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Die Bedeutung des Handelns

Ausgerechnet zu unserer ersten sehr schönen Lyrik-Kolumne über Eichendorff entwickelte sich bei »Gesichtsbuch« eine heftige Diskussion unserer Leser über den Sinn kultureller Beschäftigung und die Notwendigkeit politischen Handelns. Ich habe das nur kurz mit dem Hinweis kommentiert, daß man sich gerade aufgrund der kranken Welt der Politik seine Lebensfreude und Begeisterung für andere Bereiche wie Kunst und Kultur nicht nehmen lassen darf.

Daneben liegt hier aber auch ein krasses Mißverständnis des »Handelns« vor. Warum heißt das Motto unserer Zeitschrift eigentlich »lesen und handeln«? Wäre nicht »lesen und sich vernünftig verhalten« besser? Oder für die Angriffslustigeren »lesen und propagieren« oder gleich »lesen und später eine Partei gründen«?

Wer die elementare Bedeutung des Handelns begreifen will, der ist (wieder einmal) bei Hannah Arendt bestens aufgehoben. Sie beschreibt in Vita activa. Vom tätigen Leben ganz ausführlich, wie das Handeln in der Moderne verloren geht und sich eine willkommene Passivität – ein »Sich Verhalten« – breit macht. Fangen wir beim Urschleim an:

Handeln allein ist das ausschließliche Vorrecht des Menschen; weder Tier noch Gott sind des Handelns fähig, und nur das Handeln kann als Tätigkeit überhaupt zum Zuge kommen ohne die ständige Anwesenheit einer Mitwelt.

Politisches Handeln nun fange bereits mit dem Sprechen an. Es gehe um

das Finden des rechten Wortes im rechten Augenblick, ganz unabhängig von seinem Informations- oder Kommunikationsgehalt an andere Menschen (…) Stumm ist nur die Gewalt, und schon aus diesem Grunde kann die schiere Gewalt niemals Anspruch auf Größe machen.

Ich habe diese Verbindung zur Gewalt extra zitiert, damit klar wird, daß Taten wie Oslo niemals auch nur im entferntesten Sinne etwas mit einer politischen Handlung zu tun haben können und Vergleiche zwischen uns und einem durch Islamkritik angeblich inspirierten Täter eine absolute Frechheit sind.

Man muß den politischen Handlungsbegriff aber auch noch in andere Richtung abgrenzen: Wesentlich ist, daß er nichts mit dem Haushalten, Verwalten und Wirtschaften zu tun hat. Alle diese Tätigkeiten, die der Wohlfahrtstaat heute übernimmt, sind letztlich unpolitisch, weil sie nur Versorgungsmaßnahmen sind, die früher die Familie im Privaten übernommen hat. Der moderne Staat ist also eine »gigantische Über-Familie«, dem die Frage nach der politischen Freiheit völlig egal ist. Aus dieser Konstellation leitet sich auch die Schwierigkeit einer Rückeroberung der Freiheit ab. In der Massengesellschaft ist es fraglich, ob die Politik neben dem Versorgen der Menschen überhaupt noch andere Aufgaben wahrnehmen kann.

Nun kommt der entscheidende Punkt:

Diese moderne Egalität, die auf dem der Gesellschaft inhärenten Konformismus ruht und nur möglich ist, weil das Sich-Verhalten an die Stelle des Handelns in der Rangordnung menschlicher Bezüge getreten ist, unterscheidet sich in jeglicher Weise von der Gleichheit, wie wir sie aus der Antike und vor allem durch die griechischen Stadt-Staaten kennen. Zu der immer kleinen Zahl der »Gleichen« zu gehören bedeutete dort, daß man unter Ebenbürtigen sein Leben zubringen durfte, was an und für sich bereits einem Privileg zukam; aber die Polis, also der öffentliche Raum selbst, war der Ort des heftigsten und unerbittlichsten Wettstreits, in dem ein jeder sich dauernd vor allen anderen auszeichnen mußte, durch Hervorragendes in Tat, Wort und Leistung zu beweisen hatte, daß er als ein »Bester« lebte.

Genau diesen Ideenwettstreit um das »Beste« im politisch-öffentlichen Raum hat unser Land so nötig und gerade die Intellektuellen müßten sich lautstark dafür einsetzen, daß die Handlung wieder eine relevante Bedeutung erhält. Das Handeln ist direkt mit der Freiheit verbunden. Wo keine Freiheit ist, ist jede Handlung unmöglich. Wo es keine Handlungen gibt, gibt es auch keine Freiheit.

Die steigende Flut des Sich-Verhaltens bringt laut Arendt eine bürokratische Herrschaft hervor, eine »Herrschaft des Niemand«, die mittels »social engineering« die Bürger kontrolliert. Dieses Erziehungsprogramm zum »Profi-Bürger« und »Diplom-Konsumenten« gestalten absurderweise auch die gegenwärtigen intellektuellen Eliten mit, denen es – würden sie ihren politischen Auftrag ernst nehmen – eigentlich um die Sache der Freiheit gehen müßte.

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