Anstoß

Die Deutschen und ihr Wald – eine große Liebe

Der Hambacher Forst bleibt – vorerst. Die Polizei ist aus dem Wald abgezogen und RWE wird vorläufig nicht weiter den Wald abholzen.

Dafür hat das Oberverwaltungsgericht Münster gesorgt und einen Rodungsstop verhängt. Und obwohl an dieser Stelle deutlich gesagt werden muss, dass die Methoden der Waldbesetzer, dieser arbeitsscheuen Baumhausbewohner, abzulehnen, ja nicht einmal deren Motive wirklich nachzuvollziehen sind, stellt sich dennoch die Frage: Abseits aller Anti-Kohlekraft-Proteste ist es dennoch interessant zu sehen, wie der Wald die Gemüter in Deutschland zu erhitzen vermag.

Die Deutschen und ihr Wald – eine interessante Liebesgeschichte. Die Deutschen verbindet wohl mehr mit dem Wald als andere Völker. Zumindest ist es nicht bekannt, dass andere Nationen so derart den Wald lieben. Nicht umsonst galt der „Deutsche Wald“ in der Romantik als maßgebliche Metapher einer Sehnsucht. Der Wald als gesunde, natürliche Antithese zur Industrialisierung mit ihren Fabriken und Schornsteinen. Mit ihrer Hektik und ihrer schlechten Luft. Selbst der deutsche Nationalmythos ist eng verbunden mit dem Wald. Schließlich besiegte Hermann der Cherusker die Römer in einem Wald.

Trotz hoher Bevölkerungsdichte haben wir den Wald erhalten

Wir Deutschen kümmern uns um unseren Wald. Es kommt nicht von ungefähr, dass trotz einer unwahrscheinlich hohen Bevölkerungsdichte dennoch ein Drittel der Fläche Deutschlands von Wald bedeckt ist, rund 11,4 Millionen Hektar. Und auch wenn man es kaum glauben kann: Deutschland hat ein größeres Holzvolumen wie Schweden oder Finnland mit ihren scheinbar unendlich großen Wäldern.

Logisch! In einem Land, in dem Baumsetzlinge per Flugzeug eingeflogen wurden. Während der Berlinblockade der Russen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Baumsetzlinge über die Luftbrücke nach Berlin geschafft. Man hat zwar kaum was zu beißen, aber dennoch gilt die Sorge auch der durch Krieg und Besetzung verlorenen Bäume, beziehungsweise der schnellst möglichen Ersetzung dieser.

Man muss sich nur vor ein Bild des Mahlers Caspar David Friedrich stellen um den Wald als einen Ort der schlichten Schönheit zu begreifen. Und nicht umsonst gilt der Wald als ein gesundes Umfeld. Wie der wohl bekannteste Förster Deutschlands Peter Wohlleben in seinem Buch Das geheime Leben der Bäume scheibt: „Waldluft ist der Inbegriff von Gesundheit.“ Und in der Tat: Der Wald wirkt wie ein riesengroßer Staubpartikelfilter.

Wald macht gesund

Pro Hektar und Jahr sind das bis zu 7.000 Tonnen Schwebepartikel, die der Wald aus der Luft filtert. Waldluft wirkt nicht nur sauber, sondern ist es auch. Zudem senkt er die Keimbelastung in der Luft. Vor allem Nadelwälder sind für ihre keimarme Luft bekannt und daher vor allem bei Allergikern geschätzt. Ein weiterer interessanter Aspekt: Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass vor allem in Eichenwäldern der Blutdruck sinkt, die Lungenkapazität und Arterienelastizität hingegen steigt.

Auch ist der Wald unsere grüne Lunge. Immerhin bis zu 10.000 Kilogramm Sauerstoff werden pro Quadratkilometer Wald an einem Sommertag produziert. Damit sind wir, zumindest im Sommer, sauerstoffautark!

Auch aus ökonomischer Perspektiver hat der deutsche Wald einiges zu bieten. So ist dieser ein nicht zu unterschätzender Arbeitgeber. Immerhin arbeiten im Forstgewerbe und dem dazugehörigen Sekundärgewerbe wie Holzverarbeitung und Papierfabriken über 1,1 Millionen Menschen.

