Alter Blog

Die andere Heimat

Bereits im Oktober haben wir den Film Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht von Edgar Reitz empfohlen. Nun endlich zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich es geschafft, mir die fast vier Stunden im Kino anzusehen. Mein Urteil: Der beste deutsche Film, mindestens seit Die kommenden Tage von 2010.

Bei Die andere Heimat wirkt jedes Einzelbild wie ein Gemälde. Edgar Reitz entfaltet eine einzigartige Schwarz-Weiß-Bildsprache, die perfekt zum Heimat-Thema und der Landschaft des Hunsrücks paßt. Aber auch inhaltlich ist der Film wahnsinnig stark:

Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes aus dem 19. Jahrhundert, der von einer Auswanderung nach Brasilien träumt und sich intellektuell darauf vorbereitet, während andere die lange Reise schon wagen. Im Gegensatz zu seiner Familie, die glaubt, es gebe keine Alternative zu harter handwerklicher Arbeit, erschließt sich Jakob Simon die Welt über das Lesen.

Der Film hat mich deshalb so begeistert, weil er die Ambivalenz des Heimat-Begriffs in beeindruckende Bilder packt und dabei äußerst vielschichtig ist: Die Heimat wird präsentiert als Ort der Geborgenheit – für die Bündischen unter euch sind Volkstanzszenen dabei, für die Burschenschafter Studentenlieder. Gleichzeitig ist die eigene Heimat aber auch ein hartes Schicksal, dem man sich anscheinend ergeben muß.

Die Liebe zur Heimat gibt erst die Möglichkeit, auch das Fremde zu erkennen, und doch will Edgar Reitz wohl zum Ausdruck bringen, daß diese Differenz nur wenige erkennen – nämlich diejenigen, die auf geistige Distanz zur Heimat gehen können. Die anderen führen – so war es zumindest noch bis ins 19. Jahrhundert hinein – ein eintöniges, hartes Leben voller Arbeit und ihnen fehlt der Horizont, sich überhaupt etwas anderes vorstellen zu können. Da der Film zu einer Zeit spielt, wo Deutschland an der Schwelle zur Industrialisierung und Moderne stand, kann er wunderschön die Gleichzeitigkeit von vor- und rückwärtsgewandtem Denken illustrieren.

Die andere Heimat ist kein Film, der die Heimat glorifiziert. Gerade deswegen lohnt sich die Auseinandersetzung mit ihm. Unbedingt einmal ansehen! Hier kann der Film z.B. als DVD vorbestellt werden (erscheint am 30. April 2014).

Verwandte Themen

Filmkritik: Abgeschnitten Schneeturm über Helgoland.  Die Stimmung gleicht einem Weltuntergang. Eine Evakuierung ist ausweglos. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Bewohner...
Lara Croft und der Mythos In den 1990er-Jahren erlangten das Computerspiel Tomb Raider und dessen Hauptprotagonistin Lara Croft Kultstatus. Das für heutige Verhältnisse simple ...
Die Kehrseite der modernen Technik Seit Dezember läuft nunmehr die vierte Staffel der britischen Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ auch auf Deutsch. Trotz des breiten Angebotes ...

Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

1 Kommentar zu “Die andere Heimat

  1. Ich habe auch eine Empfehlung bezüglich der Heimat für Sie:
    Die »Heimat ist ein Paradies« Bücher: http://tomorden.npage.de/heimat-ist-ein-paradies.html
    Ich hab sie beide gelesen und sie sind wirklich klasse 🙂
    Einfach nur schön.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo