sich zusammenbrechen muss. Es ist unwahrscheinlich, dass dies einfach so passiert. Der Kaiser bleibt nackt, bis sich jemand traut, diese Tatsache auszusprechen. Damit ist es aber in unserem Fall noch nicht getan. Dem Kaiser müssen zudem neue Kleider besorgt werden. Und hier dürfte die eigentliche Herausforderung liegen. Wo setzen wir nach über einhundertjähriger ideologischer Irrfahrt an?

Es mangelte seit dem großen Zusammenbruch von 1918 nicht an Ideen, wie man den damit einhergehenden Verirrungen begegnen könnte. Solange diese jedoch ihr Dasein in den Bücherschränken einiger weniger fristen, können sie nichts bewegen. Es braucht mehr kreative Denker, die mit ihren Werken den Beton des Zeitgeistes durchbrechen. Wir können derweil nur hoffen, dass daraus irgendwann der zündende Gedanke zur Überwindung der Moderne entsteht. Ansonsten wird Deutschland, wird ganz Europa von der weltpolitischen Bühne abtreten und kommenden Geschlechtern ein kulturelles Trümmerfeld hinterlassen.


6 Kommentare zu “Deutschland im Kreuzfeuer moderner Ideologien

  1. Was soll denn immer dieses »scheinbar unaufhaltsamer Niedergang«?
    Andernorts mehren sich die Zeichen für einen Abgang des Globalismus. Der Kampf um Europa ist in vollem Gange, die Linke hat noch jahrzehnte Propaganda-Vorsprung. Es ist nichts gewonnen und nichts verloren.

  2. @ Tobias Schaar

    „Und ebenso wie die Novembermänner übten die Nationalsozialisten, namentlich Hitler, militärisch wirksamen Verrat. So geschehen 1943, als Hitler ein Friedensangebot Josef Stalins aus ideologischer Verblendung einfach in den Wind schlug.“ (Deutschland im Kreuzfeuer moderner Ideologien, 18. Dezember 2019)

    Abgesehen von dieser aus unserer Sicht sehr gewagten Formulierung, würden wir sehr gerne die Quellen erfahren, auf die Sie sich hierbei genau stützen bzw. beziehen. Michel W.

  3. Tobias Schaar

    @ Michael W.

    „Abgesehen von dieser aus unserer Sicht sehr gewagten Formulierung, würden wir sehr gerne die Quellen erfahren, auf die Sie sich hierbei genau stützen bzw. beziehen.“

    Sehr gerne.
    Zum einen beziehe ich mich auf die Aufzeichnungen des Mitarbeiters Joachim von Ribbentrops, Peter Kleist. („Zwischen Hitler und Stalin.“ Athenäum-Verlag.1950)

    Zum anderen auf einen Artikel von Bernd Brill. („Stalingrad und die große Politik.“ In: Deutsche Geschichte. 02/18. Druffel&Vowinckel-Verlag.)

    Interessant zu diesem Thema sind ebenfalls die Aussagen Joachim von Ribbentrops während des Prozesses in Nürnberg.

    Ebenso empfiehlt sich die Lektüre des Buches „Gespräche mit Göring.“(Wolf-Verlag.1950)

  4. @ Tobias Schaar

    „Zum einen beziehe ich mich auf die Aufzeichnungen des Mitarbeiters Joachim von Ribbentrops, Peter Kleist. („Zwischen Hitler und Stalin.“ Athenäum-Verlag.1950) …“

    Wir konnten es uns denken, daß Sie sich auf die „schwedischen Geheimverhandlungen“ und damit ihr weiteres Umfeld (zuvörderst deutsche militärische Widerstandskreise) beziehen. Manche Nachkriegslegenden sind einfach nicht totzukriegen, und daher empfinden wir es auch als müßig, sich dahingehend heute noch auf Diskussionen einzulassen. Trotzdem danken wir Ihnen für die bereitwillige Offenlegung Ihrer Quellen. Michel W.

  5. In einem Papier der Uni Freiburg gibt Bernd Martin einen Überblick über Kontaktbemühungen zwischen SU und Deutschland (über google zu finden).

  6. Historische Perspektiven und Illusionen

    „In einem Papier der Uni Freiburg gibt Bernd Martin einen Überblick über Kontaktbemühungen zwischen SU und Deutschland“ (Dhünn am 23. Dezember 2019)

    Vor dem machtpolitischen Hintergrund während des Zweiten Weltkrieges spricht der Historiker Bernd Martin, insbesondere mit Blick auf das nationalsozialistische Deutschland und kommunistische Sowjetrussland, von „für den faktischen Kriegsverlauf irrelevanten Friedensinitiativen“. – Zitiert nach „Das Dritte Reich und die Friedens-Frage im Zweiten Weltkrieg“ in Wolfgang Michalka (Hrsg.) „Nationalsozialistische Außenpolitik“ Darmstadt, Wissenschaftliche Buchges. 1978 (Sonderdrucke, Universität Freiburg) – Die Details solcher Verbindungen, dazu mit ihren implizierten alternativen Perspektiven (nicht nur der Stockholmer), mögen faszinieren bzw. immer noch zu Reflexionen anreizen, doch sollte man aus unserer Sicht, u. a. mit Blick auf obige Schlusseinschätzung des Historikers B. Martin, dabei sehr vorsichtig mit allzu weitreichenden (persönlichen) Deutungen sein. Und noch dazu ab 1943, ein Kriegsjahr der Zäsur. Auch wenn die Initiative erst Ende Juli 1943 („Unternehmen Zitadelle“, Panzerschlacht bei Kursk) von der Wehrmacht (der ab diesem Zeitpunkt keine wirklichen strategischen Reserven mehr zur Verfügung standen) endgültig auf die Rote Armee überging, so glaubt wohl kaum jemand, daß Stalin und die sowjetische Führung nach der Schlacht um Stalingrad (Winter 1942/1943) überhaupt noch ernsthaft an einen Verständigungsfrieden mit NS-Deutschland dachten – wenn das überhaupt jemals der Fall gewesen sein sollte.

    @ Tobias Schaar

    Von Peter Kleist haben wir uns das Buch „Die europäische Tragödie“ (Göttingen 1961) antiquarisch bestellt, um es schnellstmöglich zu lesen. Der Autor als solcher ist uns aber bekannt. Persönlich sei uns noch die Bemerkung erlaubt, daß jemand umso zurückhaltender deutet, je mehr er gelesen hat, zumal wenn es um große politische und historische Zusammenhänge und Sachverhalte geht. Als Einzelner ist es ohnehin nahezu unmöglich alles zu überblicken bzw. zu wissen – wie u. a. auch Armin Mohler feststellte. Abgesehen davon, gibt es wohl kaum ein Ereignis, zu dem es nicht verschiedene, ja gegensätzliche Meinungen, Standpunkte und Deutungen gibt. Das Thema Russland – hauptsächlich der Zeitraum von 1905 bis 1953 – beschäftigt uns nun schon seit Jahrzehnten und scheint dennoch unerschöpflich zu sein. NS. Kennen Sie die Bücher von Viktor Suworow (W. B. Resun); Das Buch „Der Eisbrecher – Hitler in Stalins Kalkül“ (Stuttgart 1989) sollten Sie unbedingt einmal lesen, wenn Sie es bisher nicht getan haben. Michel W.

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