„Besonders in den ländlichen Räumen“, wie Georg Schirmbeck, Präsident des Forstwirtschaftsrats (DFWR), betont, „hängen viele Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Fort- und Holzwirtschaft ab, die hier eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung entfaltet. (…) Viele Unternehmen der heimischen Holzwirtschaft haben ihre Standorte ganz oder teilweise im ländlichen Raum.“ Auch der Jahresumsatz kann sich sehen lassen: rund 180 Milliarden Euro.

Der deutsche Wald wächst

Nun ist die Frage, ob 200 Hektar Hambacher Forst bei einer Gesamtfläche von über 11.000.000 Hektar Wald ins Gewicht fallen. Währet den Anfängen, heißt es ja so schön. Nur ist trotz der immer noch drohenden Rodung von 200 Hektar Wald in den letzten vier Jahrzehnten der deutsche Wald rund eine Million Hektar größer geworden. Und er wächst weiter. So wachsen jährlich rund 122 Millionen Kubikmeter Holz nach – immerhin knapp vier Kubikmeter pro Sekunde – bei einer jährlichen Entnahme von rund 76 Millionen Kubikmetern. Nachhaltigkeit geht so!

Eine gänzlich andere Frage ist die nach der qualitativen Bedeutung des Waldes. Und hier sind besonders alte und naturbelassene Wälder von Bedeutung. Der Hambacher Forst ist ein sogenannter „Altwald“. Also ein grundsätzlich bewirtschafteter Wald, der jedoch einen hohen Anteil an Altbestand, also an alten Bäumen hat, sowie verschiedene Altersgenerationen von Bäumen beherbergt.

Ordnung und Effizienz

Was wir Deutschen neben dem Wald aber mindestens ebenso sehr lieben wie den Wald, ist Ordnung und Effizienz. Und diese machen auch vor dem Wald nicht halt. So wird auch dieser kartographiert, katalogisiert und wirtschaftlich genutzt. So ist der durchschnittliche Baum in Deutschland 77 Jahre alt. Für Lebewesen, die natürlicherweise mehrere Hundert, gar Tausend Jahre alt werden, also geradezu jugendlich.

Dennoch werden auch hier Anstrengungen unternommen, Abhilfe zu schaffen. So werden immer mehr Waldreservate eingerichtet in Form von Nationalparks und Naturreservaten. So gibt es derzeit 136.000 Hektar Wald in Nationalparks auf deutschem Boden, sowie 55.545 Hektar in Naturreservaten, beispielsweise in Bannwäldern. Diese Praxis, alle forstwirtschaftliche Tätigkeit aus dem Wald zu verbannen, geht bis in das Mittelalter zurück, obwohl heutige Bannwälder in den allerwenigsten Fällen noch aus selbigen stammen.

Wirklich naturbelassene Wälder gibt es in Deutschland kaum noch. Es handelt sich lediglich um einen Anteil von unter einem Prozent der gesamten Waldfläche. Primärwälder – Wälder, die noch nie bewirtschaftet wurden – sind noch seltener. So ist nicht einmal der Wald auf der deutschen Insel Vilm ein Ur- oder Primärwald, obwohl hier seit über 450 Jahren kein Baum mehr gefällt wurde. Denn die Fläche wurde lange Zeit noch beweidet. Auch sind die Flächen in Deutschland, auf denen der Wald wieder sich selbst überlassen wird, oft nicht älter als 90 Jahre.

Abwägung: Kohle oder nicht?

Ob der Rumpfbestand des ehemaligen Bürgewaldes nun erhalten werden soll oder nicht, ist eine Abwägungssache. Brauchen wir die Kohle oder nicht. Vergessen werden sollte bei der ganzen Diskussion aber nicht, dass die gleichen, die dort mit Feuereifer für den Wald gekämpft haben und nicht müde wurden zu betonen, wie wichtig der Wald als ökologisches Reservat sei, an anderer Stelle der grünen Energie und einer glorreichen Zukunft zujubeln, wenn massenhaft Windräder aufgestellt werden.

Dass allein für ein einziges Windrad teilweise kilometerlange Schneisen in Wälder geschlagen werden, und tausende, teils ebenfalls sehr alte Bäume weichen müssen, wird außer Acht gelassen. Der Zweck heiligt die Mittel, wenn es der eigenen Sache dient. Wurde der Hambacher Forst letztlich nur als faule Ausrede missbraucht, der Energiewirtschaft und dem „Kapitalismus“ mal wieder den Kampf anzusagen?

(Bild: Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald, 1810)

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